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Lebenslanges Lernen

"Wir lernen zu wenig und falsch"

Mit angezogener Handbremse dem Ruhestand entgegen - das war gestern. Weil wir immer älter werden und auch länger arbeiten müssen, werden wir auch mehr und länger lernen müssen, so Dr. Josef Burgard vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken.

 Dr. Josef Burgard Foto: SR/Martin Schindel

Dr. Josef Burgard (49) arbeitet seit 1992 am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich mit dem sogenannten E-Learning.

ARD.de: Herr Burgard, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz betreibt mehrere sogenannte Selbstlernzentren, in denen es im Wesentlichen um E-Learning geht. Selbstlernzentrum, das klingt komisch. Lernen muss ich doch immer selbst, wozu also das Ganze?

Josef Burgard: Das ist richtig. Aber das setzt voraus, dass Sie das auch können. Zunächst einmal bieten wir dafür zum Beispiel in der Saarbrücker Innenstadt den entsprechenden technischen Rahmen, das heißt, wir haben die Computer, passende Software und natürlich auch einen Netzzugang.

Das klingt ein bisschen nach einem Internet-Café.
Ja, aber bei uns kommen Lernberater hinzu. Sie besprechen mit unseren Besuchern die Lernziele und stellen dann gemeinsam mit ihnen ein individuelles Lernpaket zusammen. Er gibt sozusagen eine Anleitung zum Lernen – die ist in den meisten Fällen auch notwendig. Viele der Leute, die sich bei uns an die Rechner setzen, haben schlicht und ergreifend verlernt, wie man lernt. Und das hat nur sehr bedingt mit der eingesetzten Technologie zu tun.

Dann ist der Gedanke vom lebenslangen Lernen nur ein Ideal?
Das lebenslange Lernen ist nicht bloß ein Schlagwort oder eine Wunschvorstellung. Es ist eine absolute Notwendigkeit. Das ist nur noch nicht bei jedem angekommen. Vor allem die heutige Generation 50plus – und darunter sind ja nicht wenige Berufstätige – verlässt sich vor allem auf ihre Schul-, Berufs- oder Hochschulausbildung. Das fortschreitende Lernen ist hier kaum präsent.

Kann das nicht damit zusammenhängen, dass zumindest die Berufstätigen den Ruhestand vor Augen haben und es deshalb ruhiger angehen lassen?
Das mag so sein. Aber die Änderungszyklen in der Berufswelt werden immer kürzer. Wer heute drei oder fünf Jahre vor seiner Rente steht, kann es sich nicht leisten, den Rest der Zeit einfach abzusitzen und sich in seiner Firma selbst zu verwalten. Das  funktioniert nicht mehr. Veränderungen kommen immer häufiger und schneller. Um sie zu bewältigen, müssen wir weiterlernen.

Aber gerade Unternehmen investieren doch in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter, indem sie diese zu Fortbildungen schicken.
Ja, das ist richtig. Aber in kleineren Unternehmen ist das eine Geldfrage. Da bekommen Sie eine Weiterbildung, wenn sie wirklich notwendig ist und sich am Ende auch in barer Münze auszahlt. Das ist allerdings auch nachvollziehbar, denn wenn ein Abeitgeber laufend in die Weiterbildung seiner Mitarbeiter investiert, hat er möglicherweise das Nachsehen, weil seine Leute gut ausgebildet woanders einen besseren Job finden.

Was ist denn dann die Alternative?
Ganz einfach, wir müssen uns selbst um unsere Weiterbildung kümmern. Schließlich geht es beim lebenslangen Lernen ja nicht nur um Inhalte, die unsere Arbeits- und unsere Berufswelt betreffen. Und noch etwas kommt hinzu: Lernen und Gesundheit haben etwas miteinander zu tun. Wer ständig lernt und auch weiter lernt, der hat die Chance, gesünder zu bleiben als jemand, der das für sich schon aufgegeben hat. Die Menschen werden immer älter und werden auch immer länger arbeiten müssen, zumindest wenn man den aktuellen Statistiken glauben kann.

Der Gedanke, in immer kürzeren Abständen Neues lernen zu müssen, dürfte Arbeitnehmer, deren Rente noch in weiter Ferne ist, unter massiven Druck setzen.
Die wenigsten Menschen mögen Veränderungen – unabhängig vom Alter. Wir versuchen sie von uns wegzuschieben – auch aus Angst. Das zeigt aber auch, dass wir das fortschreitende Lernen nicht mehr gewohnt sind.

Führt nicht auch eine nüchterne Erkenntnis zu dieser Haltung? Vieles von dem Wissen, das wir uns aneignen, hat ja eine niedrige Halbwertzeit. Wir brauchen es schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr.
Bestimmt spielt dabei eine Rolle, dass wir teilweise das Falsche lernen - viel mehr aber noch, dass wir falsch lernen. Unser Lernen ist in den meisten Bereichen viel zu sehr ausgerichtet auf Faktenwissen. Unsere Problemlösungskompetenz ist zu sehr auf Einzelfälle beschränkt. Hier ist ein Umdenken erforderlich.

Was fehlt denn?
Menschen müssen in die Lage versetzt werden, Probleme selbstständig zu lösen. Sie müssen lernen, wie sie sich Wissen erschließen. Wir bieten in unseren Selbstlernzentren denen einen Einstieg, die das Lernen verlernt haben. Und das sind längst nicht nur Ältere: Die 500 Besucher im ersten Jahr nach Start unserer Selbstlernzentren verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf jeweils ein Drittel Schüler, Berufstätige und Senioren.  

Das alles klingt nach ganz bodenständiger Bildungsarbeit. 
Ja, das ist es auch. Die von uns eingesetzte Technik ist dabei lediglich ein Hilfsmittel. Und die Senioren, die heute zu uns kommen, tun sich damit sicherlich schwerer als die Übrigen. Aber die sogenannten "Alten" von heute sind nicht die Alten von morgen  - die werden automatisch ein viel größeres technisches Verständnis mitbringen.

Insgeheim warten wahrscheinlich viele auf einen Chip zum Einpflanzen, der einem das Lernen abnimmt. Hat das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz für die Zukunft nicht noch ein kleines technisches Wunder in petto?
Da muss ich Sie enttäuschen. So einen Chip wird es auch in Zukunft nicht geben. Lernen müssen wir schon noch selbst.

Das Interview führte Martin Schindel.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Dummheit wird bestraft! Lernen wir zu wenig?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Kommt darauf an, was unter "dumm" verstanden wird. Intellektuell eher Dumme entwickeln oft eine ungeheure praktische Lebensklugheit, die sie mit Schlauheit überleben lässt, während die arbeitslosen rechtschaffenen Bürger unter der Brücke schlafen müssen. Deshalb ist Pragmatismus gefragt, der nicht unbedingt ein Beseitigen der so genannten Dummheit sein muss, sondern Cleverness in harten Zeiten bedeutet. "Es kommen (noch) härtere Zeiten..."
jochen scharmann | 25.04.2008 | 08.07 Uhr
Produktiv lernen kann man nur wollen, nicht müssen. Der Führungsstil vieler Unternehmen hat von einem fördernden Stil zu einem angst&druck-stil gewechselt.
Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren wird geschürt. Jeder Job ist nur sicher bis zur nächsten Kündigungsfrist, so gut man auch sein mag. Dann wird vielleicht schon ins Ausland verlagert. Innerbetrieblich bleibt keine Zeit für Weiterbildung, weil so viele Kollegen entlassen wurden, dass sich die Arbeit Monate im voraus stapelt. In der Freizeit gibt es sinnvolleres zu tun, als weiter hinter dem Computer zu hocken. Nur mit einer langfristigen Perspektive gibt es wieder ein positives Umfeld zum lernen.
Ingrid-HH | 22.04.2008 | 14.24 Uhr
Intelligenz und Bildung werden bestraft. So ist es.

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sr | Stand: 02.04.2008
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