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Der demografsche Wandel bestimmt viele Diskussionen um Kinder und Kinderlosigkeit in Deutschland. Was steckt dahinter? Ein Interview mit Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter und Prof. Dr. Michaela Kreyenberg vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock.
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter: "Es wird immer mehr Alte geben"
ARD.de: Ist das in den vergangenen Jahren in den Medien gezeichnete Szenario der aussterbenden Deutschen das "schlimmste anzunehmende" Bild?
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter: Die Deutschen sterben nicht aus, sondern es werden höchstens weniger und es gibt eine gemischtere Bevölkerung. Vor allem die Altersstruktur wird sich ändern, durch die steigende Lebenserwartung und die geringe Fertilität wird es im Verhältnis immer mehr Alte geben. Dies bedeutet, dass unsere sozialen Sicherungssysteme, aber auch unsere Wirtschaft umgestaltet werden müssen.
Weder eine kurzfristig erhöhte Fertilität, noch steigende Zuwanderung können die Verschiebung der Altersstruktur aufheben. Dennoch werden wir mehr Zuwanderung benötigen, auch um unsere Produktivität in der Wirtschaft aufrechtzuerhalten bzw. zu steigern. Andere typische Einwanderungsländer mit mehr Zugewanderten sind eher positive als negative Beispiele. Ein größere Herausforderung als die Schrumpfung der Bevölkerung ist die Verschiebung der Altersstruktur.
Wie sähe ein ideales demografisches Bild vom heutigen Deutschland aus?
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter: Gar nicht so weit vom jetzigen entfernt: Jeder soll so viele Kinder kriegen können wie er oder sie will. Aber zur Verwirklichung der gewünschten Kinderzahl kann und sollte die Politik beitragen. Die geringere Kinderzahl ist auch nicht die "Schuld" von individualisierten Egoisten; vielmehr wird auf ganzer Linie, also auch in der Politik, zu wenig Sorge für die Nachkommen geleistet und eine Entwicklung gegen Kinder eher unterstützt als gebremst.
Was sich ändern muss, sind die gesellschaftlichen Institutionen, die an die "moderne Demografie" noch schlecht angepasst sind. Zum Beispiel wären die sozialen Sicherungssysteme tragfähiger, wenn ältere Arbeitnehmer vermehrt in den Arbeitsprozess integriert wären und nicht in Frührente geschickt würden bzw. junge Menschen Familiengründung und Berufstätigkeit besser verbinden könnten.
Welche Bedeutung hat die Geburtenrate für die demografische Entwicklung in Deutschland?
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter: Die seit den 70er Jahren langfristig niedrige Geburtenrate ist der Hauptfaktor der Bevölkerungsalterung, dazu kommt die steigende Lebenserwartung. Die in den letzten Jahrzehnten fehlenden Geburten können nicht nachgeholt werden. Auch bei hoher Fertilität ist die Anzahl der Frauen im reproduktionsfähigen Alter zu gering um große Kohorten an Neugeborenen zu erzielen.
Wie hoch wäre eine "ideale" Geburtenrate, um eine "optimale" Bevölkerungsverteilung zu erreichen? Gibt es so etwas überhaupt?
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter: Geburtenraten unter dem Reproduktionsniveau (= 2.1 Kinder pro Frau) führen immer zu einer Schrumpfung und gleichzeitig Alterung der Bevölkerung. Bei niedriger Sterblichkeit führen Raten über 2.1 zu einem Bevölkerungswachstum und einer Verjüngung. Beides kann Probleme mit sich führen, aber auch positive Auswirkungen haben - Alterung in den industrialisierten Ländern, Überbevölkerung und Armut in den weniger entwickelten Ländern.
Die Definition eines optimalen Verhältnisses zwischen Jung und Alt bezieht sich wohl immer auf vorhandene Institutionen, soziale Normen und wirtschaftliche Grundlagen eines Landes. Eine allgemeingültige Geburtenrate gibt es daher nicht. Grundsätzlich kann man jedoch bei steigender Lebenserwartung eine Rate etwas unter dem Reproduktionsniveau als einem Optimum nahekommend ansehen. Dies bedeutet, dass jede Elterngeneration genau durch die Generation ihrer Kinder ersetzt wird.
