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Das britische Gesundheitssystem finanziert sich überwiegend aus Steuern. Wie in anderen Ländern auch, verschlingt es jedes Jahr mehr Kosten. Trotzdem will die Labour-Regierung weiter investieren und setzt dabei vor allem auf Prävention und private Zusatzvorsorge.
Soll besser werden: Das NHS (National Health System)

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Ende vergangenen Jahres sorgte der Fall eines 57-jährigen Patienten in der britischen Presse für Schlagzeilen: Ihm wurde eine Operation verweigert, weil er rauchte. Das passt zu dem Bild, was viele Deutsche mit dem britischen Gesundheitssystem verbinden: lange Wartezeiten, schlechte hygienische Zustände und keine künstliche Gelenke für ältere Menschen. Gleichwohl haben sich die Zustände in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Während 2000 noch 265.000 Patienten auf eine Krankenhausbehandlung warteten, waren es 2005 nur noch 12.000.
Der britische Gesundheitsdienst National Health Service (NHS), der in diesem Jahr 60 Jahre wird und allen britischen Staatsbürgern eine kostenlose medizinische Grundversorgung gewährt, steht wie andere europäische Gesundheitssysteme vor weitreichenden Reformen. Die Finanzierung des NHS erfolgt zu knapp 90 Prozent aus Steuergeldern. Der Rest setzt sich aus Sozialversicherungsbeiträgen und Zuzahlungen der Patienten für Medikamente, Sehtests und Zahnersatz zusammen. 2005 hatten 16 Prozent aller Briten eine private Zusatzversicherung, durch die sich Leistungen verbessern lassen.
Im Vergleich mit anderen Ländern ist der NHS noch immer relativ günstig: In England flossen laut einer OECD-Studie von 2005 8,3 Prozents des Bruttoinlandsproduktes in das Gesundheitssystem - weniger als der Durchschnitt anderer OECD-Länder mit 9 und viel weniger als in Deutschland mit 10,7 Prozent. Und trotzdem sind laut einer vergleichenden Studie das britische und deutsche Gesundheitssystem gleich effizient.
Übergewicht durch falsche Ernährung - Präventionsprogramme sollen Abhilfe schaffen
In Großbritannien gibt es ein sogenanntes Lotsensystem. Patienten müssen sich erst von einem Hausarzt untersuchen lassen, der sie nach Bedarf zu einem Spezialisten oder ins Krankenhaus überweist. Die Wahl des Hausarztes hängt von der Postleitzahl des Wohnortes ab. Im Gegensatz zu deutschen Hausärzten verdienen ihre britischen Kollegen weit besser.
Seit 2000 versucht die Labour-Regierung mit dem bisher größten Reform- und Investitionsprogramm das britische Gesundheitssystem für das 21. Jahrhundert fit zu machen. In den vergangenen zehn Jahren haben die Regierenden den Haushalt für das NHS nahezu verdoppelt. Bis 2010 soll sich der Etat sogar verdreifachen. Mit dem Geld soll zum einen das Personal aufgestockt und Krankenhäuser modernisiert sowie neu gebaut werden.
Außerdem setzt die britische Regierung auf ganz konkrete Programme zur Prävention. Allein in ein Aktionsprogramm gegen Übergewicht und Förderung der gesunden Lebensweise fließen 520 Millionen Euro. Dabei stehen unter anderem auch der Sport und Ernährung in der Schule und ein Fahrradfahr-Programm für Kinder im Mittelpunkt. Darüber hinaus hat der NHS in den vergangenen Jahren besondere Priorität bei Herzerkrankungen und Krebs gesetzt. Dadurch sank die Todesrate bei koronaren Herzerkrankungen innerhalb von zehn Jahren um knapp 36 Prozent und die Wartezeiten in der Onkologie sind relativ niedrig.
Doch auch das britische Gesundheitssystem hat finanzielle Probleme. Allein 2006 erwirtschaftete der NHS ein Defizit von 360 Millionen Euro (Zum Vergleich: Die GKV in Deutschland wies 2007 ein Defizit von 25 Milliarden auf). Die Konsequenzen waren ein massiver Personalabbau, was wiederum zu einer schlechteren Patientenversorgung führte. So berichtete 2007 eine Umfrage unter 5.000 Briten von einer desolaten zahnärztlichen Versorgung. Weil es zu wenig Zahnärzte gibt, behandeln sich Patienten zunehmend selbst. Das bedeutet, sie ziehen sich Zähne und befestigen herausgefallene Kronen mit Alleskleber.
Bei der Zahnbehandlung gibt es dann auch keine Ungleichbehandlung zwischen Alt und Jung: Sowohl dreijährige Kinder als auch 70-Jährige bekommen zum Teil jahrelang keine Termine.
Nicht gerade königlich: Die Patientenversorgung in Großbritannien
Anders sieht es bei praktischen Ärzten und Fachärzten aus - trotz einer Richtlinie, wonach das Alter bei der Behandlung keine Rolle spielen darf. Wissenschaftler des University College London fanden heraus, dass fast die Hälfte aller Ärzte - auch Gerontologen - Patienten über 65 anders behandeln. Sie berücksichtigen zwar deren Risikofaktoren, verschrieben aber weniger Medikamente oder wechselten diese häufiger. Darüber hinaus mussten die Patienten länger auf neue Termine warten; Hausärzte überwiesen seltener an Spezialisten. Darin, so die Wissenschaftler spiegle sich die Haltung der Gesellschaft gegenüber älteren Menschen wider.
Viele Ärzte befürchten zukünftig eine zunehmende Privatisierung des Gesundheitswesens. Nach ihrer Meinung zielten zahlreiche Initiativen sowohl im primärärztlichen Bereich als auch im stationären Sektor darauf ab, private Leistungsanbieter besser ins Geschäft zu bringen. Die Regierung will dadurch aber auch eine stärkere Konkurrenzsituation im zentralistischen System durchsetzen.
Das britische wie das deutsche Modell stehen aufgrund von steigenden Kosten wahrscheinlich in naher Zukunft vor enormen Problemen. So prophezeit die OECD 30 führenden Industrienationen im Jahre 2020 insolvente Gesundheitssysteme.
Autorin: Stefanie Grossmann
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