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Etikett vom WDR Foto: WDR

Hilfe für misshandelte Kinder

"Jeden Hilferuf ernst nehmen"

"Der klassische Gewalthintergrund?" Bernd Schlüter, Leiter der Bonner Jugendschutzstelle, telefoniert mit dem Jugendamt. Das will ein Mädchen aus dessen Familie herausnehmen und sucht einen Schlafplatz – eine so genannte "Inobhutnahme", notfalls auch gegen den Willen der Eltern.

Das Mädchen hat dem Jugendamt berichtet, dass sein Vater es regelmäßig schlage. Ein Betreuer fährt es zum Kinderarzt, um eventuelle Verletzungen behandeln zu lassen. Währenddessen telefoniert Bernd Schlüter mit einem Kollegen, um schnell eine Unterkunft zu finden. Zuhause und Familie könnten zu einer Gefahr für das Mädchen geworden sein, aus der es schnell heraus soll. Das ist die vom Jugendamt veranlasste Inobhutnahme. "Wir müssen jeden Hilferuf ernst nehmen", sagt Schlüter. Seine Jugendschutzstelle ist eine von vier Unterkünften der "Evangelischen Jugendhilfe Godesheim".

"Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern" heißt es im Grundgesetz. Es schränkt zugleich ein: Wenn die Erziehungsberechtigten versagen, dürfen die Kinder von der Familie getrennt werden. Versagen beginnt mit Vernachlässigung – und kennt viele Steigerungsformen.

Über 2.900 Fälle von Kindesmisshandlung erfasste die Kriminalstatistik 2005 in Deutschland, knapp 14.000 Fälle von sexuellem Missbrauch (im Vorjahresvergleich ein Rückgang um 8,5 Prozent). Über die Dunkelziffer darf spekuliert werden. Immerhin ist bei allem medialen Echo, das vielleicht das Gegenteil suggeriert, die Zahl der Kindstötungen in den vergangenen 25 Jahren um mehr als die Hälfte gesunken.

Klären, wie es weiter geht

Acht Zimmer gibt es in der Schutzstelle. Sie sind spartanisch eingerichtet. Bett, Tisch, Stuhl und Regal. "Wir wollen klar machen: Das hier ist ein Übergangszeitraum, kein Ersatz fürs Zuhause", so Schlüter. In den durchschnittlich drei bis fünf Wochen des Aufenthalts muss geklärt werden, wie es weiter geht: Rückkehr in die Familie, vielleicht mit ambulanter Betreuung? Ein Heimaufenthalt? Pflegeeltern?

Hilfe werde inzwischen sehr differenziert angeboten, findet Schlüter, gerade im ambulanten Bereich. Allein das Godesheim habe über die Jahre hinweg an die 35 spezielle Angebote entwickelt, entsprechend groß sei die Vielfalt bei den anderen Trägern.

"Ich bin Kaufhaus"

Auch Gewalt können Kinder von Eltern oder anderen "Vorbildern" lernen. Auf plötzliche Ausraster und Angriffe ist die Jugendschutzstelle deshalb vorbereitet. Acht Kameras überwachen die Flure, so können die Mitarbeiter schneller eingreifen, wenn ein Kollege – wie schon vorgekommen – attackiert wird.

Dann zeigt Schlüter ein Badezimmer. Er hängt sich an die Stange für den Duschvorhang: "Da kann sogar ich Klimmzüge dran machen!" Der Vorhang ist aus unverwüstlicher Lkw-Plane, die meisten Türen sind nur mit Schlüssel zu öffnen, Fernseher sind von Plexiglas und Spanplatte ummantelt. "Da kann man ruhig gegen treten", sagt Schlüter und demonstriert es mit Wucht: "Das hält der aus".

Auf die instabile Situation der Kinder antworten die Pädagogen mit fünf Grundregeln: "Keine Gewalt, Drogen, Waffen, Prostitution, kein Ausländerhass." Die meisten gehen in die Schule und haben einen festen Tagesablauf mit gemeinsamen Mahlzeiten. Helfen die Jugendlichen bei der Zubereitung? "Wenn sie es wollen – und können", so die lakonische Antwort. Wer "Ich gehe Bahnhof" oder "Ich bin Kaufhaus" sage, habe selbst Elementares nicht gelernt.

Zuflucht gefunden

Zwar sind an diesem Tag acht Kinder in der Schutzstelle, erst am Morgen wurden zwei Schwestern mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch aufgenommen. Dennoch herrscht am Nachmittag Ruhe wie in einer verlassenen Jugendherberge. Die Schwestern sind auf ihrem Zimmer.

Eine Mitarbeiterin des Bonner Jugendamtes spricht mit dem Jungen, dessen Mutter in ihrer Verzweiflung die Inobhutnahme selbst erbeten hatte. Die anderen Jugendlichen sind außer Haus: beim Sprachunterricht, in der Folgegruppe oder in der Stadt. Und das Mädchen, das von seinem Vater geschlagen wird, ist inzwischen in der "Zufluchtstelle für Mädchen" untergekommen.

Allen Einblicken in desolate Familienverhältnisse, kindliches Leid und der "auch psychischen Ermattung am Ende eines Arbeitstages" zum Trotz, mag Schlüter seine Arbeit. Erst kürzlich habe ein junger Mann, der einmal im Haus wohnte, vorbei geschaut und eine Pizza mitgebracht. Bei schätzungsweise 1.500 Kindern, die er in über 16 Jahren betreut hat, weiß er zwar nicht, was aus jedem geworden ist. Aber eins stimmt ihn optimistisch: "Wir haben sehr wenige Wiederholungsaufnahmen."

Autor: Kai Clement

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wdr | Stand: 04.04.2007
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