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Etikett vom WDR Foto: WDR

Interview mit dem Demografen Herwig Birg

"In Familien wohnt Solidarität"

"Die Idee von Familie ist unabdingbar", findet der Bielefelder Demograf Herwig Birg. Denn Familie sei der Ort, wo Solidarität gelebt werde – ein Wert, der die Gesellschaft und die Generationen zusammenhalte, erklärt er im Interview.

ARD.de: Solidarität gibt es auf vielen Ebenen: etwa bei internationalen Hilfsprojekten, zwischen gesellschaftlichen Schichten, in der Familie. Was ist der gemeinsame Nenner?
Herwig Birg: Man kann Solidarität mit Menschlichkeit übersetzen. Es bedeutet das gegenseitige Einstehen für einander und für gemeinsame Werte und Ziele.

Kann man Solidarität verordnen?
Freiwilligkeit ist eine zwingende Voraussetzung, zwangsweise Solidarität ist keine.

Welchen Ursprung hat Solidarität?
Sie ist seit jeher ein zentrales Element aller Gesellschaften – weil es gar nicht anders geht. Denn der Mensch wird geboren als hilfsbedürftiges Wesen und braucht die Solidarität der Älteren. Und er endet wieder als hilfsbedürftiges Wesen. Zwischendrin kann er seinen Mitmenschen helfen. So ergeht es jedem Menschen in jeder Gesellschaft, wir kommen also ohne Solidarität nicht aus – es sei denn, wir verabschieden uns von der Idee der Gesellschaft. Es ist ja heute Mode, sich von dem zu verabschieden, was Gesellschaft zusammenhält, zum Beispiel der Familie.

Woran liegt das?
Das liegt an der mangelnden Information der Menschen darüber, wie Gesellschaft funktioniert, an Desinteresse und an der medialen Dauerpropaganda. Man kann sagen, an der flächendeckenden Verdummung unserer Gesellschaft. Die Idee von Familie und Solidarität wurde denunziert als nicht unbedingt nötig. Sie ist aber unabdingbar: So wie wir uns ernähren müssen, brauchen wir auf menschlicher Ebene Solidarität.

Bedeutet die aktuelle Debatte eine Trendwende, hin zur Familie?
Nein, das glaube ich nicht. Eine Trendwende wird es – so glaube ich – auf Jahrzehnte nicht geben. Was sollte die auch auslösen? Und für eine wirksame Aufklärung ist es noch zu früh. Man kann es vergleichen mit einer Sackgasse: Man muss bis ans Ende laufen, bis man umdreht. Es sei denn, man denkt voraus – das ist aber nach meiner Beobachtung nicht der Fall.

Sie sagen: Solidarität ist heute nicht mehr zeitgemäß. Wo sehen sie die Gründe dafür?
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert. Es gibt einen kulturellen Niedergang. Viele Menschen – im Wortsinn - verstehen die Welt nicht mehr, sie sind als Bürger unmündig geworden. Wenn wir die Orientierung in der Welt verlieren, ist das nicht die Schuld des Staates, sondern die der Bürger. Der Staat: Das sind wir alle. Wer sich der Realität nicht stellt – etwa der Tatsache, dass die Gesellschaft Solidarität braucht -, wer sich etwas vormacht oder vormachen lässt, der ist unmündig.

Es wird von der Politik immer mehr die Eigenverantwortung der Bürger eingefordert – warum?
Das ist aus der Not geboren, die sozialen Sicherungssysteme funktionieren nicht mehr. Die Parole lautet: Rette sich, wer kann! Da wird beschönigend von "Eigenvorsorge" gesprochen.  Dabei beginnt die Eigenverantwortung da, wo man erkennt, dass man Verantwortung für andere hat.

Der Einfluss der Gewerkschaften geht zurück – ein Beleg für das Schwinden der Solidarität?
Ja, sicher. Gewerkschaften, Kirchen und alle gemeinnützigen Einrichtungen sind auf dem Rückzug. Das ist ein Beleg von vielen für das Schwinden der Solidarität in unserer Gesellschaft. Man muss sich ja nur selbst prüfen, wie die Mitmenschlichkeit im eigenen Umfeld funktioniert, etwa in der Familie. Das setzt allerdings voraus, dass man Familie hat.

