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Etikett vom WDR Foto: WDR

Entscheidung gegen Kinder

Wenn Paare "Nein" sagen

Knapp ein Drittel aller Frauen in Deutschland bleibt kinderlos. Wie viele Paare bewusst auf Nachwuchs verzichten, ist unbekannt. Umfragen lassen jedoch vermuten, dass Gebärstreik und Zeugungsstreik Massenphänomene sind. Was bewegt Paare dazu?

Ein Paar im Bett, daneben ein Verbotsschild Foto: dpa/WDR, Wache

Das Leben genießen - ohne Kinder

Viel diskutiert, aber statistisch nicht erfasst: Niemand kennt das wirkliche Ausmaß der gewollten Kinderlosigkeit in Deutschland. Das sagt Jürgen Dorbritz, Familiensoziologe im Dienste des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung (BIB) in Wiesbaden. Beim Mikrozensus, einer jährlichen Studie des Statistischen Bundesamtes, etwa werde nur allgemein nach der Zahl der Kinder pro Haushalt gefragt. Nach Schätzungen des BIB bleiben ungefähr 30 Prozent der Frauen, die nach 1966 geboren sind, ohne Kinder. Wie viele davon sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, wollte das Institut für demografische Forschung in Rostock wissen. Demnach gaben 15 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer an, keine Kinder haben zu wollen.

Gründe für Kinderlosigkeit

"Am häufigsten bereitet den Kinderlosen Sorge, dass sie ihren Lebensstandard nicht beibehalten können", sagt Jürgen Dorbritz. Das BIB hat Menschen nach den Gründen für ihre Kinderlosigkeit befragt. Angst vor dem sozialen Abstieg gaben 67 Prozent der Frauen und 61 Prozent der Männer als wichtigsten Grund an. Das zweitwichtigste Argument: "Ich könnte das Leben nicht mehr so genießen wie bisher." Bei zwei Gruppen sei die freiwillige Kinderlosigkeit besonders verbreitet. Das sind zum einen hochqualifizierte Frauen, die glauben, Beruf und Karriere nicht mit Kindern vereinbaren zu können. Zum anderen Paare mit relativ niedrigem Einkommen, die fürchten, wegen Kindern Verzicht üben zu müssen. In Deutschland sei zudem der Gedanke weit verbreitet, eine Familie erst dann gründen zu können, wenn ein gewisser Lebensstandard erreicht ist. "Für viele kommt dieser Zeitpunkt nie oder zu spät", sagt Dorbritz.

Die Sicht der Frauen

"Es gibt für Frauen viele Gründe, sich gegen Kinder zu entscheiden", meint die Autorin und Psychologin Susie Reinhardt. Die 44-Jährige hat in ihrem Buch "FrauenLeben ohne Kinder" Frauen porträtiert, die freiwillig auf Kinder verzichtet haben. Sie ließen sich in drei Kategorien einteilen, sagt Reinhardt und greift dabei auf frühere psychologische Forschungen zurück. Die erste Gruppe sei die der "Frühentscheiderinnen". Für sie steht es schon in jungen Jahren nie zur Debatte, Kinder zu bekommen. Sie wollen sich lieber im Beruf verwirklichen, ihr Leben genießen und sich nicht in traditionelle Rollen drängen lassen. Oft stehe die Abhängigkeit der eigenen Mutter "als negatives Vorbild" vor Augen.

"Spätentscheiderinnen" nennt Reinhardt die Frauen, die Nachwuchs zunächst nicht ausschließen, aber immer wieder verschieben. Sei es, weil es keinen geeigneten Partner gibt, eine Schwangerschaft nicht zu beruflichen Plänen passt oder es am Geld fehlt. Mit Mitte 30 dann, wenn es heißt "jetzt oder nie", wählen sie bewusst das "nie". "Selbstverwirklichung, der eigene Beruf oder die Zweisamkeit in der Partnerschaft sind diesen Frauen dann wichtiger als ein Kind", sagt Reinhardt.

Ein Paar alleine am Fluss Foto: dpa

Manche Paare warten, bis es zu spät ist

Die dritte Gruppe gehört nicht im eigentlichen Sinne zu den bewusst Kinderlosen. Denn die so genannten "Aufschieberinnen" haben in jungen Jahren durchaus den Wunsch, Kinder zu bekommen. Aus den selben Gründen wie die "Spätentscheiderinnen" warten sie jedoch, bis es zu spät ist. Verurteilen dürfe man im Übrigen keine der drei Gruppen, meint Reinhardt. "Auch kinderlose Frauen leisten einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft." Sie leisteten mehr im Berufsleben, nähmen Führungspositionen ein und lebten damit Gleichberechtigung vor.

Die Sicht der Männer

Häufiger als Frauen wollen Männer kinderlos bleiben. "Es ist falsch, vom Gebärstreik zu sprechen, wir haben einen Zeugungsstreik", sagt Meike Dinklage, Autorin des gleichnamigen Buches. Sie hat kinderlose Männer im Alter von 35 bis 40 Jahren befragt, um herauszufinden, was sie in den Zeugungsstreik treibt. Der Hauptgrund: Sie haben keine Torschlusspanik. Während bei Frauen Ende Dreißig der Kinderzug abgefahren ist, beschwichtigen sich viele Männer damit, später immer noch Nachwuchs haben zu können. Ein Trugschluss, wie Dinklage sagt. Drei Viertel dieser "Später-vielleicht-Männer" bleibe ohne Nachwuchs.

  • Kommentare
    Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Kann sich die Gesellschaft Kindermuffel noch leisten?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet. Alle Kommentare finden Sie nachfolgend zum Nachlesen.
Maike | 23.04.2007 | 12.56 Uhr
In Zeiten vor staatlicher Rentenversicherungen, war den Menschen der Zusammenhang von Kindern und Lebensunterhalt verständlich. Michelangelo war kinderlos, ernährte seine Neffen und Nichten und seine Eltern. Dies war das übliche Modell. Kinderlose hatten die Pflicht, für ihre Eltern und Geschwister zu sorgen. Eltern für ihre Kinder und wenn es keine kinderlosen Geschwister gab auch für ihre Eltern.
Schon in der Antike gab es dieses Modell (Achill - Pflegevater Phönix). Zu einem ähnlichen Modell müssen wir wieder zurück.
Vera | 22.04.2007 | 03.10 Uhr
Sie sollte es. Es ist eine persönliche Entscheidung.
Aber sie sollten dafür zahlen.
Mit niedrigen Renten, mit höheren Rentenbeiträgen, mit höheren Pflege- und Krankheitsbeiträgen, höheren Steuern und längerer Lebensarbeitszeit.
Arno Schmidt | 20.04.2007 | 20.53 Uhr
Mich enttäuscht bei einer solchen Themenwoche vor allem die ewig falsche Perspektive: Kinder sind nicht Zukunft - sie sind Gegenwart! und in der Gegenwart sollten wir uns auch mit ihnen auseinander- und zusammensetzen. Und außerdem: Vor allem Eltern und Erzieher kamen zu Wort in der Woche - weniger die Kinder (insbesondere in den Fernseh-Beiträgen). Mich interessieren auch kinderlose Ehepaare oder Lebenspartnerschaften im Zusammenhang mit einer Themenwoche zum Thema "Kinder" überhaupt nicht. Es geht um Kinder und nicht um die Probleme oder Lebensumstände derer, die eventuell Eltern werden könnten. Diese sollten an anderer Stelle verhandelt werden.

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wdr | Stand: 04.04.2007
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