Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.
Die Rütli-Schule in Neukölln gilt seit dem Hilferuf ihrer Lehrer in 2006 als Beispiel für die Verwahrlosung an Schulen in Problemvierteln. Das Gegenteil beweist mit kreativen und ungewöhnlichen Ideen die Erika-Mann-Grundschule aus dem Berliner Bezirk Wedding.
Der Weg zur Berliner Erika-Mann-Grundschule ist bedrückend. Vorbei an Schnäppchenangeboten für 99 Cent, an Kiosken und einem Stehcafé durchquert man den Stadtbezirk Wedding. Der Ausländeranteil der Schüler liegt bei etwa 85 Prozent, mehr als die Hälfte der Eltern sind arbeitslos, viele davon verstehen die deutsche Sprache nicht. Trotzdem schaffen es zwei Drittel der Schüler auf die Realschule oder das Gymnasium.
Erika-Mann-Grundschule: ein langer Gang zum Erfolg
Vor den Döner- und Imbissbuden bauen sich dickbäuchige Menschen mit strähnigen Haaren und trüben Augen auf. Sie sehen aus, als ginge es ihnen nicht gut, schlürfen mit verlangsamten Bewegungen ihren Kaffee aus Plastikbechern und machen ansonsten einfach nichts. Viele von ihnen sind Eltern und viele von ihnen könnten ihre Kinder auf die Erika-Mann-Grundschule schicken. Eine Schule – mitten in der Unterschicht – die es nach ganz oben geschafft hat: als viel zitierter "Leuchtturm" der Berliner Bildungslandschaft.
Es ist gerade einmal ein Jahr her, da war eine andere Berliner Schule in den Schlagzeilen: ein Hilferuf von Lehrern aus der – mittlerweile auch überregional bekannt gewordenen – Rütli-Schule aus dem Stadtteil Neukölln war in ganz Deutschland zu hören. Mit dem, was dann folgte, hätten selbst die Hilfe suchenden Lehrer damals nicht gerechnet: Die ganze Republik diskutiert seither über das Bildungssystem und den Umgang mit Kindern aus sozial schwachen Familien, Kindern mit Migrationshintergrund und aus Problembezirken.
Und obwohl mittlerweile die Schulleitung zum zweiten Mal gewechselt hat und einige medienwirksame Projekte gestartet wurden, hat die Rütli-Schule weiter mit ihrem schlechten Image zu kämpfen. Da geht es ihr wie vielen Schulen, deren Schülerschaft sich vergleichbar zusammensetzt. Aber es gibt auch Ausnahmen – wie zum Beispiel die Erika-Mann-Grundschule im so genannten Problembezirk Wedding.
An ihr geht man fast vorbei, so unscheinbar ist sie von außen. Doch dann blickt man auf die kunstvoll buntbemalten Bänke unweit vom Eingangstor und wundert sich, weil die so gar nicht in die grauen Häuserreihen passen wollen. "Wir hatten irgendwann das Problem, dass sich hier die Alkoholiker getroffen haben. Täglich. Die haben sich auf den ausgedienten Bänken wohl gefühlt. Dann haben wir sie bemalt und rundherum alles freundlicher gestaltet", erzählt die Direktorin der Erika-Mann-Schule, Karin Babbe. Mit Erfolg, denn die Alkoholiker halten sich seitdem fern von der Schule.
Die Gänge des Schulgebäudes sind gestaltet mit den Spuren eines silbernen Drachen. Die Aufenthaltsräume sind bunt, von Schülern gemalte Bilder hängen an den Wänden. Kunst und Kreativität, wohin das Auge schaut. Kein Gekratze, kein Geschmiere, nichts Hässliches. Architektonisch mitgestaltet von den Schülern, ist das ganze Gebäude ein großzügiger Ort mit vielen Nischen zum Lernen. Mathe, Deutsch, Sachunterricht – man merkt, hier wird gepaukt.
Aber auch im schuleigenen Theater treffen sich die Schüler regelmäßig zum Unterricht: zwei Theater-Stunden die Woche. Geprobt wird in der Aula. Das ist ein pädagogischer Ansatz, der Wirkung zeigt, sagt die Rektorin: "Die Schüler bekommen so ein Gefühl für die deutsche Grammatik, lernen, sich zu artikulieren und bekommen mehr Selbstwertgefühl."
Genau davon bekommen viele Kinder zu Hause zu wenig vermittelt. Das haben die Rektorin und ihr Team oft erkennen müssen. Meist seien es nur kleine Anzeichen, die von den Erziehern registriert würden. Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Kind geschlagen, misshandelt oder gar missbraucht wird. Dann spricht Karin Babbe mit den Eltern, mit Psychologen, mit Sozialarbeitern, dem Kinderschutzbund. Ein enges Netz, das von der Rektorin gespannt wird und durch das bereits einige Kinder aufgefangen wurden.
Gerade mit dem Kinderschutzbund und der Polizei hält Karin Babbe regelmäßigen Kontakt. Ganz aktuell startet die Schule im März 2007 ein Anti-Gewalt-Projekt. Titel: "Was guckst Du?" Dazu wird geredet, gelesen und gerappt. Nicht weggucken, so handelt die Rektorin und davon profitieren die 640 Kinder – von der ersten bis zur sechsten Klasse – an dieser Schule. Hier gehen sie zum Unterricht und werden dazu noch betreut. Wenn Kinder Hilfe brauchen, finden sie sie bei den Sozialarbeitern, den Erziehern, den Lehrern und auch bei den ehrenamtlichen Vorlesern. Ein Rundum-Sorglos-Paket namens Schule.
Karin Babbe kam vor zehn Jahren hierher. Damals war es die "20. Grundschule im Wedding", kein schöner Name, erinnert sich die Rektorin. Seitdem hat sich so einiges verändert. Jetzt hat es die Erika-Mann-Grundschule geschafft, dass die Vergleichsarbeiten der Viertklässler 20 Prozent besser sind als der Landesdurchschnitt.
So ein Ergebnis erwartet man nicht von einer Schule, deren Ausländeranteil bei etwa 85 Prozent liegt, in deren Einzugsbereich mehr als die Hälfte der Eltern arbeitslos sind, viele Eltern die deutsche Sprache nicht verstehen und zu Lehrerbesprechungen auf einen Übersetzer angewiesen sind. Trotzdem schaffen es zwei Drittel der Schüler auf die Realschule oder sogar das Gymnasium.
Bildung und soziales Netz, das bietet die Erika-Mann-Grundschule im rauen Wedding. Eine Schule, von der auch die Erwachsenen noch was lernen können. Zum Beispiel, sich nicht von schlechten Voraussetzungen abschrecken zu lassen. Bereits jetzt gibt es mehr Bewerber für die Schule, als aufgenommen werden können. Ein Erfolg ist das sicherlich. Doch auch ein Skandal. Denn warum kann es scheinbar nur eine Schule unter vielen schaffen, mit solch schlechten Voraussetzungen in einem sozial schwachen Gebiet ihre Schüler zu so guten Leistungen zu bringen? Woran scheitern die anderen Schulen?
Autor: Aud Krubert
Weitere Informationen zum Thema:
Suche in der ARD






Vorheriger Beitrag:
Ursachen für Kindesmisshandlungen: Wieso tun Menschen so etwas?
Nächster Beitrag:
Kinderschutz: Wenn die Sicherung durchbrennt


Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA,
DLF/ DKultur, DW