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Bürger und Medien diskutieren den demografischen Wandel. Das Schreckensbild: Die Deutschen sterben aus. Dabei sieht die aktuelle Lage besser aus als angenommen.
In den vergangenen Monaten hat ein Thema die Medien beschäftigt wie selten zuvor: die Bevölkerungsstatistik. Die Meister dieser Zahlenkolonnen klärten die Deutschen wiederholt darüber auf, dass es zu wenige Kinder gebe und die Deutschen daher in den kommenden Jahrzehnten weniger würden. Gleichzeitig soll der Anteil der alten Menschen hierzulande steigen. Diese Entwicklung bezeichnen die Wissenschaftler als demografischen Wandel. Und der ist scheinbar für viele ein Schreckensbild.
Dabei belegen die Zahlen zuerst einmal eine positive Entwicklung: Dank moderner Medizin haben wir es geschafft, die Kindersterblichkeit auf eine vernachlässigbare Größe zu senken und die Lebenserwartung zu steigern. In der Öffentlichkeit ist allerdings von der demografischen Diskussion hauptsächlich eines hängen geblieben: Die Frauen in Deutschland bekommen zu wenig Kinder. Im Durchschnitt gerade einmal 1,4 pro Frau. Mindestens zwei sollten es schon sein - nur dann würde sich langfristig die Bevölkerungszahl und die Altersstruktur stabilisieren.
Kurzfristig würde eine höhere Geburtenrate nichts an der Alterung der Bevölkerung ändern. Denn schon seit über 30 Jahren sind die deutschen Frauen in einen scheinbaren Gebärstreik gegangen. Das liegt unter anderem daran, dass sie seit Mitte der 60er Jahre durch die Pille das wann und ob einer Schwangerschaft besser bestimmen können. In wenigen Jahren ging die Geburtenrate stark zurück - der so genannte Pillenknick. Daher kamen in den vergangenen drei Jahrzehnten zu wenig Kinder auf die Welt, um die Elterngeneration zu ersetzen.
Selbst wenn jetzt alle Frauen im gebärfähigen Alter mehr Kinder bekommen würden, an der großen Lücke aus den vergangenen 30 Jahren würde das nichts ändern. Zusätzlich verschärft sich das Problem in den kommenden Jahrzehnten, weil jetzt eine Generation ins Rentenalter kommen wird, die den schönen Namen Babyboomer trägt - und zahlenmäßig noch sehr stark ist.
Den Statistikern ist diese Entwicklung schon länger bewusst. Bisher wurden die fehlenden Babys durch Einwanderung ausgeglichen. Seitdem jedoch auch die Zahl der zugereisten Ausländer, Spätaussiedler und Rückkehrer aus dem Ausland abnimmt, sollen mehr Kinder das Land vor dem scheinbaren Kollaps retten. Kinder und Einwanderung können den demografischen Wandel nur kurzfristig abmildern. Die sozialen Sicherungssysteme wären tragfähiger, wenn ältere Arbeitnehmer vermehrt in den Arbeitsprozess integriert wären bzw. junge Menschen Familiengründung und Berufstätigkeit besser verbinden könnten, so die Statistiker. Und dann kommen vielleicht auch wieder mehr Kinder auf die Welt.
Die Zahl der Neugeborenen lag 2005 zum ersten Mal unter 700.000, die niedrigste Zahl seit 1946. Ein Kennzeichen für diese Entwicklung ist nach Meinung von Michaela Kreyenfeld vom Max-Plack-Institut für demografische Forschung "ein relativ hoher Anteil Kinderloser" in Deutschland. In Westdeutschland liegt der Anteil der kinderlosen Frauen heute bei 25 Prozent. Auch eine Umfrage der "Robert Bosch Stiftung" aus dem Jahr 2006 zeigt, dass auch der Kinderwunsch der Deutschen nicht so ausgeprägt ist. Und da gibt es einen klaren Unterschied zwischen den Geschlechtern: Jeder vierte Mann und nur jede siebte Frau wollen keine Kinder.
Niemand will den Menschen vorschrieben, wie sie zu leben haben, und wie viele Kinder sie bekommen sollen. Doch der Umstand, dass viele Frauen und Männer keine Kinder bekommen wollen, hat auch eine soziale Wirkung. Das Kinderhaben wird von Generation zu Generation weniger vorgelebt. "Die ganze Nation hat sich ein bisschen entwöhnt von der Normalität, Kinder zu haben", so Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Doch diejenigen, die ein Kind oder weitere Kinder wollen, wünschen sich eine stärkere Unterstützung. Ganz oben in der Wunschliste stehen laut der Studie der "Robert Bosch Stiftung" "mehr und bessere Teilzeitmöglichkeiten und flexiblere Arbeitszeiten für berufstätige Eltern mit kleinen Kindern".
Zu dem relativ schwach ausgeprägten Kinderwunsch kommt hinzu, dass viele Frauen die Familiengründung zeitlich nach hinten schieben - wegen der Ausbildung oder anderer Faktoren in ihrem Leben. Die Wissenschaftler untersuchen zurzeit, inwieweit Unsicherheit beim Berufseinstieg und hohe Arbeitslosigkeit Einfluss auf den Zeitpunkt der Familiengründung hat. Und eine gute Stimmung trägt scheinbar zu mehr Geburten bei - wie die "taz" im Februar vermeldete: "Nachwehen der Fußball-WM: mehr Geburten".
Mehr Geburten gibt es bei unserem Nachbarn Frankreich. Anfang des Jahres verkündete das Land, dass seine Geburtenrate auf über zwei gestiegen ist. Und das liegt ebenso wie in den skandinavischen Ländern nicht nur an einer gezielten Familienpolitik. "Vorrangiges Ziel war die Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt; die hohen Geburtenraten waren letztlich eine Begleiterscheinung frauenfreundlicher Arbeitsmarktpolitik", erklärt Michaela Kreyenfeld.
Die Politik kann Geld in Bildung und Familie investieren. Ob mehr Kinder auf die Welt kommen, hängt auch von einer "familienbewussten Arbeitswelt, einer Wirtschaft, die Erziehende fördert und nicht ausgrenzt" ab, wie es die Familienministerin Ursula von der Leyen erklärte. Dann ändert sich etwas. Denn nicht nur Statistiker und Soziologen sind sich einig: viele Kinder braucht das Land - sonst geht etwas verloren.
Autorin: Bettina Meier






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