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Lebensalter

"Genetisch sind wir Steinzeitmenschen"

Wir werden immer älter. Ist der menschliche Körper überhaupt darauf ausgelegt – und lässt sich die Grenze zum Tod beliebig nach oben verschieben? ARD.de befragte den Hormonexperten Prof. Christoph Marcus Bamberger.

ARD.de: Herr Professor Bamberger, im Gegensatz zum Menschen gelten Schwämme als unsterblich. Können Sie das bestätigen?
Christoph Marcus Bamberger: Schwämme können rund 10.000 Jahre alt werden – ob sie wirklich unsterblich sind, wage ich zu bezweifeln. Aber was heißt schon unsterblich? Irgendwo lebt jede Zelle ja weiter, und so gesehen ist der Mensch auch unsterblich. Wir haben noch Gene unserer Vorfahren von vor 20.000 Jahren in uns, nur als Individuen sterben wir natürlich. Zugegeben sehr viel früher als ein Schwamm.

Was machen die Zellen der Schwämme anders als unsere Zellen?
Die Schwamm-Zellen haben offensichtlich einen Mechanismus gefunden, der das Ticken der inneren Uhr anhält. Diese Uhr sitzt an den Telomeren – das sind die Kappen der Chromosomen, also unseres Erbguts. Mit jeder Zellteilung werden die Telomeren ein Stückchen kürzer. Wenn eine kritische Länge unterschritten wird, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt ab. Bei den Schwämmen sind die Telomeren vermutlich ungewöhnlich lang oder verkürzen sich extrem langsam, das weiß man noch nicht ganz genau.

Aber auch die Geschwindigkeit des Stoffwechsels entscheidet darüber, wie schnell wir altern. Sehr schnelllebige, hektische Lebewesen, die viel Sauerstoff pro Zeit verbrennen, produzieren auch viele Abfallstoffe. Und diese so genannten freien Radikale führen zur Alterung. "Live fast, die young", könnte man sagen.

Nun hat sich die Lebenserwartung des Menschen in den vergangenen 100 Jahren mehr als verdoppelt, während unser Leben immer hektischer und stressiger wird. Wie passt das zusammen?
Wir altern ja keineswegs langsamer als früher. Die gestiegene Lebenserwartung ist der verbesserten Hygiene und dem medizinischen Fortschritt zu verdanken. Der Alterungsprozess selbst ist noch nicht signifikant beeinflusst worden.

Doch Sie sprechen ein wichtiges Thema an: Stress. Eine Stressreaktion bedeutet Alarm im Körper, verbunden mit der Aufforderung, sich in irgendeiner Form zu bewegen. Das Problem heutzutage ist: Wir haben diese Stressreaktion und bleiben stehen. Die Stresshormone akkumulieren und führen dann auch auf Zellebene zu oxidativen Stress. Die gute Nachricht ist aber, dass wir uns nicht prompt bewegen müssen. Wer also tagsüber Stress hat, kann am Abend in Ruhe eine Runde um die Alster laufen. Die Stresshormone werden dann trotzdem noch abgebaut.

Aber Bewegung beschleunigt doch den Stoffwechsel und müsste in der Folge auch zu mehr freien Radikalen führen.
Sportler produzieren während der Aktivität zwar mehr freie Radikale, in den Ruhephasen dafür aber weniger. Das Herz schlägt dann beispielsweise langsamer, verbraucht also weniger Sauerstoff und generiert weniger freie Radikale. Im Netto-Ergebnis ist Sport deshalb ein Radikal-Verminderer. Ideal ist ein leichtes Ausdauertraining, da reichen schon dreimal 30 Minuten pro Woche.

Apropos Ruhephasen: Welche Rolle spielt Schlaf für den Alterungsprozess?
Die Bedeutung des Schlafes wird von Jahr zu Jahr höher eingeschätzt. Wir wissen heute, dass Schlafmangel zu einer Verkürzung der Telomeren führt. Das Schlafverhalten greift also direkt in die biologische Uhr ein. Hundertjährige schlafen mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung, und sie schlafen fast immer mittags.

Insel Madeira - Siesta in Funchal Foto: picture-alliance/dpa

Wer viel schläft, lebt länger

Wie alt kann ein Mensch überhaupt werden – gibt es da eine unverrückbare biologische Grenze?
Ja. Wie alt eine Spezies wird, ist genetisch festgelegt. Beim Menschen liegt die Grenze bei etwa 120 Jahren. Der dokumentiert älteste Mensch, die Französin Jeanne Calment, ist 122 geworden.

