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Kelbra im Kyffhäuser. Der Ort mit knapp 3000 Einwohnern liegt umgeben von Wiesen am Fuß des südlichen Harzes. Aber die Idylle trügt: Die Hälfte der Bewohner ist über 50 Jahre alt, viele sind ohne Arbeit.
Typisch für Kelbra: Menschenleere Straßen
Ich laufe mitten am Tag durch das verträumte Städtchen und es ist auffällig leer. Keine Menschenseele weit und breit auf den neu angelegten Fußwegen. Irgendwann überholt mich eine ältere Frau mit dem Fahrrad. Und an der Kreuzung bei einem Supermarkt fährt ein Auto vom Parkplatz: Ein Herr mit weißen Haaren lächelt mir freundlich zu.
Junge Leute sieht man in Kelbra selten – sie finden keine Arbeit und ziehen in den Westen. In der Straße von Bürgermeister Reinhard Teschke wohnten früher 20 Kinder, zwölf davon leben jetzt verstreut in der Bundesrepublik: Kassel, Bonn, Kiel, Fulda, Karlsruhe – die Liste lässt sich fortsetzen.
Im Jahr 2008 bangt das örtliche Gymnasium um seine Existenz. Bald lernen weniger als 500 Schüler in dem altehrwürdigen Haus. Deshalb sorgt sich der Bürgermeister, dass die Schule geschlossen wird. Einige Kinder aus den umliegenden Dörfern hätten dann einen Schulweg von 40 Kilometern und mehr.
Pfarrer Dräger: "Eine junge Gemeinde habe ich schon lange nicht mehr"
Auch Pfarrer Matthias Dräger ist viel unterwegs. Er kümmert sich um die Gläubigen in fünf Orten. In seinem Pfarrhaus erzählt er mir, dass es in seiner Kirchgemeinde nicht genug Nachwuchs gibt. "Eine junge Gemeinde habe ich schon lange nicht mehr. Ich habe meinen Altenkreis", erzählt er mit einem traurigen Lächeln. Und nur einen Konfirmanden gibt es dieses Jahr. Aber Hoffnung glimmt auf: Immerhin drei Taufen sind angemeldet.
Bis zur Wende gab es in Kelbra sogar ein bisschen Industrie. Dann wurden aber die 200 Beschäftigte der Knopffabrik entlassen, 250 weitere Menschen verloren in den 90ern ihren Arbeitsplatz, als der Feingerätebau an die Amerikaner verkauft wurde. Und mit der Landwirtschaft verdienen nur noch knapp 40 statt 150 Menschen ihr tägliches Brot. Und das, obwohl "wir heute noch genauso viele Schweine und Kühe wie früher haben", bedauert Bürgermeister Reinhard Teschke. Die Gebäude stehen leer und verkommen – "Zu verkaufen" prangt an einem rostigen Schild am Eingangstor der alten Knopffabrik.
Steht schon seit Jahren zum Verkauf: Die alte Knopffabrik
Zurzeit beziehen 310 Einwohner in Kelbra ALG II, daran hängen noch ihre Familien. Viele Arbeitslose sind älter als 50 Jahre. Eine Generation, die die Hälfte der Bevölkerung Kelbras ausmacht. "In zehn Jahren ist dann die Hälfte über 60 Jahre", rechnet Teschke vor. Eine Vorstellung, mit der sich die Bewohner Kelbras abgefunden haben.
Die Menschen wollen den Ort am Leben halten. "Zimmer frei" lese ich am Straßenrand und die Frau im Heimatmuseum drückt mir noch schnell Prospekte von Vermietungen in die Hand. Sie hoffen, mit Wanderwegen im Kyffhäuser und Harz und Wassersport im Stausee Touristen anzulocken. Doch wo sich früher der halbe Bezirk Halle am Strand tummelte, herrscht jetzt gähnende Leere. Den Überrest von dem großen Busparkplatz am Ufer holt sich die Natur mittlerweile zurück. Noch 1991 wurde im Stadtzentrum Kelbras eine Scheune hastig in ein neues Hotel umgebaut. Doch seit ein paar Jahren steht auf dem großen Schild an der Fassade: Seniorenwohnheim "Rothenburgblick".
Bürgerarbeit soll gegen die Sockelarbeitslosigkeit helfen. Im Bürgerhaus erfahre ich von Menschen, die teilweise schon seit zehn Jahren arbeitslos sind. Jetzt führen sie durch das Heimatmuseum, gehen mit Senioren spazieren, lesen ihnen aus der Zeitung vor. 100 Menschen haben so zumindest erstmal bis Juli 2008 eine Arbeit und ihr Selbstwertgefühl steigt. Doch als ich wieder ins Auto steige, kommen mir Zweifel, ob die Bürgerarbeit wirklich langfristig durchdacht ist. Denn: Das Engagement für den Ort bringt auch keine Arbeitsplätze für die Jüngeren.
Autor: Raili Münke
Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Das Märchen von den blühenden Landschaften - Altenheim Ost?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.




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