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RFID-Chips
Geniale Erfindung oder Big Brother?
Karin Feltes
Sie werden immer kleiner und sind daher immer vielseitiger einsetzbar: drahtlose RFID-Chips. Vom Einkauf über die Bücherausleihe bis zum Eintritt in die Disko - die Einsatzmöglichkeiten sind groß, die Kritik von Datenschützern allerdings auch.
RFID-Chips gibt es in allen GrößenRFID-Chips sollen den Arbeitsablauf vieler Unternehmen verkürzen. Ausgeschrieben bedeutet RFID "Radio Frequency Identification", also das Erkennen von Objekten über Funk, ohne sie zu berühren oder Sichtkontakt zu ihnen zu haben. Unbestritten: So ein RFID-Chip ist ein echtes Multitalent. Wo immer Waren (oder Personen) gekennzeichnet, registriert, gezählt oder überwacht werden müssen, kann die RFID-Technologie helfen.
Einfache Technik, große Wirkung
Ein RFID-System besteht aus zwei Teilen: dem Sender der Daten, auch Transponder genannt, und dem Lesegerät. Der Transponder wird auf der Ware angebracht und kann auf Anfrage Daten über Funk zum Lesegerät übermitteln. Die RFID-Transponder (RFID-Tags) können auch an Tieren oder Menschen beziehungsweise unter deren Haut angebracht werden.
RFID-Systeme unterscheiden sich vor allem in der Art, wie der Transponder mit Energie versorgt wird. Manche RFID-Chips haben eigene Batterien. Dadurch sind sie wesentlich größer, haben aber eine wesentlich höhere Sendereichweite (bis 1.000 Meter). Weitaus verbreiteter sind jedoch Chips, die über die Funkwellen des Lesegeräts mit Energie versorgt werden. Sie sind günstiger in der Herstellung und deutlich kleiner als batteriebetriebene RFID-Chips. Dafür haben sie aber nur eine geringe Reichweite von wenigen Metern.
RFID-Chips im gesamten Einzelhandel?
Ohne es zu wissen ist wahrscheinlich jeder schon einmal mit einem RFID-System in Berührung gekommen. Bislang kommt die Technik jedoch noch nicht flächendeckend zum Einsatz. Vor einigen Jahren erwarteten Experten noch, dass die Preise für das Funk-System so weit fallen würden, dass RFID-Chips im gesamten Einzelhandel eingesetzt werden könnten und weltweit die Barcodes ablösen würden, doch das ist bisher nicht geschehen. Die meisten Unternehmen sind zwar sehr interessiert an der RFID-Technologie, doch die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass im Jahr 2010 weltweit nur jeder 20. Artikel mit RFID ausgestatten sein wird.
Ein Problem stellt dabei vor allem die Passgenauigkeit der Software dar. Bisher gibt es keine preisgünstige, passgenaue Standardlösung für RFID. Um die Chips besser einsetzen zu können, müssten Produzenten, Händler und Transportdienstleister ihre Infrastruktur miteinander abstimmen. Außerdem ist RFID bislang nicht als Barcode-Ersatz vorstellbar: Sollte der Chip einmal kaputt gehen, gibt es keine Möglichkeit, die zerstörten Daten zu rekonstruieren. Zudem rentiert sich der Einsatz eines RFID-Chips preislich bei vielen Unternehmen noch nicht.
Ein weiteres Manko der RFID-Technologie: Der Chip-Einsatz erleichtert die Industrie-Spionage. Firmen können die RFID-Technologie nämlich auch zur besseren Überwachung der Logistik nutzen und anhand der Funk-Chips feststellen, wie viele Waren im Lager sind oder wie viele gerade angeliefert worden sind. Mit sehr empfindlichen Empfängern könnten Dritte ohne weiteres alle Verkaufsdaten einer Firma abrufen.
