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Etikett vom RBB Foto: RBB

Jugendwahn

Mutter oder Tochter?

Von vorn ist sie 33. Von hinten ist ihr Alter schwer bestimmbar. Da unterscheidet die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz und dem jugendlichen Outfit von ihrer elfjährigen Tochter lediglich die Körpergröße. Denn Beate Wolf zieht sich an wie ihre Tochter.

Beate Wolfs Lieblings-Pullover ist weiß und auf der Brust prangt ein Hase. Das gleiche Kleidungsstück ist auch an ihrer kleinen Tochter zu bewundern – allerdings in grau. Das ist kein Zufall, denn Beate Wolf kauft in den gleichen Geschäften die gleichen Kleider wie ihre elfjährige Tochter ein.

Nur wenn die allein erziehende Beate Wolf zum Elternabend eines ihrer drei Kinder geht, fühlt sie sich fehl am Platz, sagt sie. "Weil mich alle so angucken und ich ganz andere Sachen anhabe als die." Aber so wie "die" will sie nicht sein. "Wenn ich Frauen sehe, die zwischen 40 und 50 sind, dann denke ich immer: Hoffentlich wirst du nie so."

Jugendlich aussehen bis zur Rente

Doch davor muss sie keine Angst haben. Denn während es früher üblich war, dass Frauen sich, sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatten, eher konservativ und hochgeschlossen kleideten, ist es heute spielend möglich, sich auch bis ins hohe Alter jugendlich anzuziehen.

Und viele Frauen tun das auch. Sie kaufen ein bei verspielten und noch dazu preisgünstigen Markenketten, die Pimkie, Orsay, Forever 18 oder New Yorker heißen. Mit großer Selbstverständlichkeit tragen sie Kleidung, zu der man früher gesagt hätte, sie sei "dem Alter nicht angemessen": bauchfreie Oberteile, Glitzer-Jeans und Miniröcke oder Leggings in Knallfarben und ausgefallenen Mustern.

Die Kleidungsindustrie freut sich, denn sie verdient gut an der Sehnsucht nach jugendlichem Aussehen. Die Modekette Forever 18 beispielsweise produziert ihre Kleidung nicht nur für junge Mädchen, wie es vielleicht beim Betreten der Geschäfte den Anschein macht, sondern auch für Frauen, die längst keine 18 mehr sind, sich aber so fühlen wollen. "Es stimmt schon: Viele unserer Kunden sind um die 30. Und die wollen wir gezielt ansprechen", sagt Gary Gelsing, Marketingchef bei Forever 18. "Diese Frauen schätzen, dass wir nicht ganz so edle Sachen im Angebot haben. Sie wollen sich poppig anziehen, denn sie gehen ja auch noch in die Disko und wollen da trendy aussehen. Besonders Kleidung im Leoparden-Look ist gerade sehr angesagt."

Bauchfrei tanzen im "Oldies"

So ein Oberteil mit Leopardenmuster hat Beate Wolf auch im Kleiderschrank. "So lange wie es noch geht und mir die Leute sagen, dass ich es tragen kann, trag ich es." Die Leute, das sind vor allem die Kinder in der Schule, wo sie an der Essensausgabe arbeitet. Die fragen sie, wo sie das tolle Strass-Top her hat oder die rosa Plateau-Schuhe.

Auch Beates eigene Kinder stören sich nicht am jugendlichen Auftreten ihrer Mutter. Im Gegenteil. Die elfjährige Jessy ist sogar stolz darauf. Und wenn Beate Wolf tanzen geht, dann leiht die Tochter ihr gern eins ihrer Oberteile. "Oldies" heißt unpassend die Disko in der Nähe, in die Beate Wolf einmal in der Woche geht.

Die beiden Söhne Patrick (13) und Alexander (15) haben ebenfalls für die Bedürfnisse ihrer Mutter Verständnis. "Mama hat es sich verdient, tanzen zu gehen und von Männern angesprochen zu werden", sagt Alexander. Denn er weiß, dass es auch andere Zeiten gab. Schließlich war seine Mutter fünf Jahre mit einem Mann zusammen, der sehr eifersüchtig war und es nicht gern gesehen hat, wenn sie überhaupt das Haus verlassen hat.

Auch wenn Beate Wolf die geltenden Kleidungs- und Benimmregeln des Erwachsenseins weit gehend ignoriert, erwachsen handeln muss sie, wenn es um ihre Kinder geht. Da muss sie klare Regeln aufstellen und auch mal sagen: "So nicht". Das weiß die 33-Jährige. Und sagt trotzig: "Aber das richtige Erwachsensein, das will ich so lange wie möglich hinauszögern."

Autorin: Janine Wagner

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rbb | Stand: 04.04.2007
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