Bei allem Pessimismus: Welche Beispiele für Solidarität gibt es heute?
In Deutschland haben rund zwei Drittel der Menschen Familie. Dort gibt es wunderbare Beispiele für Solidarität – aber all das kommt im öffentlichen Diskurs ja nicht mehr vor, sondern nur die negativen Beispiele. Und die generelle Botschaft, dass der demographische Abwärtstrend ohne Alternative ist. Dabei sind die Bevölkerungszahlen nicht gottgegeben. Die Gesellschaft hat es selbst in der Hand, wie sie sich und das Verhältnis zwischen den Generationen organisiert.

Existiert denn Solidarität nicht auch außerhalb der Familie?
Familie ist immer noch der primäre Ort von Solidarität. Zu nennen ist daneben die nationale Ebene, etwa die Verteidigung des eigenen Landes gegen äußere Feinde. Da riskieren Menschen sogar ihr Leben, etwa als Soldaten. Dann gibt es Interessengemeinschaften, zum Beispiel Vereine, und die Solidarität zwischen Personen, etwa in Liebesbeziehungen. Am wichtigsten ist jedoch die Familie, verstanden als Mehrgenerationengemeinschaft.

Erfordert Solidarität einen bestimmten Familienbegriff?
Der Familienbegriff ist allgemein anwendbar, es gibt ihn ja auch in der Biologie und Mathematik. Wo etwas Zusammengehöriges zusammenhält, kann man von Familie sprechen. Auf Ebene der Gesellschaft ist das der wichtigste Ort der Solidarität.

Welchen Stellenwert hat Solidarität für junge Menschen?
Die meisten jungen Leute und Kinder halten das für einen wichtigen Wert, auch Familie wollen die meisten. Das ist aber nur die Ebene der Vorstellungen und Ideale, die reale Ebene sieht anders aus: Da verhält man sich anders. Das wieder in Übereinstimmung zu bringen ist sehr wichtig.

Das Interview führte Michael Kaes.

  • Kommentare
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Kerstin G. | 18.04.2007 | 22.55 Uhr
Die Familie ist der Ort, wo man am besten lernen kann, für Andere da zu sein. Die wichtigste Basis dafür ist Liebe und Annahme in den ersten Lebensjahren: die erste Bindung zur Mutter ist das Ur-soziale, also die Basis für jede weitere Sozialkompetenz und damit für Solidarität in und außerhalb der Familie.
Maarzan | 18.04.2007 | 16.54 Uhr
Der Solidaritätsbegriff ist pervertiert worden. Aus einer eigentlich guten Sache ist einfach ein Deckmäntelchen für eine andere Art von Ausbeutung geworden.
Dass man von dem, was man mehr hat, anderen Bedürftigen abgibt, ist sicher eine Grundlage der Menschlichkeit. Aber dazu gehört umgekehrt auch, dass man selbst so viel wie möglich dafür tut, die eigene Bedürftigkeit zu verringern oder zuvermeiden und nicht nur Ansprüche stellt, die am Ende den Spender gegebenenfalls selbst in Schwierigkeiten bringen.
Marion Wolff | 18.04.2007 | 12.46 Uhr
Solidarität zu zeigen ist auch Mentalitätssache. Ich lebte lange Jahre in einem Mehrparteienhaus, in dem wir uns alle gegenseitig unterstützt haben. Unabhängig davon, ob wir verwandt sind oder nicht. Heutzutage nennt man so etwas "Networking". Und ich denke, jeder tut gut daran, sich mehr oder weniger an solchen Netzwerken zu beteiligen -auf diese Weise können wunderbare "Familien" (Gemeinschaften) entstehen, dafür braucht es weder ein Verwandschafts- noch ein Schwägerschaftsverhältnis.

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wdr | Stand: 04.04.2007
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