Rosige Zukunftsaussichten
Dennoch wird dem RFID-Chip eine rosige Zukunft vorhergesagt. Tatsächlich wird er immer wichtiger für Unternehmen, da er besonders vielseitig eingesetzt werden kann. Das ergab sich auch aus den RFID Anwendertagen 2008. Im Mittelpunkt bei der Weiterentwicklung der RFID-Chips steht vor allem die Kommunikation einzelner Produkte miteinander via RFID. Bisher senden die eingebauten RFID-Chips nur ihre Daten an die Lesergeräte. Bald sollen die Objekte auch selbsttätig miteinander kommunizieren und interagieren können.
Ein mögliches Szenario der Zukunft: Hans P. fährt mit seinem Auto nach Köln. Unterwegs gerät er in ein Unwetter. Er fährt trotz starken Regens zügig weiter und merkt plötzlich, dass er die Kontrolle über den Wagen verloren hat - Aquaplaning. Im letzten Moment bekommt Hans P. wieder die Kontrolle über das Fahrzeug und kann der Leitplanke ausweichen - möglicherweise haben nachfolgende Autos nicht solches Glück. Doch der eingebaute RFID-Chip im Wagen von Hans P. hat längst die Aquaplaningstelle gespeichert und an die RFID-Chips der nachfolgenden Autos gemeldet. Deren Fahrer haben nun die Möglichkeit, der Gefahrenquelle auszuweichen.
RFID-Technologie vs. Datenschutz
Viele Datenschützer warnen vor der Ausweitung der RFID-Technologie. Spätestens wenn die RFID-Chips flächendeckend auf Artikeln angebracht werden, hätte der Einzelne keine Kontrolle mehr darüber, wo überall Chips versteckt sind und welche Informationen sie weitergeben. Eine Lösung wäre, dass die Chips sich nach dem Kauf der Ware selbst zerstören oder mithilfe einer Deaktivierungsstation am Ausgang des Geschäfts zerstört werden können. Aber einen Nachweis, ob der Chip tatsächlich zerstört ist, hätte der Kunde dabei nicht.
Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, sich vor ungewünschtem Datenzugriff zu schützen. Neben Störsendern, die die Funktion von RFID-Chips beeinträchtigen, hilft es, den Transponder mit Alufolie abzuschirmen. Dies verhindert, dass die Wellen bis zum Transponder durchdringen.
Mittlerweile fordert nicht nur der Datenschutzverein FoeBuD e.V. eine offizielle Kennzeichnungspflicht für RFID-Produkte. Auch die EU hat sich dafür ausgesprochen.
Wo kommt die RFID-Technologie bisher zum Einsatz?
- Kennzeichnung von Waren
RFID-Chips können an Supermarkt-Produkten angebracht werden und sollen auf lange Sicht den Barcode ersetzen. Mittlerweile sind sie so klein, dass sie problemlos auch in Kleidungsstücke eingenäht werden können. Die Ware ist somit auch noch nach dem Entfernen des Etiketts auffindbar.
Ein noch in der Erprobung befindliches "RFID-Wunder" ist der "intelligente Kühlschrank". Er meldet über intakte RFID-Chips an den Lebensmitteln, ob diese noch genießbar sind oder ein Produkt bald nachgekauft werden muss. Ist der Kühlschrank mit dem Internet verbunden, können die fehlenden Produkte mit einem Klick am Display des Kühlschranks sofort nachbestellt werden.
