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Wenn Migranten Pflege brauchen

Alt in der Fremde

Einst kamen sie als so genannte Gastarbeiter, nun sind viele von ihnen pflegebedürftig: In Berlin sind Migranten über 65 eine der am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppen – mit ganz eigenen Bedürfnissen in der Pflege.

Türkische Frauen im Aufenthaltsraum der Tagespflegeeinrichtung "Deta-Med" in Berlin Foto: rbb/Alice Lanzke

Türkische Frauen im Aufenthaltsraum der Tagespflegeeinrichtung "Deta-Med" in Berlin

In dem in freundlichem Gelb gestrichenen Aufenthaltsraum sitzt eine Gruppe älterer Menschen im Kreis, einige von ihnen im Rollstuhl. Sie alle folgen den Anweisungen von Schwester Halime Akdemir, drehen den Kopf von einer Seite auf die andere, heben abwechselnd die Beine in die Luft und lassen die Füße kreisen. Eine halbe Stunde Seniorensport, wie sie ähnlich in ganz Deutschland stattfindet - mit einem Unterschied: In der Tagespflegeeinrichtung von "Deta-Med", im Berliner Stadtteil Moabit, wird fast ausschließlich Türkisch gesprochen.


Kulturspezifische Pflege

Kulturspezifische oder kultursensible Pflege, wie die speziell auf Migranten zugeschnittene Altenpflege auch genannt wird, ist ein Wachstumsmarkt: Allein die Bevölkerungsprognose für Berlin sagt voraus, dass sich die Zahl der Migranten über 65 Jahren von etwa 23.000 (2002) auf 57.000 im Jahr 2020 erhöhen wird. Ältere Migranten sind damit eine der am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppen in Berlin, die zudem ganz spezielle Bedürfnisse in der Pflege haben - Bedürfnisse, die Einrichtungen wie "Deta-Med" erfüllen.

Im Mai 1999 bekam Nare Yesilyurt-Karakurt die Zulassung für ihren Pflegedienst, den ersten in Berlin, der sich auf Migranten spezialisierte. Mittlerweile betreut "Deta-Med" 250 Patienten zu Hause, 20 Patienten besuchen die Tagespflegeeinrichtung. "Für uns bedeutet kulturspezifische Pflege, dass jeder Patient individuell versorgt wird, bei der Körperpflege genauso wie beim Essen", erläutert die gelernte Krankenschwester und Diplom-Pädagogin.

Bei deutschen Pflegediensten würde oft ein Leistungskatalog die Pflege bestimmen. "Wir machen auch Sachen für unsere Patienten, die wir nicht bezahlt bekommen", sagt sie und verweist auf die Intimrasur: "Gerade für die Älteren ist das wichtig. So heißt es im Islam, die Körperbehaarung dürfe nicht länger als ein Gerstenkorn sein, wenn man vor den Schöpfer tritt."

Ein Kuss für die Patienten

Neben der individuellen Behandlung ist Nare Yesilyurt-Karakurt auch der persönliche Kontakt wichtig: Wenn die sorgfältig geschminkte Frau die Tagespflege betritt, begrüßt sie als erstes die Patienten, viele von ihnen mit einem Kuss auf die Wange. "Wir umarmen und küssen unsere Patienten", sagt sie. Der Körperkontakt bewirke viel bei den oftmals einsamen Menschen. 80 Prozent ihrer Patienten kommen aus der Türkei, doch "Deta-Med" sieht sich nicht als rein türkischen Pflegedienst: Alle Nationen seien willkommen.

Die Muttersprache im Alter

Erol Ücel besucht die Tagespflege bereits seit Mitte 2004, ein Schlaganfall vor knapp zehn Jahren zwang ihn in den Rollstuhl. Vor zwei Monaten ist seine Frau gestorben, seine fünf Kinder und vier Enkelkinder kümmern sich nun um den 62-Jährigen, der wesentlich älter aussieht. "Ich finde es sehr schön hier, lese Zeitung, plaudere oder sehe fern", berichtet er, aber das Wichtigste sei: "Ich kann mich hier in meiner Muttersprache unterhalten."

