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Die gläserne Zukunft
Ein Tag im Jahr 2020
Patrick Batarilo
Schon die Gegenwart macht es den Datenschützern nicht leicht. Neue technische Entwicklungen erhöhen die Sicherheit durch Überwachung oder machen das Leben bequemer. Aber sie schaffen auch Probleme. Und die werden in Zukunft eher größer. Ein Blick ins Jahr 2020.
Schweißperlen rinnen über Petra Wagners Stirn - nicht zum ersten Mal an diesem Morgen. Erschöpft lässt sie den Arm sinken. "In Ordnung. Zieh das Ding selbst an!" Ihr Sohn Gabriel springt jubelnd aus dem Auto. Er will immer alles selbst machen. Auch das schmale Gummiarmband mit dem Sender lässt er sich nicht von seiner Mutter anlegen. Dass sie so immer weiß, wo er sich befindet, ist Gabriel egal. Schließlich haben die anderen Kinder auch solche Armbänder. Es ist eben sicherer.
"Kauf dir bloß keine Gummibärchen im Kiosk!", ruft Petra Wagner dem Achtjährigen noch hinterher, "du weißt, mein Handy schlägt dann Alarm!" Aber Gabriel läuft schon unbekümmert auf das Schulgebäude zu. Vermutlich hat er noch genug Gummibärchen in der Tasche, um die Drohung seiner Mutter nicht als solche zu empfinden. Eine Kamera über dem antiken Schulportal scannt ihn, und das Tor öffnet sich automatisch. Schließlich sind im Jahr 2020 hohe Schulgebühren die Regel, da soll nicht jeder aufs Gelände der Schule.
Grüße vom Einkaufswagen
Zwei Straßen weiter stellt Petra Wagner ihr Auto auf dem Parkplatz eines Supermarktes ab. Jetzt wird eingekauft! Weil in ihrer Kundenkarte ein so genannter RFID-Chip ist, erkennt ihr Einkaufswagen sie sofort und begrüßt Frau Wagner freundlich mit Namen. Auf dem kleinen Bildschirm über dem Griff erscheint ihre Standardeinkaufsliste, vom Supermarkt zusammengestellt aus den Einkäufen der letzten Monate - und eine kleine Karte des Supermarkts, auf der sie verfolgen kann, wie sie der Einkaufswagen zu den entsprechenden Regalen navigiert.
Es werden auch zwei weitere Routen angeboten, die sie zu aktuellen Sonderangeboten lotsen, die zu Petras Kundenprofil passen. Als sie sieht, dass alle vorgeschlagenen Routen am Regal mit den Grappaflaschen vorbeiführen, fühlt sie sich erwischt. Sie hat in letzter Zeit öfter Grappa gekauft.
Störsender helfen
Entschlossen steuert Petra an den Alkoholika vorbei. Fast hätte sie ein Mädchen gerammt, das gerade eine Flasche Sekt aus dem Regal nimmt. Die ist bestimmt noch keine 14, denkt Petra. Und tatsächlich - schon kommt ein Verkäufer um die Ecke und nimmt ihr den Sekt wieder ab. Ein Lesegerät hat die Kundenkarte des Mädchens registriert und ihr Alter an den Verkäufer gefunkt.
Vermutlich wird sie eine halbe Stunde später mit ihrem Freund wieder hier aufkreuzen, denkt Petra. Der ist bestimmt auch erst 14, dafür hat er aber einen Störsender, mit dem er den Funk-Chip ausschalten kann. Früher hätte man auch einfach die Kundenkarte zu Hause lassen können. Aber heutzutage kann man ohne die Karte in keinem Laden mehr einkaufen.
Funkchips im Körper
Petra Wagner schiebt ihren Einkaufswagen an der Kasse vorbei. Die Waren senden ihre Preise an die Kasse und automatisch wird das Geld von ihrem Konto abgebucht. Draußen lädt sie ihre Einkäufe ins Auto. Eine alte Frau geht langsam an ihr vorbei auf den Supermarkt zu. Sie erinnert Petra an ihre Mutter, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Plötzlich sinkt die alte Dame in die Knie und rührt sich nicht mehr. Besorgt läuft Petra hinüber. Die Frau hat die Augen geschlossen und ist nicht ansprechbar.
Petra will übers Handy einen Krankenwagen rufen - aber da biegt schon einer um die Ecke. Ältere Menschen haben heutzutage Funk-Chips in ihrem Körper: Im Notfall alarmiert der Chip das nächste Krankenhaus und funkt alle nötigen Patienteninformationen durch. "Sie hat Unterzucker, das ist alles ...", ruft der Sanitäter und springt aus dem Auto. "Machen Sie sich keine Sorgen!"
Datenhandel
Nachdenklich geht Petra Wagner zu ihrem Auto zurück. Sie überlegt, ob es nicht besser für Gabriel wäre, wenn er auch so einen Chip eingepflanzt bekäme. Ihr Telefonanbieter vermittelt solche Angebote, hat sie gehört, und so ruft sie die Hotline der Firma an. Fast zehn Minuten hängt sie in der Warteschleife, dann legt sie auf. Das geht jetzt so, seit ihr Mann arbeitslos ist. "Vielleicht reden die ja vorrangig mit den besser betuchten Kunden", denkt sich Frau Wagner. Aber woher weiß der Anbieter, dass ihrem Mann gekündigt wurde?
Aus Trotz richtet sie ihr Handy auf ein Plakat an einer Litfasssäule, auf dem für ein Konzert geworben wird. Sie mag die Gruppe nicht besonders, aber das ist egal. Der Funk-Chip im Plakat und ihr Handy treten in Kontakt – und sie bestellt zwei Karten - für sich und ihren Mann. Das können sie sich noch leisten.
Stand: 28.01.2009
Die gläserne Zukunft
Inhalt:
- Ein Tag im Jahr 2020
Von RFID-Chips, Störsendern und Funkchips im Körper - Teil 2: Ein Tag im Jahr 2020
Überwachung auch unterwegs - Teil 3: Ein Tag im Jahr 2020
Datenkunst und Datendiebe