Noch raffinierter sind so genannte Nanochips. Wissenschaftler arbeiten derzeit an der Entwicklung dieser kleinen, für das menschliche Auge nicht mehr sichtbaren Chips mit RFID-Funktionen. Sie sollen in Lebensmittel eingearbeitet werden. Der Verbraucher schluckt den Chip dann beim Essen herunter – ohne es zu merken. Diese RFID-Methode soll den Verbrauch der Nahrungsmittel aufweisen, bis sie den Stoffwechsel verlassen. - Identifizierung von Dokumenten und Banknoten
Immer wieder wurden in den vergangen Jahren Gerüchte laut, die Europäische Zentralbank wolle Euro-Geldscheine mit RFID-Chips ausstatten, um gefälschte Banknoten leichter zu erkennen. Das Jahr 2005 wurde als Stichjahr für die Einführung genannt. Der Pressereferent der Bundesbank, Gerd Röttger, stellte gegenüber ARD.de jedoch klar: "Die Euro-Banknoten sind nicht mit RFIDs ausgestattet." Bei der Einführung neuer Technologien trage die Europäische Zentralbank außerdem immer Aspekten des Datenschutzes, der persönlichen Sicherheit sowie der entsprechenden Gesetzeslage in der EU Rechnung. - Zugangssysteme
RFID-Chips kommen auch bei der Zutrittskontrolle bestimmter Einrichtungen zum Einsatz, zum Beispiel in Form von Eintrittsmarken in öffentlichen Bädern. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurden ebenfalls RFID-Chips auf den Eintrittskarten angebracht. In Berlin erhalten Abonnenten eines Pilotprojektes eine Monatsmarke mit RFID-Chip. Am U-Bahn-Eingang wird die Marke an ein Lesegerät gehalten, das den Funkchip für die jeweilige Fahrt aktiviert. In Österreich wird via RFID-Technologie die Lkw-Maut kassiert. - Bestandskontrolle
In einigen öffentlichen Bibliotheken gehören RFID-Systeme bereits zum Alltag. Die Chips werden an den Büchern angebracht und können vom Kunden selbst verbucht werden. Zur Entleihe oder Rückgabe legt der Kunde den ganzen Stapel Bücher auf das Lesegerät. Am Ausgang kontrollieren Sicherheitsschranken, ob die Bücher korrekt verbucht worden sind. - Tieridentifikation
Auch bei der Massentierhaltung ist die RFID-Technologie gang und gäbe. Ferkel bekommen beispielsweise kurz nach der Geburt einen RFID-Chip ins Ohr. Damit kann unter anderem ihr Fressverhalten genau beobachtet werden. Die kleinen RFIDs werden bei vielen Tieren auch unter die Haut implantiert. Mit den auf dem Chip gespeicherten Informationen können z.B. Besitzer entlaufener oder ausgesetzter Tiere schneller ermittelt werden. Bei Pferden wird der RFID-Chip ab Juli 2009 Pflicht. Bei anderen Tieren, die ins Ausland mitreisen (z.B. Hunde), reicht bis 2011 eine Tätowierung zur Identifikation aus. - Identifikation von Menschen
Natürlich funktioniert die RFID-Technologie auch bei Menschen. Firmen in den USA bieten bereits Chips an, die unter der Haut eingepflanzt werden. Das hat den Vorteil, dass beispielsweise Ärzte im Notfall schneller Informationen über einen Patienten ermitteln können (Blutgruppe, Allergien, Krankheiten oder Patientenverfügungen). Auch Sicherheits-Konzerne in den USA nutzen RFID-Chips. Sie verkaufen seit kurzem einen Mikrochip, den sich potenzielle Entführungsopfer unter die Haut (z.B. in den Arm) einpflanzen lassen können - so kann der Chipträger in Verbindung mit einer Zusatzkomponente per Satellit geortet werden. Das Problem: Wird die Zusatzkomponente zerstört, ist keine Ortung mehr möglich. Im neuen, biometrischen Reisepass ist ebenfalls ein RFID-Chip integriert, der mit einem entsprechenden Lesegerät gescannt werden kann. Er enthält alle wichtigen Daten des Reisenden, inklusive digitalem Foto.
In den USA sollen einige Grenzstationen mit der so genannten "Vicinity RFID"-Technologie ausgestattet werden. RFID-Chips in den Ausweisen ("US PASSport cards") der vorbeifahrenden Autofahrer können damit auf eine gewisse Distanz hin erfasst werden. Ausgelesen werden Passnummern, Bilder und auf dem Chip gespeicherte persönliche Daten. Nach einer zusätzlichen Gesichtskontrolle durch den Grenzbeamten darf der Reisende die Grenzstation passieren. Eventuell käme bei dieser Technologie auch ein Abgleich mit Fahndungsdaten in Frage.
Stand: 28.01.2009