Ücel kam 1968 nach Deutschland und arbeitete als Fleischer, "Schlachter" nennt er den Beruf. "Am Anfang konnte ich nicht schlafen, weil ich immer an das Schlachten gedacht habe", erinnert er sich. Doch mit der Zeit habe er sich an Arbeit und an Deutschland gewöhnt – und dennoch: "Wenn meine Kinder nicht wären, würde ich zurück in die Türkei gehen." Dankbar ist er für seine große Familie, die sich um ihn kümmert, viele alte Türken stünden da schlechter da. Ücel redet sich in Fahrt: "Aber die sind oft auch selber Schuld! Die haben die ganze Zeit den Pascha gespielt, kein Wunder, dass sie jetzt allein sind!"

Gülseren und Memet Mete, Herr Mete pflegt seine Frau zu Hause Foto: rbb/Alice Lanzke

Gülseren und Memet Mete: Herr Mete pflegt seine Frau zu Hause

Herr Mete und der Haushalt

So ein Pascha ist Memet Mete nicht. Aufopferungsvoll kümmert sich der 74-Jährige um seine zwei Jahre jüngere Frau Gülseren, die sich vor Schmerzen kaum bewegen kann. Vor acht Jahren hat sie ein künstliches Kniegelenk bekommen, nun soll bald wieder operiert werden. "Mein Mann ist ein guter Mann, kein typischer Pascha", lächelt sie. Obwohl den beiden eine tägliche Pflegekraft zustünde, wollen sie es allein schaffen. "Meine Frau mag keine Fremden im Haus", erklärt Memet Mete, drei bis vier Mal im Jahr komme jemand von "Deta-Med" zur Kontrolle. Ansonsten schmeißt er den Haushalt in der liebevoll eingerichteten Wohnung, geht einkaufen, macht sauber, bringt seine Frau zum Arzt und massiert sie.

Mete, der in Deutschland als Lehrer und Anwalt gearbeitet hat, entspricht nicht der klischeebehafteten Vorstellung, die man von einem türkischen Ehemann hat. Doch er macht sich schwere Vorwürfe: "Früher hat sich meine Frau um alles gekümmert. Wenn ich ihr damals mehr geholfen hätte, wäre sie heute sicher nicht so krank. Das bereue ich sehr." So oft wie möglich reisen die beiden zurück in die alte Heimat, denn dort blühe Frau Mete auf. "Die Luft ist dort besser", erklärt sie bestimmt.

Mundschutz und Gummistiefel hätten geholfen


"Dass die Luft in der Türkei besser ist, höre ich von vielen älteren Türken, dabei stimmt das gar nicht", sagt Nare Yesilyurt-Karakurt. Es sei vielmehr das Heimweh, das die gesundheitlichen Probleme in Deutschland verstärke. Eine Studie, die sie in Auftrag gab, kam zu dem Ergebnis, dass 90 Prozent ihrer Patienten an Depressionen leiden. Außerdem würden Migranten früher und schwerer erkranken als Deutsche – ein Ergebnis der harten körperlichen Arbeit. "Die Menschen haben hier ihre Gesundheit geopfert!" Yesilyurt-Karakurt ist empört. Einfachster Arbeitsschutz sei den so genannten Gastarbeitern, zu denen auch ihr Vater gehörte, nicht gewährt worden. "Mit einem Mundschutz und Gummistiefeln hätte in vielen Fällen einiges verhindern werden können", glaubt sie. "Dafür verdienen die Menschen eine Entschädigung!"

Und auch in einem anderen Punkt hat Yesilyurt-Karakurt eine klare Meinung: "Multikulti funktioniert in der Pflege nicht!" Sie könne nicht verstehen, warum ein Deutscher als Rassist beschimpft werde, wenn er sich im Alter nur von einem Deutschen pflegen lassen wolle. Yesilyurt-Karakurt ist sich sicher: "Im Alter will jeder in seiner Sprache und Kultur gepflegt werden."

Autorin: Alice Lanzke

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Ältere Migranten: Einsam und ausgegrenzt?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Karen | 21.04.2008 | 13.21 Uhr
Dass mit kulturkreisspezifischen Pflegeeinrichtugen nun eine Marktlücke geschlossen wird, halte ich für eine vollkommen normale Entwicklung und ich gehe davon aus, dass etablierte Einrichtungen mit entsprechenden Mitarbeitern nachziehen werden. Zu mehr Ausgrenzug dürfte das nicht führen. Pfleger aus der zweiten Generation können für betagte Migranten wichtige Mittler und Bindeglieder zur Gesellschaft sein.

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rbb | Stand: 02.04.2008
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