Welche Faktoren beeinflussen die Geburtenentwicklung?
Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld: Kennzeichen für die Geburtenentwicklung in Deutschland ist ein relativ hoher Anteil Kinderloser. Zudem lässt sich ein kontinuierlicher Anstieg des Alters bei Erstgeburt beobachten. Die Veränderungen sind aus vielen Gründen relevant. Zum einen hat ein Anstieg des Alters bei Geburt negative Auswirkungen auf die jährlichen Geburtenziffern. Es gibt diverse Studien, die aufzeigen, dass ein spätes Alter bei Erstgeburt ein wesentlicher Grund ist, warum Paare auf weitere Kinder verzichten.
Als Gründe für den Aufschub der Familiengründung werden immer wieder die langen Ausbildungszeiten in Deutschland angeführt. Diese Erklärung dürfte jedoch in erster Linie auf die Akademikerinnen zutreffen. Tatsächlich kann man den Aufschubprozess auch bei anderen Bildungsgruppen feststellen, die schon mit Anfang 20 ihre Ausbildung abgeschlossen haben.
Momentan wird insbesondere darüber diskutiert, inwiefern Unsicherheiten beim Berufseinstieg und hohe Arbeitslosigkeit Einfluss auf den kontinuierlichen Aufschub der Familiengründung nehmen. Und es gibt noch andere Faktoren, warum Frauen und Männer nicht mit Mitte 20 schon Mutter bzw. Vater werden wollen. Darunter fällt auch, dass die Partnerschaftssituation in diesem Alter meistens noch als instabil empfunden wird oder schlichtweg, dass andere Lebensoptionen als die Elternrolle erstrebenswert erscheinen.
Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld: "Die Kinderlosigkeit ist in Deutschland eine der höchsten der Welt"
Welche Rolle spielt die Kinderlosigkeit für die niedrige Geburtenrate in Deutschland?
Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld: Die Kinderlosigkeit ist in Deutschland eine der höchsten der Welt. Einige Forscher haben darauf hingewiesen, dass dennoch das "Problem" in Deutschland weniger die Kinderlosigkeit ist, sondern die geringe Neigung mehr als zwei Kinder zu bekommen. Es hat auch sozialpolitische Konsequenzen, wenn ein großer Teil einer Gesellschaft lebenslang gar keine Kinder bekommt.
Das wurde in der Soziologie mit dem Begriff der "Polarisierung in einen Familien- und einen Nicht-Familiensektor" auf den Punkt gebracht. Die meisten Studien zeigen, dass Paare, die ein Kind haben, meistens auch noch ein Zweites bekommen. In den meisten Gesellschaften ist die "Zwei-Kind-Familie" immer noch die gesellschaftliche Norm. Paare zum dritten Kind zu motivieren, dürfte schwierig sein.
Gibt es in Europa Beispiele dafür, dass familienpolitische Maßnahmen die Geburtenentwicklung beeinflusst haben?
Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld: Es gibt viele unrühmliche Beispiele in der Geschichte, in der durch staatliche Zwangspolitik die Geburtenraten beeinflusst worden sind. Krasses Beispiel dafür ist die Geburtenentwicklung in Rumänien, wo Frauen der Zugang zu Kontrazeptiva und Abtreibungen verwehrt worden ist.
Leider gibt es weniger Beispiele dafür, wie "positive Familienpolitik" die Geburtenentwicklung beeinflusst hat. Unter positiver Familienpolitik fasse ich Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, die Wahlmöglichkeiten von Paaren zu erhöhen. Die Bereitstellung von öffentlichen Betreuungsangeboten für Kinder eröffnet Frauen neue Perspektiven, Kind und Beruf zu vereinbaren.
Die hohe Geburtenrate in Frankreich und den nordischen Ländern, in denen die öffentliche Kinderbetreuung gut ausgebaut ist, liefert einen gewissen Hinweis darauf, dass Familienpolitik relevant für die Geburtenentwicklung ist. Man muss aber sehen, dass gerade in Schweden nie stur eine geburtenfördernde Politik betrieben wurde. Vorrangiges Ziel war die Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt; die hohen Geburtenraten waren letztlich eine Begleiterscheinung frauenfreundlicher Arbeitsmarktpolitik.
Das Interview führte Bettina Meier.
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