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Schwester Eva-Maria wäre jetzt bereit für Nr. 42. Die vorgewärmten Decken liegen bereit, die CDs mit beruhigender Musik ebenso, das Bett ist frisch bezogen und riecht gut. Aber Geburt Nr. 42 kommt nicht. Aus dem Alltag einer Hebamme in einer vergreisenden Region.
Immer weniger Babys - immer weniger Arbeit für Hebamme Eva-Maria
Neben dem Bett steht das neue Pulsmessgerät. Schwester Eva-Maria hält die Sonde an ihren Hals, erst rauscht es nur, dann ein Knattern. "Bei einem Kind im Mutterleib würde der Arzt bei so einem schnellen Puls wohl leicht nervös werden", lacht die 60-jährige Hebamme. Früher musste sie mit einem Holz-Stethoskop auf dem Bauch der Schwangeren herumfahren und dem Arzt beschreiben, was sie hört.
Heute ist der Kreißsaal im Belziger Kreiskrankenhaus modern ausgestattet wie ein OP, die Sanierung ist gerade fertig geworden. Alles ist hell, ruhig und bereit. Aber Schwester Eva-Maria wartet umsonst – Geburt Nummer 42 des Jahres kommt heute nicht. Leider, sagt sie. Denn wenn es so weiter geht, könnte sie das irgendwann den Job kosten.
Seit der Wende zeigt die Geburten-Kurve nach unten. In Belzig ist man bei etwa 250 Neugeborenen im Jahr angekommen, im gesamten Land Brandenburg sind es noch etwa 18.000. In der DDR waren es zum Schluss mehr als doppelt so viele.
Leere Betten in Belzig
Immerhin, in diesem Frühling erwarten die Experten einen kurzfristigen Aufschwung, denn dann kommen die Fußball-WM-Kinder. Aber die werden den Trend nicht aufhalten. Besonders in den Rand-Regionen des Landes, abseits des florierenden "Speckgürtels" rund um Berlin, überaltert die Bevölkerung. Die Konsequenzen sind bekannt: Schulen machen dicht, junge Familien ziehen weg, Fachkräfte fehlen.
Umso begehrter sind Kinder in diesen vergreisenden Regionen. Sie sind greifbare Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Oder überhaupt auf Zukunft. Mit ihnen stehen und fallen viele Jobs. Die Hebammen sind nur ein Beispiel von vielen.
Auch ihre Chefs, die Krankenhaus-Manager, spüren den Druck. Der Wettbewerb unter den Häusern ist härter geworden in den letzten Jahren. Längst wird auch um die wenigen Geburten gestritten – denn wer möglichst viele Entbindungen in seinem Haus vorzuweisen hat, bekommt mehr Geld und kann Arbeitsplätze sichern.
Die großen Krankenhäuser wären deswegen nicht traurig, wenn kleinere Konkurrenten wie Belzig schließen müssten. Ihr Argument: Die Kleinen kosten viel und bringen wenig. Außerdem fehle ihnen die alltägliche Erfahrung, "Mindestfallzahlen" müssten her.
Wenn die Rentabilitäts-Grenze wie vorgeschlagen bei 400 Geburten im Jahr gezogen würde, wäre Belzig weg. Ein weiteres Stück Zukunft würde aus dem Ort verschwinden – und Schwester Eva-Maria und ihre beiden Kolleginnen wären wohl arbeitslos. Ausgerechnet die Hebammen, das wäre ein Symbol.
Wenig attraktiv: Plattenbau im Osten
Der Belziger Chefarzt Peter Ledwon will solche Planspiele nicht tatenlos hinnehmen. Nicht nur, weil es auch um seinen Job geht. "Wie können wir denn junge Leute halten oder hierher locken, wenn die Einrichtungen zum Kinderkriegen fehlen?" Außerdem wären die Schwangeren dann zum nächsten Krankenhaus bis zu 50 Kilometer unterwegs. Mit allen gesundheitlichen Risiken – die Geburt ist die gefährlichste Zeit im Leben eines Menschen.
Die Reden der Landespolitiker, die Brandenburg zum kinderfreundlichsten Land machen wollen, ärgern ihn. "Die wollen mit immer weniger Geld alles besser machen, das funktioniert nicht. Man muss den Mut haben zuzugeben: Wenn wir sparen, dann wird die Versorgung schlechter." Aber das Geld sei doch da, meint Ledwon, ein reiches Land wie Deutschland müsse sich doch eine gute Kinderversorgung leisten können.
Reicht es, wenn der Staat Elterngeld zahlt und in Krippenplätze investiert, damit die Kinder purzeln wie zu DDR-Zeiten? Oder ist es doch eher eine Frage der Einstellung? Nach Umfragen hängt das Kriegen oder Nicht-Kriegen von Kindern häufig mit dem Thema zusammen, das die Deutschen regelmäßig als das wichtigste Kriterium benennen: das Haben oder Nicht-Haben eines Arbeitsplatzes.
Wenn das stimmt, ergeben sich in Belzig durchaus seltsam anmutende Spiralen: Die Belziger kriegen immer weniger Kinder, weil sie um ihre Arbeitsplätze fürchten. Und Doktor Ledwon und Schwester Eva-Maria fürchten um ihre Arbeitsplätze, weil die Belziger immer weniger Kinder kriegen.
Ein paar junge Familien trifft man aber doch in der Altstadt von Belzig. Sogar solche, die es hier laut Statistik eigentlich gar nicht geben soll: Akademiker unter Dreißig mit kleinen Kindern. Der junge Rechts-Referendar sagt: "Viele denken bei Kindern gleich an Einschränkungen, das ist doch egoistisch. Auch das Geld sollte nicht den Ausschlag geben. Für uns war klar: Erst Kinder und dann vielleicht Karriere, nicht umgekehrt."
Krippenplätze gebe es ja in Belzig auch reichlich, da habe man im Osten doch keine Sorgen. Die Mutter stimmt zu, gibt aber zu bedenken, dass dafür die Wahlmöglichkeiten bei der Schule eingeschränkt seien. Und dennoch: Bei dem kleinen Levi-Konstantin soll es nicht bleiben. Belzig lebt.
Schon Teenager sind desillusioniert
Einige Hundert Meter weiter, in der Plattenbausiedlung am Ortsrand. Die beiden Teenager Frank und Tanja sitzen in der Kälte auf einer Bank vor ihrem Haus, hören übers Handy deutschen Hip-Hop und rauchen. Frank sagt: "Kinder will ich nicht. Wegen den Ausländern." Er sagt das ganz beiläufig, ganz selbstverständlich. Es ist fast zu klischeehaft, um wahr zu sein.
Die Russen würden einen doch schon zusammenschlagen, wenn man nur einmal falsch guckt. Das will er nicht für seine Kinder. Tanja ist ganz seiner Meinung. Kinder hätte sie trotzdem gern. Aber was sollen die denn hier machen, fragt sie. Im Jugendclub "Pogo" würden doch nur die Punks und Ausländer rumhängen. Was sie denn so täten? Nichts, sagen beide.
Zumindest von dem ersten Paar möchte man Schwester Eva-Maria noch gerne zur Aufmunterung erzählen. Aber sie ist schon nach Hause gegangen - allerdings nicht ohne vorher alle Geräte ordentlich an ihren Platz zu rücken. Sie wartet weiter auf Geburt Nr. 42.
Autor: Thies Schnack






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