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Volksmusik

Senioren-Pop mit einem Schuss Erotik

Ihre Platten sind Verkaufsschlager, ihre Auftritte füllen große Hallen: Trotzdem werden die Stars der volkstümlichen Musik in Beschreibungen der Popkultur selten beachtet. Vielleicht, weil Pop und Alter nicht recht zusammenklingen. Beobachtungen vom "Frühlingsfest der Volksmusik".

Die Hellwigs mit Tänzern Foto: WDR/Taxaner

Seit Jahrzehnten ein Bühnen-Hit: Maria und Margot Hellwig

Schon mehr als eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist das Selbstbedienungsrestaurant gegenüber der Köln-Arena gefüllt. Lange Schlangen bilden sich an den Theken und Kassen. Schnitzel und Pommes Frites stehen hoch im Kurs. Die Konzertbesucher wollen sich vor dem Musikgenuss noch stärken, denn sie kommen zum Teil von weit her.

Hildegard und Friedhelm Heidkämper zum Beispiel sind mit der Bahn aus Herne angereist. Die Eheleute, beide 79 Jahre alt, sind seit langem Fans der Volksmusik. Deshalb haben ihnen die Kinder zu Weihnachten Konzertkarten geschenkt. "Die wissen ja, was wir mögen. Wir gucken das ja immer im Fernsehen und hören WDR 4", sagt Friedhelm Heidkämper. Konzerte besuchen sie mehrfach im Jahr, in der Westfalenhalle etwa oder in der Arena Oberhausen. Aber in Köln sind sie zum ersten Mal.

Hildegard und Friedhelm Heidkämper Foto: WDR/Taxaner

Leidenschaftliche Volksmusik-Fans: Das Ehepaar Heidkämper

Ein großer Seniorenausflug

Die Geschichte vom Weihnachtsgeschenk der erwachsenen Kinder höre ich an diesem Abend noch mehrmals. Bald sind die Gänge der Arena gefüllt. Es sieht aus wie auf einem riesigen Seniorenausflug. Geht es nach den Musiksoziologen, so stehe ich unter Menschen mit dem Durchschnittsalter 60 und einem vergleichsweise niedrigen Bildungsniveau. Das hat eine Studie der TU Berlin im Jahr 2000 ergeben. Danach ist das Volksmusik-Publikum soziologisch gesehen recht einheitlich - anders als bei Klassik oder Pop. Das mit der Bildung kann ich nicht nachprüfen. Das Durchschnittsalter kommt mir an diesem Abend jedoch noch höher vor. Unter den 5.700 Besuchern dürften nur wenige Hundert unterhalb des Rentenalters sein. Die meisten davon fallen als erwachsene Kinder auf, die offensichtlich zu den Karten auch ihre Begleitung geschenkt haben. Auch einige Enkel kommen an der Hand von Oma oder Opa mit. Zahlreiche Rollstuhlfahrer fahren ins Parkett der Halle.

Biederkeit und Erotik

Nicht gut zu Fuß ist auch der Moderator und Star beim diesjährigen "Frühlingsfest der Volksmusik": Florian Silbereisen hat sich das Fußgelenk verletzt und tritt mit einer Krücke auf. Das hindert den 26-Jährigen nicht, zwischendurch ins Publikum zu laufen und sich eine Dame für ein paar Spiele auf die Bühne zu holen. Bei diesen Einlagen zwischen den Gesangsnummern geht es stets ums Flirten: Da bietet sich der Moderator bei Frauen, die seine Großmütter sein könnten, als "Traummann" an. Eine Kandidatin darf mit verbundenen Augen einem Star die Jacke aufknöpfen und selbst die 87-jährge Maria Hellwig wird nach "den Männern" gefragt. Eine eigenartige Mischung aus Biederkeit und Erotik beherrscht die Show: Blumengestecke und Naturidyll auf der Bühne, davor umtanzen muskulöse junge Männer in Lederhosen mit freiem Oberkörper oder leicht bekleidete Mädchen die Stars.

