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Immer mehr Menschen setzen heute Patientenverfügungen auf. Aus Angst, an ihrem Lebensende in eine medizinische Maschinerie zu geraten, die sie gegen ihren Willen am Leben erhält.
Die Angst davor ist doch eigentlich völlig unberechtigt. Das Gegenteil ist ja jetzt schon der Fall und wird es in Zukunft noch mehr sein: Man müsste die Patientenverfügung heute genau in die andere Richtung formulieren: Man müsste sagen: "Ich möchte nicht, dass medizinische Maßnahmen aus rein ökonomischen Erwägungen eingestellt werden."
Müssen wir befürchten, dass in Zukunft ökonomische Erwägungen darüber entscheiden, wie wir sterben?
Das Sterben ist ja heute schon der teuerste Lebensabschnitt. Krankenversicherer sagen, dass zwei Drittel der Krankenhauskosten im Durchschnitt in den letzten Lebenswochen und -monaten anfallen. Die Gruppe der Hochaltrigen gerät ins Blickfeld als eine Gruppe, die sozialpolitische Probleme hervorruft und Fragen nach Grenzziehungen. Und das kann von der Zuteilung von Gesundheitsleistungen über die Absenkung von Standards bis zum sanften Druck auf Lebensverzicht gehen.
Deshalb finanziert die Gesundheitsreform jetzt auch die palliativmedizinische Betreuung der Menschen. Aber auch wieder nur aus finanziellen Erwägungen. Weil sie uns nämlich billiger kommt als die teure Gerätemedizin. Wird die Palliativmedizin als preiswerte Alternative instrumentalisiert, läuft sie aber Gefahr, Teil einer Entsorgungsstruktur zu werden, die kostspielige Alte preisgünstig entsorgt.
Auch bei der Diskussion um die Sterbehilfe fällt immer wieder das Argument, sie sei eine Möglichkeit für schwer Leidende selbstbestimmt zu sterben.
Ich denke, der Begriff Sterbehilfe wird verharmlost. Mein Eindruck ist: Den Menschen wird die Sterbehilfe in all ihren Formen gerade sehr nahe gelegt. Im Sinne von "Du bist zu teuer", "Du bist Pflegestufe 3", "Du fällst allen zur Last". Die Sterbehilfe ist die Vorbereitung einer "Entsorgungsindustrie", die wir in Europa in 10-15 Jahren haben werden. Da wird es zwar keinen Euthanasiekommissar in Brüssel geben, aber selbstverständliche Angebote. Da kann in einem alten Menschen schon mal der Gedanke aufkommen, "Ich will doch das kleine Erbe, das ich für meine Kinder angespart habe, nicht in einem Pflegeheim 'verpulvern', da bringe ich mich doch lieber rechtzeitig um."
Die Niederländer, bei denen die aktive Sterbehilfe legal ist, behaupten, bei uns gäbe es genauso viel Sterbehilfe, nur eben ohne Gesetz?
Das ist wahrscheinlich richtig. Aber wenn wir eine europäische Richtlinie zur Sterbehilfe erst mal haben, dann wird das eine Lawine geben, davon bin ich fest überzeugt. Ich denke, dass der Druck auf "Selbstentsorgung" wachsen wird. Menschen werden sich scheinbar freiwillig entscheiden, dies zu tun. In Wirklichkeit wird aber der gesellschaftliche Druck dahinter stehen. In einer konsumistischen Gesellschaft, in der man zwischen 200 Käsesorten wählen kann, wird man über kurz oder lang zwischen Sterbehilfe und Hospiz wählen können. Viele werden denken: Was soll ich noch fünf Monate im Hospiz rumliegen und leiden. Da gehe ich doch lieber den kurzen Weg. Das ist das, was vor der Tür steht.
Was halten Sie von einer Legalisierung der Sterbehilfe?
Nein, keine Regelung, sonst treiben sie den Teufel mit dem Belzebub aus. Sonst kommen Sie nicht umhin, ein Punktesystem aufzustellen. Sie werden dann ein qualitätsorientiertes Sterben bekommen. Dann kommt ein Gremium zusammen, das stellt die Punkte zusammen und entscheidet, schalten wir die Beatmungsmaschinen ab oder nicht. Das würde einer Regulierung, Kontrolle und staatlichen Organisation des Lebensendes gleichkommen.
Es gibt inzwischen viele Ärzte, die auch öffentlich bekennen, dass sie Patienten Medikamente geben, die den Schmerz dämpfen (also Opiate) und billigend in Kauf nehmen, dass das Ende dadurch beschleunigt werden kann.
Das ist inzwischen schon normal. Die Frage ist, was bedeutet es, dass eine wachsende Zahl von Menschen ihr Lebensende unter Drogen erlebt? Und wo sind wir hingekommen, dass wir unser Lebensende nicht mehr erleben wollen? Die wachsende Unmündigkeit des Menschen gegenüber dem Arzt lässt ihn doch gar nicht mehr sagen, verschwinden Sie mit Ihrem Zeug. Dazu gehört ja inzwischen der Mut eines Heiligen.
Ihr eigener Tod. Wie möchten Sie sterben?
Ich werde den Teufel tun, mir den auszumalen. Ich hoffe, dass ich das, was mir bestimmt ist, ertragen kann. Ich bin jedenfalls ganz sicher, dass ich am Ende nicht in die Hände einer medizinischen Lebensverlängerung geraten will, die ich nicht will. Das wissen auch die, die mir wert und wichtig sind - hoffentlich.
Aber kennen Sie die wunderbare Geschichte von dem chinesischen Meister, der am Ende seines Lebens angekommen ist, von seinen Schülern umringt und der dann ein Brettspiel spielt? Und die Schüler sagen "Meister, am Ende des Lebens willst du nicht etwas in deine Bücher schauen, noch etwas Wichtiges sagen oder etwas Wichtiges denken?" Und dann sagt der Meister: "Wenn man einen großen Fluss durchschreiten will, sucht man sich eine flache Stelle."
Das Interview führte Ina Mersch.
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Teil 1: Die Bedeutung des Sterbens heute
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