Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

10.02.2012

Wir sind eins. ARD
Das Logo von ARD.de

http://www.ard.de/-/id=1491436/1ge7xab/index.html

Technik & Forschung

Beginn des Inhaltes

Interview mit dem Informatik-Professor Raúl Rojas

"Der Computer hatte viele Väter"

Im Jubiläumsjahr feiert Deutschland Konrad Zuse als Erfinder des Computers - zu Unrecht, sagt Informatik-Professor Raúl Rojas im Interview mit ARD.de. Richtig sei, dass Zuse einer der Väter des Computers sei.

Im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) wird eine Röhre des Großrechners Z 22 gezeigt. Foto: picture-alliance/dpa

ARD.de: Herr Rojas, Sie haben schon vor zehn Jahren ein Buch über die Geschichte der ersten Computer mit herausgegeben. Wäre es denn falsch, von Konrad Zuse als dem Erfinder des Computers zu sprechen?

Raúl Rojas: Richtiger wäre es zu sagen, dass mehrere Länder jeweils ihre eigenen Computer-Erfinder haben. Neben Deutschland sind das die USA und Großbritannien, jeweils mit ganz anderen Motivationen: Die US-Amerikaner wollten im Zweiten Weltkrieg Tabellen für die Artillerie berechnen lassen, die Briten suchten nach einer Möglichkeit, die Funksprüche der Deutschen zu knacken. Allein Zuse hatte eine rein kommerzielle Vision. Er wollte die Ingenieure entlasten und eine Maschine für den Schreibtisch bauen.

Das heißt, man kann von einer parallelen Entwicklung sprechen?

Ja, bei allen unterschiedlichen Motivationen wurde doch in den drei Ländern gleichzeitig am ersten Computer gearbeitet - und das mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Zuse war sicherlich der erste, der an Computer dachte, die auf dem binären System basieren. Allerdings beherrschten seine Rechner den bedingten Sprung nicht. Das ist ein grundlegendes Element der Architektur heutiger Computer, mit dem diese ständig ihren Rechenweg ändern können. Den Maschinen der Amerikaner und Briten fehlte dieses Element allerdings auch, daher würde ich alle diese Rechner jener Zeit nicht als Äquivalent für moderne Computer bezeichnen.

Worin unterschieden sich die Rechner dann?

Jeder benutzte eine andere Technik. Während die Briten und Amerikaner auf Vakuumröhren setzten, benutzte Zuse mechanische Elemente. Das lag einfach an seinen Erfahrungen und seiner Biografie. Allerdings hatte Zuse damit die weniger zukunftsträchtige Technik, die nicht mehr in die 1950er und 1960er Jahre passte. Auch daran sollte Zuses Unternehmen, die Zuse KG später kaputt gehen.

Wer hat nun aber den Computer erfunden?


Beginn Texteinschub
Zur Person:
Raúl Rojas ist Professor für Künstliche Intelligenz an der Freien Universität Berlin. Zuvor war er von 1994 bis 1997 in gleicher Funktion an der Martin-Luther-Universität Halle beschäftigt. 1998 gab der gebürtige Mexikaner das Buch "Die Rechenmaschinen von Konrad Zuse" heraus, in dem zum ersten Mal die Schaltungen der Z3 offengelegt wurden. Zwei Jahre später erschien der Band "The first Computers". Rojas beschäftigt sich bereits seit Jahren mit der Geschichte des Computers und ist Mitglied der Redaktionsleitung der Zeitschrift "Annals of the History of Computing".
Ende Texteinschub

Das ist ganz schwer zu sagen und das gleiche, als würde man fragen, wer das Rad erfunden hat. Der Computer hatte mehrere Väter. Zuse war dabei ganz isoliert: Kaum jemand wusste von seinen Maschinen. Es ist eben nicht nur wichtig, wer die erste Idee hatte, sondern auch, wer sie auf den Markt gebracht hat. Im Krieg konstruierte Zuse auch für das Militär, diese Maschinen waren natürlich geheim. Nach dem Krieg verlor er im zerstörten Deutschland fünf Jahre, in denen er erst einmal seine Firma wieder aufbauen musste. Fünf Jahre in der Computerentwicklung sind eine Ewigkeit. Damit ist die Wirkung von Zuse in der Nachkriegszeit minimal. Das ist auch seine Tragödie: Alles erfunden, aber kaum gewirkt zu haben.

