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Welche Chancen birgt der demografische Wandel für die deutsche Wirtschaft und jeden Einzelnen? Worauf müssen sich Handel und Industrie einstellen? Und wie kann man dem Risiko der Altersarmut entgehen? Ein Interview mit der Saarbrücker Konsumforscherin Prof. Dr. Andrea Gröppel-Klein.
ARD.de: Die Menschen in Deutschland werden immer älter, die "nachwachsende" Gesellschaftsschicht, die im arbeitsfähigen Alter ist, wird immer dünner. Warum blicken Sie trotzdem optimistisch in die Zukunft?
Prof. Dr. Andrea Gröppel-Klein: Gerontologische Untersuchungen haben jüngst herausgefunden, dass ein 75-jähriger Mensch bei entsprechendem Training geistig genauso leistungsfähig ist wie ein 50-jähriger. Das heißt: Mit dem Eintritt ins Rentenalter ist nicht alles vorbei, es gibt noch immer viele Chancen und viel Raum für Engagement - zum Beispiel im Ehrenamt.
Eine interessante Zielgruppe: Menschen im "dritten Lebensabschnitt"
Sie sprechen von persönlichen Chancen - sehen Sie auch Chancen für die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft?
Aber sicher, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft. Dazu müssen wir allerdings unterscheiden zwischen dem "dritten Lebensabschnitt" - also die Zeit nach dem Berufsleben, in der ein Mensch noch gesund und fit ist, und dem so genannten "hohen Alter", in dem sich die ersten Gebrechen zeigen.
Ein steigender Bevölkerungsanteil im "hohen Alter" bedeutet höhere Marktchancen zum Beispiel für Medikamentenhersteller oder Pflege-Dienste. Für die etwas jüngere Zielgruppe der 65- bis 80-Jährigen sind andere Dinge interessant - zum Beispiel Reisen, Dienstleistungen für Haushalt und Garten oder auch Kleidungsstücke und andere Konsumgegenstände. Der Markt muss individuelle, qualitativ einwandfreie, sinnstiftende Produkte für diese Zielgruppe anbieten, ohne den Kunden jedoch in seiner Eigenschaft als "Senior" anzusprechen.
Würden an der schönen neuen Senioren-Dienstleistungswelt nicht nur die Älteren mit "dicker Brieftasche" teilhaben können?
Wir sind derzeit noch in der guten Situation, dass es sehr viele wohlhabende ältere Menschen gibt. Aber wir müssen auch realisieren, dass das in zehn oder fünfzehn Jahren anders aussehen kann. Dann könnte das Thema Altersarmut doch ein signifikantes Problem werden, wenn wir keine entsprechenden Vorsorgemaßnahmen treffen.
Wie könnten diese Maßnahmen denn aussehen?
Es wird ja schon einiges gemacht in Deutschland, Stichwort Riester-Rente beispielsweise. Mann muss den Bürgern, die jetzt 40, 50 sind, klarmachen, das ihre Rentensituation vielleicht eine andere sein wird als die ihrer Eltern. Und dass man deshalb vorsorgen sollte: Wenn man heute 100 Euro im Monat spart, lassen sich innerhalb von 20 Jahren durchaus beträchtliche Summen ansparen.
Was hat die Politik versäumt? Und wie sollte sie jetzt handeln?
Ich glaube, dass es neben dem längst überfälligen Umbau des Rentensystems wichtig ist, dass wir ganz generell ein positiveres "Altenbild" bekommen. Ältere Menschen sind leistungsfähig, verfügen über enorme Erfahrungen und viel Wissen. Und wir Jüngeren sind eigentlich dumm, wenn wir nicht auf dieses Wissen zurückgreifen. Die Politik und die Zivilgesellschaft sollten Strukturen schaffen, wie Jüngere von Älteren lernen können - und umgekehrt.
Wie könnten solche Strukturen aussehen?
Nur ein Beispiel: Es gibt "alte Hasen" aus der Unternehmer- und Geschäftswelt, die durchaus einem 25- oder 30-Jährigen in Sachen Existenzgründung, Steuerrecht und dergleichen zur Seite stehen könnten. Für solche Dinge könnte die Politik vielleicht Rahmenbedingungen schaffen. Aber im Prinzip ist das schon die Aufgabe unserer Gesellschaft. Da können wir auch untereinander sehr viel leisten, durch freiwillige Netzwerke zum Beispiel.
Prof. Dr. Andrea Gröppel-Klein leitet das Institut für Konsum- und Verhaltensforschung an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.
Und was könnte die Wirtschaft tun, um die Potenziale des demografischen Wandels zu nutzen?Das Wichtigste ist zunächst, dass die Firmen auch für ältere Menschen Weiterbildungsmaßnahmen anbieten. Die Zeiten des goldenen Renten-Handschlags für Mitarbeiter von Mitte 50 sind vorbei. Wenn also Firmen sich vermehrt dazu entscheiden, ältere Mitarbeiter genauso zu schulen wie jüngere Mitarbeiter, dann wird diese Firma langfristig wettbewerbsfähig sein. Denn wir sind in spätestens zehn, 15 Jahren auf die älteren Arbeitnehmer und Angestellten angewiesen. Aber ich glaube, dass die Wirtschaft dieses Themengebiet langsam selbst erkannt hat.
Was kann denn jeder Einzelne tun, damit es ihm in den letzten beiden Lebensabschnitten noch gut geht, ohne dass seine Kinder oder Enkel die Zeche zahlen müssen?Man sollte vielleicht spätestens mit 40, 50 damit anfangen, gesund zu leben. Vor allen Dingen ist aber wichtig, dass wir uns die Lebensfreude bewahren - auf das, was noch kommt, und auch den Wunsch, an diesen Neuerungen der Welt zu partizipieren. Wir sollten versuchen, ständig innovativ zu bleiben und neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen zu sein.
Das Interview führte Patrick Reitler.
Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Der demografische Wandel - eine Chance für die Wirtschaft?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.






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