Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

Aus dem Archiv von ARD.de

http://www.ard.de/-/id=752566/1iqiu3g/index.html

Junge und alte Lehrer

"Ich würde gerne mal bei den Kollegen reinschauen"

Manche Lehrer sind kaum älter als ihre Schüler, andere sind eher so alt wie deren Großeltern. Doch es muss kein Nachteil sein, wenn mehrere Generationen zusammen im Lehrerzimmer sitzen – sagen zumindest zwei Pädagogen aus Velbert, Jahrgang 1978 und 1946.

Mann und Frau im Gespräch Foto: WDR/Herrmanny

Astrid Günther und Gerd Schäfers im Gespräch

Astrid Günther ist 29 Jahre alt und unterrichtet seit vier Jahren an der Gesamtschule Velbert-Mitte Mathematik und Sport. Ihr Schulleiter, Gerd Schäfers (61), ist Gründungsdirektor der Schule. Er ist Lehrer für Biologie und Chemie. Seine Kinder – mit 33 und 30 Jahren beide älter als Astrid Günther – haben ebenfalls die Gesamtschule besucht.

ARD.de: Frau Günther, Sie werden voraussichtlich noch 38 Jahre arbeiten. Bei Ihnen, Herr Schäfers, ist das Ende des Berufslebens absehbar. Mit welchen Gefühlen kommen Sie jeden Tag in die Schule?
Gerd Schäfers: Viele ältere Kollegen tun das mit einer erstaunlichen Durchhaltefähigkeit und Konsequenz, weil sie ihren Beruf lieben. Andererseits haben gerade sie sehr unter bestimmten Neuerungen gelitten und fragen sich: Haben wir denn bisher alles falsch gemacht? Ich habe doch so und so viele Schüler zum Abschluss gebracht und jetzt soll ich mich im hohen Alter noch fortbilden und umstricken? Das kann man menschlich verstehen.
Astrid Günther: Die Rahmenbedingungen machen das Unterrichten immer schwieriger, zum Beispiel die Lernstandserhebungen oder die zentralen Abschlussprüfungen. Man hat ständig Druck und Vorgaben, was man noch alles schaffen muss. Ich mache mir dann Sorgen, ob ich das mit den Schülern tatsächlich hinkriege.
Gerd Schäfers: Das war anders, als ich ein junger Lehrer war: Da konnte man auch mit den Schülern schon mal Themen absprechen, die sie selbst interessierten. Und ich konnte eigene Schwerpunkte einbringen.

Können Sie beide denn voneinander lernen?
Astrid Günther: Beim Klassenmanagement habe ich sehr davon profitiert, dass der andere Klassenlehrer ein erfahrener Kollege war. Das hätte ich mir alleine nicht zugetraut. Und auch aus der Referendariatszeit habe ich viel mitgenommen. Ich fände es jedoch schön, wenn man auch jetzt noch die Möglichkeit hätte, in den Unterricht der Kollegen hineinzusehen, weil man viele Ideen sammelt, die man in den eigenen Unterricht integrieren kann.
Gerd Schäfers: Auch ich wünsche mir Ruhepausen in der Schule, ein bestimmtes Kontingent für Hospitation und Austausch. Es ist leider immer noch so, dass man als Lehrer hinter sich die Tür schließen und den Einzelkämpfer geben kann. Was ich von jungen Kollegen lerne, sind Lebensfreude und Frische, die sich auch auf das Kollegium und das Betriebsklima auswirken. Mir ist es allerdings als junger Lehrer schwergefallen, dass der Rektor trotz gleicher Ausbildung mein Dienstvorgesetzter war.

Astrid Günther (li.) und Gerd Schäfers Foto: WDR/Herrmanny

Lernen vom andern: Meist bleibt dazu keine Zeit

Sie sind Abiturjahrgang 1966, Herr Schäfers. Was hat sich in der Schule seit damals geändert?
Gerd Schäfers: Die Schüler stehen mehr im Mittelpunkt, werden mehr als Subjekte wahrgenommen als früher. Ich hatte eine Menge Lehrer, die die braunen Stiefel noch nicht ausgezogen hatten, da hat man die Gesinnung und Einstellung noch gemerkt. Sogar in der Lehrerausbildung habe ich viele Dinge erfahren, die sehr nah an dem waren, was ich als Schüler erlebt hatte. Das entsprach meinen pädagogischen Vorstellungen überhaupt nicht. Ich wollte schon vieles anders machen.

