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Elektronische Gesundheitskarte
Nackte Akte?
Oda Lambrecht
Nach langen zeitlichen Verzögerungen soll in diesem Jahr die elektronische Gesundheitskarte die bisherige Krankenversichertenkarte ersetzen. Datenschützer warnen noch immer, die Karte sei nicht sicher genug und auch zahlreiche Ärzte demonstrieren gegen die Einführung.
Medizinische Daten: alle auf eine KarteImpfpass verloren, Blutgruppe vergessen, Röntgenbilder in verschiedenen Arztpraxen verteilt - Chaos im Patientenalltag. Die Folgen: Arztbriefe werden per Post verschickt, Ärzte untersuchen doppelt, und im Notfall sind oft wichtige Patienten-Informationen nicht zur Hand. Das soll sich künftig ändern - mit der elektronischen Gesundheitskarte.
Eigentlich sollten die Bürger die neue Gesundheitskarte schon 2005 in den Händen halten - doch die Einführung wurde immer wieder verschoben. In diesem Jahr, voraussichtlich im Frühjahr, soll sie nun aber doch ihren Weg in die Portemonnaies der Deutschen finden. Auf der Gesundheitskarte sollen die Ärzte in Zukunft einen Großteil der Patientendaten abspeichern. Ein Text auf der Rückseite der Karte ersetzt außerdem den bisherigen Auslandskrankenschein.
Durch die Verringerung von Mehrfachuntersuchungen können die Krankenkassen die größten Vorteile im Hinblick auf die neuen Karten erwarten. Ärzte und Apotheker müssen dagegen - zumindest in den ersten Jahren - mit Verlusten rechnen.
Warum einen neue Karte?
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit der neuen VersichertenkarteKritisiert wird an den alten Krankenkassenkarten vor allem die mangelnde Sicherheit. Immer wieder werden Missbrauchsfälle aufgedeckt. Experten schätzen den dadurch entstehenden Gesamtschaden auf rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Um Missbrauch bei den neuen Karten zu vermeiden, werden sie unter anderem ein Lichtbild des Karteninhabers enthalten. Neben Name, Geburtsdatum und Krankenkasse sind auf der Gesundheitskarte der Zuzahlungsstatus, Daten für die Behandlung im europäischen Ausland und bis zu 10 Rezepte gespeichert. In den kommenden Jahren sollen die Patienten außerdem die Möglichkeit haben, zusätzliche medizinische Daten von sich auf der Karte zu speichern. Dazu zählen:
- Notfalldaten: Blutgruppe und (Medikamenten-)Allergien
- Arzneimitteldaten: Medikamentenallergien und regelmäßig eingenommene Medikamente
- Arztbriefe
- Patientenakte: Laborwerte, Impfungen, Diagnosen und Röntgenbilder
Diese Zusatzangaben werden auf freiwilliger Basis abgegeben - zumindest vorerst. Eine Studie der Düsseldorfer Unternehmensberatung Booz-Allen-Harton gibt jedoch an, dass die neue Gesundheitskarte ohne freiwillige Angaben der Patienten difizitär sei.
Authorisierung auf beiden Seiten
Nur mit einem Heilberufsausweis können Daten der Gesundheitskarte eingesehen werden.Die Informationen des Patienten werden entweder direkt auf der Karte gespeichert oder auf einem großen Zentralrechner – dann ist die Karte nur der Schlüssel, um an die Daten zu gelangen. In beiden Fällen muss der Patient seine Karte in ein Lesegerät schieben und ähnlich wie beim Geldautomaten eine Geheimnummer eingeben. Zudem muss sich auch der Arzt oder Apotheker mit seinem Heilberufsausweis identifizieren. Erst dann können die Daten angesehen werden. Mit dieser Maßnahme soll verhindert werden, dass Unberechtigte Einblick in die vertraulichen Daten bekommen. Im Notfall können Personen mit Heilberufsausweis jedoch auch ohne die Eingabe der Patienten-PIN auf die Kartendaten zugreifen.
Angst vor fremden Lesern
Eine hundertprozentige Sicherheit der sensiblen Daten kann es bei einem solch gigantischen Projekt nicht geben. Schon bei der Aufgabe, die Informationen im Medizineralltag vernünftig zu sichern, stöhnen die verantwortlichen Informatiker auf. Der Anspruch: Techniker müssen Rechner reparieren können, ohne Einblick in die persönlichen Daten zu bekommen.
Datenschützer sehen vor allem die Zentralisierung intimer Daten als problematisch an. Ein Grund, warum der Deutsche Ärztetag das Projekt "Gesundheitskarte" sowohl 2007, als auch 2008 ablehnte. Bürgerrechtsgruppen, Verbraucherschützer und Datenexperten protestieren weiterhin gegen die elektronische Gesundheitskarte. Sie mache den Versicherten zu einem "gläsernen Patienten".
Sollten Patientendaten irgendwie auf den freien Markt gelangen, wäre das nicht nur für Datenschützer eine Katastrophe. Schwere, erst erkannte Krankheiten oder der Tripper aus längst vergangener Zeit könnten Karrieren und sogar Familien zerstören.
Stand: 27.01.2009
Der gläserne Mensch
Blutgruppe, Röntgenbilder, Diagnosen: Bald gibt's alle Patientendaten auf einer Karte. Sind sie gut geschützt? [mehr]