Sie haben Konrad Zuse 1994 noch persönlich kennen gelernt. War ihm diese Tragödie bewusst?

Er hat ein wenig darunter gelitten, dass er in anderen Ländern nicht so anerkannt wurde. Das hat schon an ihm genagt. Auf der anderen Seite hatte er ein unglaubliches Selbstbewusstsein: Für ihn gab es die Frage, wer den Computer erfunden hatte, gar nicht. Allerdings war er auch der einzige, der seine Maschinen wirklich verstand.

Wie war Zuse, damals immerhin schon 84, sonst im persönlichen Kontakt?

Er war ein sehr netter Herr, allerdings hörte er nicht mehr so gut, das war etwas anstrengend. Vor allem aber hat mich seine Selbstsicherheit fasziniert. Damals habe ich begriffen, dass Genialität nicht reicht - man muss auch selbstbewusst sein.

Sie haben 2000 den Nachbau der Z3, Zuses berühmtesten Computer, mitinitiiert. Wie kam es dazu?

Ich habe mich schon in den 1990er Jahren für die Geschichte des Computers interessiert. Dabei war natürlich auch Zuse interessant für mich, allerdings gab es über ihn kaum etwas. Als ich ihn dann 1994 kennen lernte, gab er mir die Patentanmeldungen für den Z3. Auf dieser Grundlage habe ich eine Simulation am Computer entwickelt, um alle Schaltungen zu verstehen. Da lag es nahe, die Z3 auch gleich nachzubauen. Zuse hatte die Z1 und die Z3 zwar schon selbst nachgebaut, aber nie etwas dokumentiert. Das haben wir nachgeholt.

Wir befinden uns nun im Zuse-Jahr anlässlich seines 100. Geburtstages mit zahlreichen Ausstellungen, Symposien und anderen Jubiläumsveranstaltungen. Wird hier dann nicht einfach nur ein Mythos gefeiert, wenn der Computer doch mehrere Väter hatte?

Das Problem ist, dass immer alles verkürzt dargestellt wird: Zuse hat den Computer erfunden, Punkt. Dabei ist es viel komplexer. Es gab wie gesagt eine gleichzeitige Entwicklung, also ist Zuse der Mit-Erfinder des Computers. Er war zur richtigen Zeit am falschen Ort: Wäre der Krieg nicht gewesen oder hätte Zuse in einem anderen Land ungestörter arbeiten können, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen und Berlin heute wie Silicon Valley. Sicher gibt es in Deutschland Grund, stolz auf Zuse zu sein, aber auf mich als Mexikaner wirkt das ein wenig wie ein Minderwertigkeitskomplex. Die Amerikaner etwa machen das nicht, das haben sie nicht nötig. Und auch Deutschland als Industrienation mit vielen Nobelpreisträgern hätte das in meinen Augen nicht nötig.

Was sind dann aber wirklich Konrad Zuses Verdienste?

Nachbau von Zuses Z3 im Deutschen Museum München Foto: Wikimedia Bild gross Nachbau von Zuses Z3 im Deutschen Museum München

Er hat viele Konzepte entwickelt, die heute noch modern sind, so etwa die Trennung von Speichern, die Einführung von Fließkommazeichen oder die Entwicklung der Programmierbarkeit von Rechnern. Außerdem dachte er an den Computer als Maschine für den Schreibtisch, quasi als Vorläufer unserer heutigen PCs, und viele weitere technische Einzelheiten. Dazu erfand er die erste High-Level-Programmiersprache, nämlich "Plankalkül" - leider nur als theoretischen Entwurf, implementiert wurde sie nie. Insgesamt hat er viel geleistet, nur hat die Welt zu seiner Zeit nie wirklich davon erfahren.

Haben Sie keine Angst, sich unbeliebt zu machen, wenn Sie ausgerechnet im Zuse-Jahr sagen, dass er den Computer gar nicht allein erfunden hat?

(lacht) Nein, ich habe mich ja wirklich intensiv mit Zuse beschäftigt, mit seinen Schaltungen gearbeitet und weiß also, wovon ich spreche, das ist keine Dampfplauderei. Außerdem komme ich ja nicht aus Deutschland, sondern aus Mexiko, und kann mit nüchternem Blick von außen darauf schauen.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Stand: 22.06.2010

Die ARD ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
 Standort:
© SWR 2012

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW