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Sie geht mit ihrem Team dahin, wo es weh tut: Margarete Steinhausen dreht Filme mit und über Jugendliche in den so genannten Problemvierteln Berlins. Ihre Filme heißen "Prinz, Pascha, Prügelknabe" oder "Ehre – Stolz – Scham". Bei den Dreharbeiten erlebt sie nicht selten selber filmreife Szenen.
Alltag im Problemviertel: "Haut ab aus unserem Kiez!"
"Ich spuck' dir ins Gesicht, geh' mir aus dem Weg, ich weiß nicht, wer du bist, also scheiß' ich auf dich." Wer mit Fernsehkamera und Mikrofon auf Weddinger oder Neuköllner Straßen auftaucht und arabischen oder türkischen Jungen Fragen zu ihrem Alltag in Berlin und zu ihren Zukunftswünschen stellen will, der sollte die Texte des Gangsta-Rapper-Nachwuchses durchaus wörtlich nehmen. Spucke, die nur haarscharf neben dem Körper landet, Beschimpfungen als "deutsche Nazi-Sau"‚ Drohungen: "Wir tun deinen Kindern was an", zerstochene Reifen des Teamautos – all das kann zum Drehalltag in den Berliner Problemvierteln dazugehören. Die Botschaft ist immer dieselbe: "Haut ab aus unserem Kiez – ihr habt hier nichts zu suchen."
Es gibt auch Jugendliche, die sich gern provokativ vor der Kamera präsentieren: "Für 50 Euro mach ich alles für dich!" Das vielfach rotzige bis drohende Gebaren hängt mit dem Gefühl zusammen, in den Medien ohnehin als Problemkind verheizt zu werden, das jederzeit bereit ist, zuzuschlagen oder einer Oma die Handtasche wegzureißen. Machogebaren vor der Kamera pflegt aber nur, wer in seiner Gruppe auftritt. Kommt es tatsächlich zu einem Einzelgespräch, verwandeln sich mitunter auch die größten Maulhelden in brave, anerkennungsbedürftige und vielfach unsichere Fünfzehn- oder Sechzehnjährige.
Dreharbeiten zu Filmen wie "Ehre – Stolz – Scham" oder zu "Prinz, Pascha, Prügelknabe" erfordern deshalb ungewöhnlich lange Vorarbeiten, um zumindest ein Anfangsvertrauen herzustellen. Auch das garantiert keineswegs ruhige Drehtage. Im Hintergrund gibt es immer wieder irgendeinen Cousin, dem das Ganze nicht passt und der massiven Druck auf die Jugendlichen und das Fernsehteam ausübt, die Arbeiten abzubrechen.
Wer sich nicht einschüchtern lässt und wiederkommt, erlebt zwei parallele Welten. Von der einen berichten die Zeitungen täglich: Die Mehrheit der jugendlichen Intensivtäter haben nicht-deutsche Eltern, etwa jeder zweite Jugendliche mit Migrationshintergrund hat irgendwann einmal mit der Polizei zu tun. Es scheint eine Gruppe zu sein, die nach einem gesetzlosen Lebenskonzept aufwächst. "Wir haben das bei unseren Brüdern gesehen", erklären viele das regelmäßige "Abziehen", also den Raub von Handys, Geld oder Markenklamotten. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur.
Doch es gibt auch die, die nicht ins Klischee passen wollen. Diejenigen, die gut deutsch sprechen, in der Schule erfolgreich sind oder eine Ausbildung absolvieren: Sie alle werden mit in den großen Problemtopf geworfen, weil ihre Haut- und Haarfarbe dunkler sind und die Namen arabisch oder türkisch klingen.
Es ist nicht leicht, mit diesen anderen ins Gespräch zu kommen. Wenn es aber doch gelingt, etwa durch Vermittlung von Streetworkern, dann zeigt sich eine düstere Kehrseite der angeblichen Integrationsunwilligkeit. "Mit mir hat noch kein Deutscher ein freundliches Wort gesprochen, bis plötzlich diese junge Streetworkerin auftauchte und mit mir ganz normal redete." Das erzählt ein 15-jähriger Libanese aus dem Wedding. Er berichtet weiter, was es heißt, mit der Gleichung "Araber gleich kriminell" leben zu müssen.
Viele arabische, aber auch türkische Jungs stehen am Wochenende regelmäßig vor der verschlossenen Disco-Tür. Vielfach werden sie sogar von ihren eigenen Landsleuten abgewiesen. Wenn orientalisch aussehende Jugendliche in einer Gruppe ein Geschäft betreten, lässt das Personal alles stehen und liegen und beäugt die Jugendlichen misstrauisch.
Bei Polizeikontrollen im Kiez sind sie die ersten, die angehalten werden und ihre Papiere vorzeigen müssen. Eine Lehrstelle ist für sie wie ein Sechser im Lotto. So sind arabische und türkische Jungs in der Integrationsdebatte die Verlierer. "Ich werd' Hartz Vier", so lautet denn auch eine gängige Antwort auf die Frage nach der Zukunft. Gleichzeitig träumen sie von einer Karriere als Fußballstar oder Rapper.
Sie haben es satt, von Statistiken beurteilt zu werden. Wie der 16-jährige Bilal aus dem Stadtteil Wedding. Er hat palästinensische Eltern, will Abitur machen, eine Familie gründen und viele Kinder haben. Sein Hobby: Gangsta-Rap. Für die aggressiven Texte und das Machogebaren seiner Kumpel hat er eine schlichte Vermutung: "Ist das nicht nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit?"
Autorin: Margarete Steinhausen
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