Sie hat geraucht wie ein Schlot.
Es gibt Leute, die haben so gute Gene, dass sie sich alles leisten können. Aber selbst die werden dann nicht älter als 120, 122 – da ist Schluss, da läuft die biologische Uhr einfach ab. Wenn wir älter werden wollen, ginge das nur über Genmanipulation schon am Embryo. Das wird sicherlich irgendwann möglich sein. Die Frage ist: Wollen und dürfen wir das? Damit ist natürlich eine riesige ethische Diskussion verbunden. Aber einen bereits existierenden Menschen 250 werden zu lassen, das ist nach allen vorliegenden Daten nicht möglich.

Unsere Gene habe sich also gar nicht verändert im Laufe der Evolution?
Genetisch sind wir Steinzeitmenschen. Unsere Körper sind darauf angelegt, etwa 30 bis 35 Jahre alt zu werden. Alt genug eben, um die Zeugung und Aufzucht des Nachwuchses zu gewährleisten. Bis dahin ist auch die Selbstreparatur des Körpers optimal, danach lässt es uns nach und nach im Stich – das ist das Thema Altern. Deshalb müssen wir dann ein externes Selbstreparaturprogramm hinzuschalten – das nennt man Prävention.

Und wer alle Präventionsmaßnahmen beherzigt, kann dann ohne Weiteres 120 werden?
Nein. Es gilt ein bisschen der Spruch: 80 werden kann jeder – aber wer über 100 werden will, der braucht schon ziemlich gute Gene. Mit zunehmendem Alter wird der genetische Anteil immer wichtiger, bis 80 entscheidet der Lebensstil.

Die Herausforderung für unsere Gesellschaft liegt ja nicht darin, die Lebenserwartung als solche zu steigern, sondern die gesunde Lebenserwartung. Und jeder Einzelne kann viel dazu beitragen. Es geht darum, gesundheitsbewusstes Verhalten – und hier sind Bewegung, Schlaf und Ernährung die entscheidenden Faktoren – in den Alltag zu integrieren. Das muss manch einer vielleicht anfangs mit dem inneren Schweinehund besprechen, aber irgendwann wird es so selbstverständlich wie Zähneputzen. Denn letztlich geht es ja darum, einfach zu leben.

Das Interview führte Anna Schroeder.


Beginn Texteinschub
Buchhinweis: Christoph M. Bamberger: "Besser leben - länger leben. Zehn gesunde Jahre mehr sind machbar - das individuelle Präventionsprogramm", Knaur Ratgeber 2006
Ende Texteinschub

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: " 120 Jahre alt - Traum oder Albtraum?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Orina Nissenbaum | 26.04.2008 | 17.31 Uhr
Für viele mag es ein Segen sein, aber wenn die Menschheit im Zwischenmenschlichen nichts dazu lernt, dann sehe ich persönlich schwarz, denn Älterwerden hat auch was mit Toleranz und Weisheit zu tun, und da liegt noch ein großes Brachland vor uns. Leider treffe ich oft auf Menschen, die meinen, nur weil sie älter sind, wissen sie alles. - Nein, nur wer ständig bemüht ist, sein Wissen weiterzubilden und sich in die Gesellschat einbringt, egal wie, für den wird es ein wirklich ein Segen sein, so alt zu werden.
Was aber mit denen, deren Zeit stehen geblieben ist? Menschen, die meinen, nur ihre Ansciht zählt, deren Horizont klein und immer kleiner wird?
Hubrt B. | 24.04.2008 | 12.50 Uhr
Könnte ja schön sein, wenn evtl. 20 Jahre in meinem zweiten Leben noch "für andere" einen
Sinn hat, daß ich nicht nur nehme, sondern dafür nur gebe!
Da wäre den aufwachsenden
Kindern sehr geholfen, damit sie
auch noch 'was von dieser Welt
haben;
Petra | 23.04.2008 | 14.40 Uhr
Bei dem Gedanken dass ich jetzt schon 20 - 25 Jahre älter geworden bin als vor 100 Jahren, stimmt es mich sehr nachdenklich mir vorzustellen 120 Jahre alt zu werden. Es ist wahrscheinlich ein Alptraum, wenn die Menschheit weiterhin so altert und auch das Thema Demenz eine sehr große Rolle spielt. Auch Mutter Erde wird systematisch kaputt gemacht und die Natur zeigt schon katastrophale Auswirkungen unseres Handelns. Auch für die Politiker ist es Zeit umzudenken, denn auch sie möchten bestimmt wenigstens 80 Jahre alt werden.
Gesund und klaren Geistes sind 120 Jahre kaum vorstellbar.

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ndr | Stand: 02.04.2008
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