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USA

Operation gelungen – Patient pleite?

Was die Gesundheit anbelangt, setzen die USA fast ausnahmslos auf die private Vorsorge. Das Angebot ist erstklassig, aber es kommt die US-Bürger teuer zu stehen: im Jahr 2005 sagenhafte 1.58 Billionen Euro.

George W. Bush zur Gesundheitsversorgung von Senioren Foto: picture-alliance/dpa

Versorgung der Senioren - je nach Geldbeutel

Theoretisch gab damit jeder Amerikaner 5.345 Euro für Krankenhausaufenthalte, Arztbesuche, Pflege und Medikamente aus – das ist in der Welt unangefochten Platz eins. Im Vergleich dazu haben die Bundesbürger im selben Jahr pro Kopf nur 2.900 Euro zur Erhaltung und Wiederherstellung ihrer Gesundheit ausgegeben. Eine andere Zahl bereitet den Akteuren der amerikanischen Gesundheitspolitik jedoch mehr Kopfzerbrechen.

Die Kostenspirale

Kostensteigerungen im Gesundheitswesen werden in der Regel mit Hilfe des Bruttoinlandsprodukts gemessen. Während in Deutschland sich der Anteil der Gesundheitskosten am BIP von 1995 bis 2005 lediglich von 10,1 auf 10,7 Prozent erhöhte, wies dieser Indikator für die USA im selben Zeitraum eine Steigerung von 13,5 auf 16 Prozent auf. Und die Prognosen sehen nicht besser aus: Eine Studie des Congressional Budget Office erwartet bei Beibehaltung der jetzigen Gesetzeslage bis 2025 einen Anstieg auf 25 Prozent. Jede Reform muss sich zukünftig daran messen lassen, ob sie diesem Schreckensszenario Einhalt gebieten kann.

Krankenversicherung als Luxus

Es sind aber nicht nur die explodierenden Ausgaben, unter denen das System leidet. Die USA setzen bei der Gesundheitsversorgung traditionell auf die Kräfte des freien Marktes. Da eine gesetzliche Krankenversicherungspflicht fehlt, verzichtet ein erheblicher Prozentsatz der Bevölkerung auf einen Versicherungsschutz – nicht ohne Konsequenzen. Laut der staatlichen Agentur "Healthcare Research and Quality" nutzen Personen ohne Absicherung seltener Vorsorgeuntersuchungen, Krankheiten werden bei ihnen zu spät diagnostiziert und Behandlungen verschleppt. Ein schlechter Gesundheitszustand ist die langfristige Folge.

Die Bundesbehörde für Bevölkerungsstatistik bezifferte den Anteil der Nichtversicherten an der US-Bevölkerung 2005 auf knapp über 15 Prozent. Unter diesen knapp 45 Millionen Amerikanern finden sich zwar auch Personen, die freiwillig auf eine Absicherung verzichten und im Krankheitsfall die Kosten aus eigener Tasche bezahlen, der Großteil kann sich die Versicherungsprämien aber schlicht nicht leisten. Ethnische Minderheiten vom Rand der Gesellschaft sind ebenso überproportional in dieser Gruppe vertreten sind, wie schlecht bezahlte junge Erwachsene, die erst am Anfang ihrer beruflichen Karriere stehen.

Der Staat versichert die Senioren

Dass Senioren in dieser problematischen Gruppe keine signifikante Rolle spielen, verdanken sie Präsident Lyndon B. Johnson. Am 30. Juli 1965 unterzeichnete der damalige US-Präsident eine Erweiterung des Social Security Acts und rief damit die Programme Medicaid und Medicare ins Leben. Mit ihnen bekannte sich der Staat zu seiner Verantwortung für die schwächsten Glieder der Gesellschaft: den Kindern, Geringverdienern, Behinderten und Senioren.

