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"Du bist zu teuer" - diesen Vorwurf könnten in Zukunft Menschen hören, die am Lebensende teure Medizin brauchen. Der Druck auf "Lebensverzicht" könnte damit wachsen. Über den Wandel der Sterbekultur spricht der Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer im Interview.
ARD.de: Sterben wir heute anders als früher?
Prof. Gronemeyer: In einer Gesellschaft wie wir sie in Europa im 19. Jahrhundert hatten, war der Tod noch ein selbstverständlicher Vorgang, er fand mehr nebenbei statt. Heute haben wir den Tod aus der Gesellschaft herausgedrängt, er findet nicht mehr unter dem häuslichen Dach statt, sondern zu 80 Prozent in Institutionen. Also unsichtbar für die Gesellschaft. Dadurch entsteht eine merkwürdige Ambivalenz:
Reimer Gronemeyer ist Theologe und Professor für Soziologie in Gießen. Er ist Experte für Sterbeforschung, Hospizarbeit und Palliative Care und hat ein Buch über das "Sterben in Deutschland" geschrieben.
Einerseits hat ein junger Mensch heute mit 15 oder 20 Jahren hunderttausende von Toten gesehen, also medial. Aber wenn ich meine Studenten frage, dann ist den meisten der Tod anschaulich und "anfassbar" noch nicht begegnet.
Ich habe das noch ganz selbstverständlich erlebt, dass meine Großmutter nach einem Schlaganfall in ihrem Bett gelegen hat, von uns sehr liebevoll, aber auch sehr laienhaft versorgt. Die Idee, sie ins Krankenhaus oder eine Ambulanz zu bringen, konnte gar nicht aufkommen, nicht mal ein Telefon gab es.
Wenn man heute die Möglichkeiten der Intensivmedizin hat, muss man sie dann nicht auch wahrnehmen?
Natürlich, in dem Moment, wo es eine solche medizinische Versorgung gibt, kann man sie nicht umgehen, das wäre ja sonst unterlassene Hilfeleistung. Viele Menschen wollen ja noch immer lieber zuhause sterben und viele Familien (darunter viele Frauen) sind auch bereit, die Pflege zu übernehmen. Dann kommt am Ende aber oft der Punkt, wo man aus Angst vor Krisen, vor Schmerzen oder Erstickung, die Betreuung lieber in die Hände der Experten gibt. Einerseits ist das Krankenhaus der richtige Ort, andererseits haben wir damit auch etwas verloren. Die medizinischen Möglichkeiten, die auf uns zugewachsen sind, nehmen uns auch etwas von unserer Souveränität.
Was verpassen wir, wenn wir nicht selbstbestimmt sterben können?
Martin Luther hat in seinem "Sermon von der Bereitung zum Sterben" etwas sehr schön Einfaches gesagt: Am Ende des Lebens sind eigentlich nur noch zwei Sachen wichtig: Die Frage, wen muss ich noch um Verzeihung bitten und wem muss ich noch etwas verzeihen. Bei den modernen Umgangsformen mit Tod und Sterben ist ganz viel die Rede von Schmerz, Therapie, richtiger Pflege, medizinischer Versorgung. Aber die Dinge, die den Menschen im Kern ganz stark umtreiben, Fragen nach Verzeihen, nach Versagen, nach der Versorgung der Angehörigen, kommen da zu kurz. Weil sie nicht zugelassen sind.
Vielleicht wollen die Menschen an diesen Fragen gar nicht rühren?
Wir sollten nicht vergessen, dass der Tod zum Leben gehört, dass wir mitten im Leben immer vom Tod umgeben sind. Letztlich bekommt das Leben auch seinen Glanz und seine Schönheit und seine Unwiederholbarkeit dadurch, dass es ein Ende hat. In dieser beschleunigten Lebenswelt, in dieser Welt voller Ablenkungen ist es vielleicht sehr schwer das zu bedenken. Und vielleicht ist es ja auch der Sinn all dieser Ablenkungen, uns davon abzulenken, dass wir sterben müssen.
Warum haben wir so viel Angst vor dem Tod?
Ich bin ja gar nicht so sicher, dass wir so viel Angst vor dem Tod haben. Wahrscheinlich war die Angst des mittelalterlichen Menschen viel größer, denn er hat über sein Lebensende hinaus geschaut, in Angst vor dem Gericht Gottes. Wenn sie heute einen Menschen fragen, wovor hast du Angst, wenn du an dein Lebensende denkst, dann sind das eigentlich ganz schrecklich banale Dinge, z.B. die Angst vor Schmerz. Die meisten wollen einen schnellen Tod, von dem sie gar nichts merken.
In einer älter werdenden Gesellschaft wird wahrscheinlich noch die Angst vor der Einsamkeit hinzukommen.
Ja. Obwohl die Sehnsucht nach Treue, nach Gemeinschaft und Familie heute größer denn je ist, zerbrechen familiäre Bindungen und Beziehungen immer schneller. Das hat natürlich auch einen enormen Einfluss auf den Umgang mit dem Lebensende in der Zukunft: Es werden immer weniger Kinder geboren. Wenn die Einzelkinder dann heiraten, haben sie schon keine Verwandtschaft mehr. Die Zahl derjenigen, die in Zukunft - also in 20, 30 Jahren - allein sein werden, wird sehr hoch sein.
Und wie sind die Lebens- bzw. Sterbebedingungen dieser Generation?
Die Lebensbedingungen für die nächste Generation werden sich drastisch wandeln: Sie werden finanziell deutlich schlechter dastehen als wir, sie werden weniger Personen haben, die als Pflegende in Frage kommen. Sie werden noch älter werden und damit noch länger pflegebedürftig sein. Das wird mit Geld und Professionalität allein nicht aufzufangen sein. Da sind die Bürgerinnen und Bürger gefragt und eine neue Kultur des Helfens.
Sie arbeiten sehr engagiert in der Hospizbewegung. Ist das Hospiz ein Ort, wo wir noch menschenwürdig und selbstbestimmt sterben können?
Es ist ganz sicher so, dass mit dem Fortschritt der modernen Gesellschaften und dem gleichzeitigen Verschwinden von Familie und Nachbarschaft diese neuen Sterbeorte notwendig werden. Sie sind ein Rettungsanker, der Menschen eine Alternative zum Krankenhaus, zur Einsamkeit in der eigenen Wohnung bietet.
Hier brauchen wir keine "hochgerüsteten" Sterbebegleiter, die alle möglichen Fortbildungen besucht haben. Es geht eigentlich um etwas ganz anderes, nämlich darum, dass am Lebensende ein "du" da ist, das vielleicht mit mir zusammen weint und mit mir zusammen traurig ist oder lacht.
Sie sagen in Ihrem Buch, die Abkehr vom christlichen Glauben ist ein Grund, weshalb wir heute dem Tod nicht gelassener entgegensehen können?
Wenn der Mensch an nichts mehr glaubt, was über ihn hinausweist, dann ist er ein sehr verlassenes Geschöpf. Schon immer sind die Menschen überzeugt gewesen, dass es etwas Höheres als sie selbst geben muss. Wir im 21. Jahrhundert sind die Ärmsten der letzten 30 000 Jahre. Daraus entsteht die Notwendigkeit, erbittert um jeden Tag zu kämpfen. Wenn ich nämlich nur dieses eine Leben habe, dann muss ich mich fit halten bis zur letzten Sekunde und alle medizinischen Möglichkeiten nutzen, die es gibt.
Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Sterben in Würde - aber wie?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.






Weiter mit:
Teil 2: Selbstbestimmtes Sterben
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