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Einige Bundesländer wollen regelmäßige Arztbesuche für Kinder zur Pflicht machen. Die Hoffnung: Misshandlungen lassen sich dadurch früh erkennen. Ist die Hoffnung berechtigt? Ja, sagt Wolfram Hartmann vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Nein, meint Dieter Greese vom Kinderschutzbund NRW.
Die Untersuchung wird zur Pflicht, Melde- und Sozialbehörden können Daten von Familien, die nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen erscheinen, austauschen – so wünschen es einige Bundesländer - eine umstrittene Haltung. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) etwa hat politische und rechtliche Bedenken. Pflichtuntersuchungen seien ein unverhältnismäßiger Eingriff ins grundrechtlich geschützte Elternrecht.
Dr. Wolfram Hartmann
Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte
Dr. Wolfram Hartmann
Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte
"Wir sehen die Pflichtuntersuchungen als wichtigen Baustein im Kinderschutz. Es bedarf neben den verbindlichen Besuchen beim Kinder- und Jugendarzt aber auch neuer Inhalte für die Untersuchungen. Der Schwerpunkt muss auf primärer Prävention liegen. Dies ist jedoch nur durch eine entsprechende Gesetzesänderung im Sozialgesetzbuch V möglich.
Eine wichtige Ergänzung ist die so genannte aufsuchende Fürsorge. Die kann zum Beispiel über eine besonders ausgebildete Familienhebamme erfolgen, die Kontakt zu Risikofamilien hält. Die freie Arztwahl macht es natürlich schwer, die Eltern zu finden, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln und deshalb den Arztbesuch meiden. Wir kennen beispielsweise Eltern, die ihren Kindern absichtlich Brandverletzungen zufügen. Sie wechseln immer wieder den Kinder- und Jugendarzt, und so fällt die Häufung der Fälle nicht auf. Die elektronische Gesundheitskarte könnte an dieser Stelle helfen, Misshandlungen zu entdecken. Denn dort werden alle medizinischen Daten und auch die Krankengeschichte gespeichert.
Unser Vorschlag: Wir Ärzte könnten mit dem Einverständnis der Eltern den kommunalen Gesundheitsämtern melden, wenn eine Vorsorgeuntersuchung durchgeführt wurde. Das bedeutet mehr Arbeit für uns, die wir aber bereit wären zu leisten. Die Kosten für den Aufbau eines solchen Meldewesens können wir aber nicht tragen. Das muss der Staat finanzieren. Durch ein derartiges gesetzlich verankertes Meldewesen könnten Jugendhilfe und öffentlicher Gesundheitsdienst Eltern ausfindig machen, die sich der Früherkennungsuntersuchung auch nach Aufforderung entziehen.
Allerdings bin ich realistisch: Beim derzeitigen personellen Fundament im Gesundheits- und Sozialwesen können die Pflichtbesuche nicht durchgesetzt werden. Wir als Ärzte können unseren Teil nur leisten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Politik muss erst den Unterbau schaffen."
Dieter Greese
Vorsitzender des Kinderschutzbundes Nordrhein-Westfalen
Dieter Greese
Vorsitzender des Kinderschutzbundes Nordrhein-Westfalen
"Wir sehen keine Möglichkeit, wie verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen umgesetzt werden sollen. Was soll denn passieren, wenn die Eltern die Untersuchungen beim Kinderarzt nicht besuchen? Eine Möglichkeit wäre es wohl, das Ordnungsamt loszuschicken. Die können dann verwarnen und Bußgelder verteilen. Eltern, die ihre Kinder aber vernachlässigen oder gar schlagen und deshalb bewusst nicht zum Arzt mit ihnen gehen, werden ihre Wut über diese Strafen dann aber wahrscheinlich an den Kindern auslassen. Denkbar wäre jedoch ein Bonussystem, das Eltern belohnt, die regelmäßig zum Kinderarzt gehen.
Ein weiteres Problem ist, dass die Untersuchungen am Anfang alle drei Monate anstehen. Bis eine übergeordnete Institution feststellt, dass die Kinder eine Untersuchung verpasst haben und handelt, ist der Termin schon längst verstrichen. Ich sehe da enormen bürokratischen Aufwand, der nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt – nämlich den Schutz von Kindern vor Vernachlässigung und Misshandlung.
Der Kinderschutzbund plädiert stattdessen dafür, Kinderärzte, Familienzentren, Kliniken und Soziale Dienste besser zu vernetzen. Hier liegt eine Chance. Früher gab es für alle jungen Eltern eine Mütterberatung, die ins Haus kam. So etwas ist schon lange abgeschafft. Kein Geld, hieß es. Dabei zeigen Beispiele wie das der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen, wo ein ähnliches Projekt wieder aufgenommen wurde, dass es hier eine gute Chance gibt, Risikofamilien zu finden und von Anfang an zu unterstützen. Wir warnen die Landesregierungen jedenfalls vor einem Schnellschuss. Jetzt den Kinderarztbesuch zu erzwingen, ist nur symbolische Politik."
Autorin: Katrin Heine






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