Sie auch, Frau Günther?
Astrid Günther: Eher nicht. Ich bin ja von der Schule direkt ins Studium gegangen und habe auch das Studieren als sehr angenehm empfunden. Ich fand es allerdings sehr wissenschaftlich und wenig pädagogisch. Ich habe jedoch gleichzeitig an einer Hauptschule Förderkurse für Migrantenkinder gegeben, auch dabei habe ich viel für den Lehrerberuf und von älteren Lehrern gelernt. Man kann auch das gesamte Studium jedoch auch durchlaufen, ohne jemals unterrichtet zu haben.
Gerd Schäfers: Dass du das bemängelst, finde ich bezeichnend. In anderen Ländern gibt es mehr pädagogisch ausgerichtete Seminare. Hier denken viele Lehrer, sie müssten nur wissenschaftliches Wissen mehren. Bei denen steht das Fachliche im Vordergrund.
Astrid Günther (lacht): Da müssten gerade ältere Lehrer umdenken.
Gerd Schäfers: Ja, ich muss mich als Lehrer zurücknehmen, denn Lernen muss ein aktiver Vorgang der Schüler sein.

Wenn ein Schüler Probleme hat, wendet der sich eher an eine junge Lehrerin oder einen erfahrenen Lehrer?
Astrid Günther: Ich glaube, das hat nichts mit dem Alter zu tun - sondern damit, ob die Schüler mit dem Lehrer klarkommen. Oft sind das die Klassenlehrer oder Beratungslehrer. Das kann aber auch unsere Sozialpädagogin sein.
Gerd Schäfers: Ich denke auch, dass das eine Frage des Vertrauens ist. Wir bemühen uns, dass die beiden Klassenlehrer – jeweils ein Mann und eine Frau – so viel wie möglich in ihrer Klasse unterrichten, so dass sich eher Vertrauen bildet als bei Lehrern, die nur einmal in der Woche eine Stunde geben. Es gibt aber auch einzelne Schüler, die in ganz großer Not auch mal zu mir kommen.

Frau Günther, nehmen Ihre Lehrerkollegen Sie mit Ende 20 überhaupt richtig ernst?
Astrid Günther: Ja, alle Kollegen sind sehr hilfsbereit und geben Tipps. Ich wurde gut aufgenommen – obwohl ich als neue Referendarin einmal von einem Lehrer aus dem Lehrertrakt geworfen worden bin (lacht). Der hat seine Aufsichtspflicht halt sehr ernst genommen.

Das Gespräch führte Christian Herrmanny.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Alte Lehrer - junge Lehrer: Ganz egal?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

O.N. | 26.04.2008 | 17.25 Uhr
Es ist nicht die Frage ob alt oder jung, sondern: wie tolerant sind wir? Schätzen wir unser Gegenüber? Hier sind auch die Lehrer gemeint. Schätzen die Lehrer ihre Schüler als Persönlichkeit und umgekehrt?
Mit der Ehrfurcht beginnt und fällt alles im Leben, ob Lehrer oder Schüler, oder egal was, wer man ist. Auf die Einstellung kommt es an, denn wir lernen alle täglich, auch wenn man alt ist.
Anna Böhm | 22.04.2008 | 09.39 Uhr
Nein, nicht egal. Sondern Jung plus Alt. In der Schule soll doch nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt werden.
Bernd Ehlebracht-Büchel | 20.04.2008 | 23.30 Uhr
junge oder alte Lehrer ist vollkommen egal. Beide lernen, wie in jedem Beruf, von einander.
Die Frage ist: Warum sind 60 % der Lehrer nicht mehr berufen? Ich habe täglich mit Schülerförderung zu tun und bin manchmal entsetzt über Ansichten von Lehrern, die ja leider keine Pädagogen sind. Denn in dem Wort steckt mehr.
Gruß BEB

Weitere Informationen zum Thema:


Etikett vom WDR Foto: WDR

Suche in der ARD


wdr | Stand: 02.04.2008
Die ARD ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
 Standort:
© SWR 2008

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW