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Sinkende Schülerzahlen

Neue Lernkultur für schrumpfende Schulen

Mit dem Altern der Gesellschaft schrumpft die Zahl der Schüler. Experten fürchten deshalb um flächendeckende Bildungsangebote. Aber auch das Bildungswesen selbst müsse sich verändern, um die geringere Zahl an Schulabgängern besser zu qualifizieren. Die Forscher fordern deshalb eine neue Lernkultur.

Schülerinnen von hinten Foto: dpa

Im Sinkflug: Die Schülerzahlen in Deutschland

Die Menschen werden immer älter, aber der Nachwuchs rückt nicht im gleichen Maße nach. Ein Dilemma, das auch das deutsche Bildungswesen betrifft. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat im Mai 2007 Schülerzahlen bis 2020 errechnen lassen. Das Ergebnis: Bis 2020 werde die Schülerzahl in Deutschland von 12,3 Millionen im Jahr 2005 voraussichtlich um 2,2 Millionen Schüler sinken. Der bedeutendste Einflussfaktor auf die Entwicklung der Schülerzahlen sei die demografische Entwicklung.

Dabei wird der Rückgang in den neuen Bundesländern voraussichtlich stärker als in den alten Ländern sein. Während die Zahl der Schüler im Westen von 2005 bis 2020 von 10,2 Millionen auf 8,4 Millionen (minus 17,5 Prozent) sinken soll, werden in den neuen Ländern 2020 voraussichtlich 1,7 Millionen Schüler leben – ein Rückgang um etwa 19 Prozent von ursprünglich 2,1 Millionen.

Bei den Schulabgängern ist der Ost-West-Unterschied laut KMK besonders deutlich: 2005 lag die Zahl der Absolventen und Schulabgänger bundesweit bei 959.100. Während die Absolventenzahl im Bundesschnitt bis 2020 um 18,6 Prozent auf 780.800 sinken wird, erwarten die Forscher in den östlichen Bundesländern gar einen Rückgang um 40 Prozent.

Praxisnahes Lernen – bei Schülern und Lehrern

Schrumpft die Zahl der Schüler und müssten deshalb Schulen schließen, ist auch ein flächendeckendes Bildungsangebot in Gefahr, fürchten etwa Experten der Bertelsmann Stiftung. Doch mit sinkenden Schülerzahlen wächst auch ein anderes Problem: Die weniger werdenden Schüler müssen umso besser qualifiziert sein, um den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt zu decken.

Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) warnt vor einer Bildungskatastrophe angesichts sinkender Schülerzahlen. Die in den Arbeitsmarkt nachwachsende Generation sei in rund 20 Jahren nur noch halb so groß wie die dann ausscheidende. Um den Ersatzbedarf zu decken, müsse durchschnittlich höher qualifiziert werden. Wie ließen sich also Bildungssysteme einer veränderten Bevölkerung anpassen?

Dreigliedriges Schulsystem am Ende?

"Wir können es uns künftig nicht mehr leisten, Potenziale zu verschleudern. Es muss also künftig mehr denn je in den Einzelnen investiert werden", sagt Ina Doettinger, die bei der Bertelsmann Stiftung das Projekt "Demografischer Wandel" betreut. Entsprechende Modelle seien längst entwickelt. "Der Schulerfolg wird größer, wenn in den Klassen selbst eine größere Differenzierung stattfindet. Es gibt nun mal nicht den idealtypischen Schüler." Auch die Aufteilung in drei verschiedene weiterführende Schultypen könne bald schon überholt sein, so Doettinger. "Wer bei schrumpfenden Schülerzahlen an drei verschiedenen Schultypen festhält, riskiert, diese gar nicht mehr bedienen zu können."

Konzepte wie Gemeinschaftsschulen, Ganztagsunterricht und klassenübergreifende Jahrgänge müssten in den Fokus rücken. Der Schülerschwund der nächsten Jahrzehnte beinhalte gleichzeitig aber auch eine "Riesenchance", so Doettinger. "Da werden Milliardenbeträge frei. Die müssen nur richtig genutzt werden."

Unterricht in einer Grundschule Foto: WDR

Schülerschwund als "Riesenchance"?

Beispiel Mülheim: Talentschmiede Zukunftsschule

In Mülheim an der Ruhr etwa ist die Zukunftsschule mehr als eine Vision – sie soll bereits 2010 umgesetzt werden. Im Stadtteil Eppinghofen soll ein neues Schulzentrum entstehen, in dem verschiedene Schulformen, eine Kindertagesstätte und Sozialeinrichtungen eng zusammenarbeiten. Die Schule soll dabei gleichzeitig zu einem Treffpunkt im Stadtteil werden. Sind gewöhnlich Schulen ab nachmittags verwaist, können Vereine und Gruppen die Räume nutzen. "Das fördert die gegenseitige Akzeptanz von Generationen, die gemeinsame Verantwortung für das Umfeld und für lebenslanges Lernen", so Projektleiterin und Erziehungswissenschaftlerin Gaby Grimm. Dies bedeute auch, dass Jugendhilfe und Schulen künftig besser zusammenarbeiten könnten. "Hier soll ein Austausch über Kinder, Jugendliche und Erwachsene entstehen. So kann jedes Talent in seiner Einzigartigkeit besser gefördert werden."

Autorin: Katja Goebel

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Schöne neue Schulwelt - wie sieht sie aus?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Rolf Stölzle | 21.04.2008 | 18.40 Uhr
Ich denke, dass die Verwirklichung des Ganztagsunterrichts -besonders an den Hauptschulen- den Schulerfolg erheblich verbessern würde. Warum?
- die mit der Ganztagsschule verbundene Hausaufgaben-
Betreuung trägt zur Vertiefung des Stoffes bei und fördert somit die Motivation.
- die Kinder ausländischer Eltern, die an Hauptschulen stark vertreten sind, gehen dann täglich länger mit der deutschen Sprache um. Die vielfach mangelnden Deutschkenntnisse, auf die die schlechten gesamtschulischen Leistungen zurückzuführen sind, werden dadurch eher beseitigt als zu Hause, wo ausschließlich in der Herkunftssprache der Eltern gesprochen wird.

Anders G. | 14.04.2008 | 09.46 Uhr
Lehren heißt eigentlich Kompetenz per Erfahrung zu vermitteln. Wo bitte schön erwerben unsere Lehrer in ihrem Werdegang als Schüler, Student und abschließend wieder auf der Schule als Lehrer je soziale sowie fachliche Berufskompetenz, die den Schülern als künftige Arbeitssuchende in die Lage versetzt, eine Anstellung zu finden? Wir brauchen nicht Quereinsteiger im Lehrberuf, sondern eine Lehrerausbildung mit einem Beruf abseits der Schulen, mindestens 5 Jahre ausgeübt, ehe man als Lehrer zugelassen wird.
Bernhard Klein | 10.04.2008 | 20.41 Uhr
Mit der prognostizierten sinkenden Schülerzahl einhergehend sinken endlich bei gleichbleibenden Kosten die Schülerzahlen pro Klasse auf ein einigermaßen sinnvolles Maß. Vielleicht gelingt dann der Qualitätsgewinn von Schule, den man derzeit durch strukturelle Änderungen zu erreichen annimmt.

Weitere Informationen zum Thema:


Etikett vom WDR Foto: WDR

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wdr | Stand: 02.04.2008
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