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Heimleiterin Nejla Kaba-Retzlaff im Gespräch

"Sie geben nichts ab, Sie gewinnen etwas"

Nejla Kaba-Retzlaff leitet das erste türkische Pflegeheim Deutschlands. Mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg eröffneten private Betreiber gemeinsam mit der Türkischen Gemeinde zu Berlin im Dezember 2006 das "Türk Bakim Evi". Im Interview mit ARD.de spricht Nejla Kaba-Retzlaff über Migrationsfolgen, den türkischen Familiensinn und Informationsdefizite bei älteren Migranten.

ARD.de: Frau Kaba-Retzlaff, warum ist kulturspezifische Altenpflege notwendig?
Nejla Kaba-Retzlaff: Grundsätzlich geht es darum, die Bedürfnisse der älteren Migranten zu sehen. Allerdings ist aus meiner Sicht kultursensible Pflege nichts anderes als biografische Arbeit: Sie würde jedem alten Pflegebedürftigen zugute kommen, das ist nichts Spezielles für Migranten.

Aber Ihr Haus ist ein türkisches Pflegeheim ...
... das ist ja keine Monokultur. Gerade die Türkei ist sehr heterogen, was Religiosität, Schichten und Migrationshintergrund angeht. Es ist eine interkulturelle Welt, daher muss ich meinen Mitarbeitern interkulturelle Kompetenzen beibringen. Positiv für die Menschen ist, dass sie in ihrer Sprache verstanden werden. Davon profitieren sie natürlich und müssen sich nicht noch mehr anstrengen.

Was zeichnet das "Türk Bakim Evi" sonst noch aus?
Wir sind ein sehr offenes Haus, versuchen, den Gemeinschaftssinn zu fördern und dies auch in unsere Arbeit zu integrieren – damit sind wir vielen anderen Einrichtungen voraus, wo die Menschen isoliert in ihren Einzelzimmern liegen. Bei uns wird jeder, der will, aus seinem Zimmer gebracht.

Sie haben im Dezember 2006 eröffnet – wie wird Ihre Einrichtung angenommen?
Zurzeit haben wir bei einer Kapazität von 150 Betten 40 Bewohner, und ich bin mir sicher, dass es noch mehr werden.

Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie, wenn Sie türkischen Familien vorschlagen, die Angehörigen "ins Heim zu stecken"?
Nun, zunächst einmal ist dieses "ins Heim stecken" ja sowohl für Deutsche als auch für Türken negativ behaftet. Und in vielen Fällen ist das ja auch zu Recht so. Aber wir unterscheiden uns eben.

Inwiefern?
Schon allein unsere Patienten unterscheiden sich: Viele von ihnen leiden unter Depressionen, vor allem die Frauen. Das liegt auch an der frühen Arbeitslosigkeit vieler Migranten der ersten Generation. Viele von ihnen haben das Gefühl, die eigenen Lebensziele nicht erreicht zu haben. Bis sie nicht mehr können, pendeln die zwischen Deutschland und der Türkei. In meinen Augen ist diese Flexibilität auch eine Ressource, die viele gleichaltrige Deutsche wahrscheinlich nicht haben. Außerdem steht bei uns die Pflege und Qualität stärker im Mittelpunkt. Wir sichern unsere Qualität beispielsweise durch interne Audits, Angehörigenbefragungen, Schulungen und arbeiten im Bereich Forschung und Entwicklung eng mit einem externen Institut zusammen.

Es gibt ja die Vorstellung, dass Türken eher in der Familie alt werden, weil der Familiensinn viel stärker ist ...
... das ist er sicherlich auch, aber heutzutage können viele Familien wegen der beruflichen Anforderungen nicht an einem Ort bleiben oder es müssen beide arbeiten. Dann ist es für die älteren Menschen auch nicht schön, immer auf die Hilfe der Kinder angewiesen zu sein und macht manche depressiv. Dennoch haben viele Kinder wahnsinnige Schuldgefühle, wenn sie mit der Pflege der Eltern überfordert sind. Sie fühlen sich verpflichtet und sind manchmal diejenigen, die schlechter loslassen können. Ich sage ihnen dann immer: "Sie geben nichts ab, Sie gewinnen etwas." Allerdings ist Pflegebedürftigkeit unter Türken noch etwas völlig Neues – in zehn Jahren wird das ganz anders aussehen.

Aber gerade ältere Migranten werden doch früher krank als Deutsche?
Ja, sie werden nicht nur früher, sondern auch schwerer krank – eine Folge der harten Arbeit und der Migration. Denn Migration ist eben nicht nur eine Chance, sondern auch eine Belastung. Viele haben darunter gelitten bis hin zu den schon erwähnten Depressionen. Und: Sie fühlen sich auch kränker als Deutsche im Vergleich. Das haben Studien ergeben. Dann kommt natürlich das Sprachproblem dazu: Wir haben uns ja auch auf Demenz-Patienten spezialisiert und gerade die frühzeitige Demenz ist bei Türken ein Thema. Allerdings gibt es wegen der Sprache oft das Problem der rechtzeitigen Diagnose, auch wenn sich das langsam ändert.

Wissen denn die türkischen Einwanderer, die hier Jahre lang gearbeitet haben, welche Ansprüche sie im Alter haben?
Nein, da fehlt oft das Wissen. Die älteren Migranten nutzen die Wege der Altenhilfe nicht und sie sind ja leider auch nicht in den entsprechenden Seniorengruppen vertreten. Da ist gezielte Aufklärungsarbeit nötig, die wir auch intensiv betreiben.

Und viele Migranten haben ja auch gar nicht geplant, im Alter in Deutschland zu bleiben.
Richtig. Sie horten immer noch Sachen für die Rückkehr, auch wenn sie nie wieder in der Türkei leben werden. Daneben gibt es aber eben auch die Pendler und eben diejenigen, die sich hier vollkommen niedergelassen haben. Damit wir all die verschiedenen Zielgruppen erreichen, müssen wir das Thema einfach gesellschaftsfähig machen.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

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rbb | Stand: 02.04.2008
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