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Wenn für Nadine, Melissa und Edison aus Bremerhaven die Schulglocke mittags läutet, gehen sie nicht nach Hause. Ihr Weg führt die Kinder jeden Tag direkt zu "Rückenwind" - ein Projekt, das Kindern aus dem von Armut und materieller Not geprägten Stadtteil Lehe einen Ort zum Wohlfühlen bietet.
Kochen, spielen, singen für alle: ohne Anmeldung und kostenlos
Fußballspielen, kickern, gemeinsam kochen, singen, trommeln und basteln steht da auf dem Programm. Über zwanzig verschiedene Aktivitäten gibt es für die Sechs- bis Zwölfjährigen. "Wir können selbst bestimmen, was wir machen", sagt Edison stolz. Er mag es, am PC zu spielen. Seine Schwester Viollka singt gerne mit ihren Freundinnen. Melissa bastelt lieber und Wirbelwind Nadine ist überall zu finden.
Laut ist es, wenn die Kinder toben und sich gegenseitig versuchen zu übertönen. Hier sagt keiner "sei leise, du störst", denn hier stören die Kinder nicht. Im Gegenteil, hier sind sie wichtig. Jedes Kind darf kommen, viele bringen Freunde und Geschwister mit. Anmelden ist nicht erforderlich und bezahlen müssen die Kinder auch nichts.
Das Projekt ist aus der materiellen Not des Stadtteils heraus entstanden und ist nun eine Quelle ungeahnten Reichtums. Denn hier wird nicht gespart mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Geborgenheit, Freizeitaktivitäten und Mittagessen. "Zeitreiche", also Rentner und Erwerbslose, kümmern sich um die Kinder des Stadtteils Lehe in Bremerhaven.
Eine Aufgabe, an der auch die Erwachsenen noch weiter wachsen. Unterstützt werden sie dabei von Ein-Euro-Jobbern, ABM-Kräften und einer Erzieherin, Selbinaz Dogan. Sie ist auch in diesem Teil Bremerhavens aufgewachsen und kennt die Probleme der Kinder. "Wir bieten einen Treffpunkt für die Kinder zu dem sie gerne kommen und wo sie sich wohl fühlen", erklärt Selbinaz. "Es sind ganz normale Kinder, sie brauchen nur Aufmerksamkeit und müssen sich ernst genommen fühlen", meint sie weiter. Dazu gehört auch, ihre Wünsche und Ängste zu kennen und das offene Wort nicht zu scheuen.
38,4 Prozent der Minderjährigen in Bremerhaven leben in Armut. In Lehe sind es sogar 48,3 Prozent. Das bedeutet, jedes zweite Kind weist eine mangelnde Versorgung mit Bildung und Ernährung und einen schlechten Zugang zu Gesundheitsvorsorge und sozialer Teilhabe auf. "Multiple Deprivation" nennt der Sozialwissenschaftler das – "eine Schande" nennen es die Aktiven von "Rückenwind".
Einfach die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann jeder, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen kaum einer. Die Rückenwindler können es. Sie sind unabhängig von staatlichen oder kirchlichen Organisationen. Spender aus dem Stadtteil sind es, die "Rückenwind" Aufwind geben. Und das Projekt wächst.
Ausgiebig Spielen: für das Wohl der Kleinen sorgen "Zeitreiche"
Zuerst waren es nur wenige Räume in dem Eckhaus in der Goethe-Straße. Jetzt sind es schon zweieinhalb Wohnungen: ein Hip-Hop-Raum, eine PC-Werkstatt, die Redaktion der Kinderzeitung, Küche, Bastelecke, Ruheräume, ein Mädchenzimmer. Keiner der Nachbarn im Haus beschwert sich wegen der Lautstärke. Ein Ort zum Wohlfühlen. Aber auch ein Ort zum Lernen. Sprachförderung ist ein weiterer wichtiger Punkt.
Der Anteil an Kindern aus Migrantenfamilien ist hoch, unterhalten wird sich auf Deutsch. Die Kinder lernen hier miteinander auszukommen, zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen. Die besten Vorbilder haben sie dabei jeden Tag vor der Nase: die "zeitreichen" Rentner und Erwerbslosen von "Rückenwind".
Autorin: Ulla Niemann




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