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Selten hat der Tod eines Kindes eine Stadt so erschüttert, wie der des 2-jährigen Kevin aus Bremen. Er starb unter den Augen der Behörden. Als seine Leiche im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters gefunden wurde, war klar, dass fast alle Beteiligten versagt hatten.
Starb unter den Augen des Jugendamtes - Kevin
Nach dem Tod seiner drogenabhängigen und HIV-positiven Mutter stand Kevin unter Vormundschaft des Jugendamtes Bremen und kam für kurze Zeit in ein Kinderheim. Hier hätte sein Leben noch gerettet werden können. Sein Zustand war furchtbar: Er hatte Knochenbrüche an beiden Unterschenkeln und weitere Spuren von Misshandlungen. Kevin war unterernährt, schreckhaft und weinte lautlos. Er war in seiner Entwicklung stark zurückgeblieben. Der Heimleiter protestierte vehement dagegen, den Jungen wieder in die Obhut des aggressiven Ziehvaters zurückzugeben.
Fast ein Jahr später, am Morgen des 10. Oktober 2006, wollte das Jugendamt den zweieinhalb-jährigen Jungen aus der Wohnung in der Kulmer Straße abholen und fand die stark verweste Leiche des Kindes in Müllbeutel gewickelt im Kühlschrank.
Wohnung im Bremer Stadtteil Gröpelingen - hier lebte Kevin
Dort lag er vermutlich schon mehrere Monate. Kurz vor seinem Tod erlitt er fünf Knochenbrüche, die eine Embolie auslösten und zum Versagen der Lunge und in Folge zum Tode geführt haben. Bei der Obduktion wurden zudem weitere 20 Brüche festgestellt, die älter waren.
Der Zweijährige hatte unter Amtsvormundschaft gestanden. Sozialarbeiter hatten ihn zuletzt im April 2006 gesehen. Warum die Beamten dem Drogenabhängigen nicht früher das Kind entzogen haben, bleibt unklar. Laut DNA-Analyse ist er nämlich nicht der leibliche Vater von Kevin. Zu diesem Ergebnis kommt der Ermittlungsbericht von Justizstaatsrat Ulrich Mäurer.
Er findet klare Worte für das Versagen des Sozialamtes: "Der Maßstab aller Dinge sind die Wünsche und Interessen der Eltern. Das Kindeswohl, muss ich leider feststellen, kommt in dieser Akte nicht vor." Der Tod des Zweijährigen hätte verhindert werden können. Die Hauptverantwortung sieht der Staatsrat im Jugendamt - nicht allein beim zuständigen Sozialarbeiter, sondern auch der Beamtenapparat an sich hatte versagt.
Aber auch Ärzte: So hat der Hausarzt des Ziehvaters geduldet, dass dieser neben Methadon noch andere Drogen und Medikamente genommen hat. Gutachten der Kassenärztlichen Vereinigung belegen, dass solch ein Cocktail erst richtig aggressiv machen kann.
Die Beerdigung des Zweieinhalbjährigen
Kevins Tod löste in der gesamten Bundespolitik großes Entsetzen aus. Die verantwortliche Senatorin in Bremen trat von ihrem Amt zurück, der Leiter des Amtes für Soziale Dienste wurde suspendiert. In der Folge kamen weitere Fälle ans Licht, bei denen Kinder unter den Augen der Behörden unter schlimmsten Bedingungen leben mussten.
In Bremen hat ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft über 70 Zeugen innerhalb von zwei Monaten vernommen, um die mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste aufzuklären. Das Ausschussmitglied Hermann Kleen (SPD) sieht in seinem Fazit das Versagen vieler, das in ihrer Gesamtheit den Tod des Jungen nicht verhindern konnte.
Der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Klaus Möhle von den Grünen äußert sein Erstaunen darüber, wie schlecht das Jugendamt arbeitet und wie schlecht es von der politischen Leitung geführt wird. Der Ausschussvorsitzende Helmut Pflugradt (CDU) sieht individuelles Fehlverhalten, aber entscheidend seien die strukturellen Mängel im Amt, die behoben werden müssen. "Es ist nicht belegbar, dass irgendwo irgendeine Maßnahme nicht erfolgt ist, weil kein Geld zur Verfügung stand", so Pflugradt.
Ehemalige Politiker kritisieren diese Einschätzung des Ausschusses, denn die Zustände im Amt haben sehr wohl mit dem Spardruck zu. Ein Bremer Wirtschaftswissenschaftler warf dem Ausschuss eine "Doppelmoral" vor: "Wer sich als Politiker über die Zustände im Jugendamt beschwert, darf sich getrost an die eigene Nase fassen… Sich hinzustellen und zu sagen, das habe nichts mit Geld zu tun, finde ich unverschämt, frech und dreist", sagte der Wissenschaftler.
Wer behaupte, die Vorkommnisse seien ein Problem der einfachen Abteilungsleiter gewesen, "der lügt und tut so, als hätte er mit dieser Sache nichts zu tun." Tatsächlich hätten die Politiker aber genau gewusst, was sie tun, als sie "in diesen Maßen in die Sozialausgaben reinhauten."
Autorin: Heike Kirchner






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