Während Medicaid unabhängig vom Alter eine medizinische Versorgung für Familien mit geringem Einkommen gewährleisten soll, richtet sich Medicare in erster Linie an US-Bürger, die das 65. Lebensjahr vollendet haben. Laut dem Congressional Budget Office besaßen vor der Einführung von Medicare nur die Hälfte aller älteren Menschen eine private Absicherung. Aktuelle Statistiken weisen für 2005 über 37 Millionen Pensionäre aus, die medizinische Leistungen über Medicare in Anspruch genommen haben – das sind über 99 Prozent.

Diese erfreuliche Zahl täuscht jedoch darüber hinweg, dass das Versorgungsniveau stark von den finanziellen Möglichkeiten der Versicherten abhängig ist. Je nach gewähltem Leistungskatalog sind monatliche Beiträge fällig: Verschreibungspflichtige Medikamente sind bei Medicare ebenso wenig "umsonst" wie der Besuch eines Physiotherapeuten. Zusätzlich werden die Senioren durch ein ausgeklügeltes System der Selbstbeteiligung in die Pflicht genommen.

Häkelclub in Spanish Fort, USA Foto: picture-alliance/dpa

Immer mehr Rentner - aber kein Konzept im Gesundheitssystem

Die demografische Bedrohung?

Die staatlichen Programme Medicare und Medicaid werden von den Anhängern des freien Marktes gern für die Kostensteigerungen im Gesundheitssystem verantwortlich gemacht. Die Ankläger übersehen dabei gern, dass Studien dem privaten Sektor langfristig eine ähnliche Steigerungsrate attestieren wie dem öffentlichen. Doch ab dem Jahr 2010 werden sie neue Munition für ihre alten Grabenkämpfe bekommen: Dann erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit das Rentenalter und werden ihre Ansprüche geltend machen.

Washington steht vor der einer schwierigen Wahl: Hält der Staat das Versorgungsniveau aufrecht, explodieren die Kosten des Systems, deckelt er seine Ausgaben, wird der ohnehin schon lückenhafte Leistungskatalog noch dünner. Die Baby-Boomer müssten dann noch tiefer in die eigene Tasche greifen, wollen sie sich bis ins hohe Alter an einer guten Gesundheit erfreuen.

Die richtige Medizin?

In seiner letzten Ansprache zur Lage der Nation am 28. Januar 2008 schwor Präsident George W. Bush den Kongress in der Gesundheitspolitik auf ein "gemeinsames Ziel" ein: Die Gesundheitsversorgung müsse für alle Amerikaner zugänglich und bezahlbar gemacht werden. Einem möglichen Systemwechsel hin zur Versicherungspflicht erteilte der Republikaner Bush eine klare Absage: "Unser Ziel erreichen wir nicht über staatliche Kontrolle, sondern durch die Ausweitung der freien Wahlmöglichkeiten der Konsumenten."

Als eine geeignete Maßnahme empfahl Bush dem Kongress die steuerliche Benachteilung von Personen aufzuheben, die nicht über ihren Arbeitgeber krankenversichert sind. Steuervergünstigungen sollten auf diese Gruppe ausgeweitet werden, um so "Millionen von Menschen" den Zugang zu einer Krankenversicherung zu ermöglichen.

Einen Blick über seine Amtsperiode hinaus vermied der Präsident. Das Problem der Baby-Boomer überlässt er ebenso gern seinen Nachfolgern wie die Antwort auf die Frage, wie ein Staat die Anbieter und Konsumenten auf dem Gesundheitsmarkt zu mehr Kostenbewusstsein erziehen will – ohne sich wirklich einzumischen.

Dabei läuft der amerikanischen Gesundheitspolitik angesichts der demografischen Entwicklung und der ausufernden Kosten die Zeit davon: Was nützt ein exzellentes Gesundheitsangebot, wenn es sich immer weniger Menschen leisten können?

Autor: Marco Lambrecht

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ndr | Stand: 02.04.2008
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