Geschenke für "den Florian"

Das Publikum ist schon in der Pause mehr als begeistert. Es ist dankbar. An der Informationstheke werden Geschenke für Florian Silbereisen abgegeben, Stofftiere und Karten. Ute Swienty gefällt DJ Ötzi besonders gut. Sie ist mit ihrem Mann Sigi und der älteren Freundin Helene Fischer aus Witten angereist. (Karten von den Kindern, zu Weihnachten.) "Ich könnte in jedes solches Konzert gehen", sagt Frau Swienty. "Oder schicken Sie mich gleich fünf Monate in die Berge, wo es die schöne Volksmusik gibt." Wird denn in den Bergen wirklich diese Musik gespielt? "Ja doch", erzählt Swienty, denn sie war einmal in Reit im Winkl, wo auch die Hellwigs leben. Ihr Mann ist ein wenig skeptischer. Er wäre lieber zu "Riverdance" gekommen, geht aber seiner Fraul zuliebe mit. Die ist auch ein Fan "vom Florian": "Der ist so ein netter Kerl und immer so mitleidig. Und der schämt sich auch nicht, wenn mal die Tränen kommen." "Der ist halt ein Showstar", brummt Sigi.

Die Familie Swienty und Frau Fischer Foto: WDR/Taxaner

Ute (rechts) und Sigi (links) Swienty sind samt Freundin Helene Fischer (Mitte) aus Witten angereist.

Popkultur eines Seniorenmilieus

Was "der Showstar" an diesem Abend präsentiert, ist die Popkultur eines Seniorenmilieus, die in Analysen der Popkultur selten vorkommt - weil die Analysten ihr fern stehen und weil das Alter nicht "pop" ist. So haben etwa die privaten Fernsehsender nach erfolgreichen Schlagershows der 90er Jahre dieses Segment wieder aufgegeben; auch das ZDF reduzierte die "volkstümliche Sparte". Gleichzeitig versuchen sich Spartenkanäle wie "Gute Laune TV" oder "Volksmusik TV" zu etablieren. Für die deutsche Musikindustrie sind die Freunde der so genannten Volksmusik ein wichtiger Markt, nicht zuletzt, weil diesen Kunden das Raubkopieren eher fremd ist. Der Erfolg beim wichtigsten deutschen, verkaufsabhängigen Musikpreis belegt das: In diesem Jahr gab es Echos für DJ Ötzi und die Kastelruther Spatzen.

"Dennoch ist die Szene wenig untersucht", sagt Ferdinand Zehentreiter von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Ihn interessiert vor allem, was die Fans eigentlich fasziniert. "Die meisten wissen doch irgendwie, dass das gar keine echte Volksmusik ist, sondern Attrappe. Aber sie konsumieren das so, wie man auch in künstliche Tourismus-Arrangements fährt, in kommerzielle heile Welten. Man weiß das, findet es aber trotzdem angenehm."
Ein Fotograf erzählt am Rande der Bühne leise, warum er gern Volksmusik-Konzerte dokumentiert. "Man darf ja nur ohne Blitz fotografieren. Aber das ist hier leicht. Die leuchten die Bühne immer so gleißend aus. Damit man die Falten nicht sieht."

Autor: Gregor Taxacher

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: " Volksmusik - das Geschäft der Zukunft?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Doris Ehrmann | 24.04.2008 | 11.18 Uhr
Bloß nicht, mehr klassische Musik wär uns lieber, aber nicht Volksmusik und Interpreten wie Florian Silbereisen usw. dann ist der Ausschaltknopf die bessere Alternative
Michael Geister | 23.04.2008 | 17.08 Uhr
Meine Freundin ist etwas älter als ich, steht auf Volksmusik (Klostertaler!)! Bin Rock´n Roller, gehe aber mit zu Konzerten und lasse sie fernsehen! Nur keine Kritik,
Politik, schöne, heile Welt.
Für mich: VOLKSMUSIK = VOLKSVERDUMMUNG!!!
Lhotzky B. | 23.04.2008 | 16.09 Uhr
Volksmusik - das Geschäft der Zukunft?? Ich hoffe nicht!!
Der Kult, der mit dieser sogenannten Musik getrieben wird ist schon fast widerlich ...

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wdr | Stand: 02.04.2008
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