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Vernachlässigung von kleinen Kindern beginnt unauffällig. Die Not der Kinder fällt oft zu spät auf. Die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes, Ulrike von Haldenwang, berichtet, wie Prävention funktionieren kann.
Helfen schwangeren Frauen in Not: "Familienhebammen"
ARD.de: Hebammen lernen die Familien, in die ein Kind hineingeboren wird, direkt kennen. Prädestiniert sie das für Präventionsarbeit?
Ulrike von Haldenwang: Vernachlässigung hat immer eine Vorgeschichte, die dazu führt, dass Eltern nicht richtig für ihr Kind sorgen können. Für mich bedeutet Prävention, Familien Möglichkeiten zu bieten, selbst für ihre Gesundheit zu sorgen. Gute Prävention ist aber nicht Sache der Hebamme, sondern kann nur durch die Zusammenarbeit aller an der Familienbetreuung Beteiligten, sprich Gynäkologen, Kinderärzte und Jugendämter, geleistet werden. Der Vorteil der Hebammen in diesem Zusammenspiel ist, dass sie schon während der Schwangerschaft mit der Gesundheitsförderung beginnen können.
Wann setzt sinnvolle Prävention ein?
Man weiß heute, dass schon der Verlauf einer Schwangerschaft das Verhältnis zum Kind prägt. In der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr werden die Weichen für das Leben des Kindes gestellt. Prägend ist dabei die Familie, denn sie formt gesundes ebenso wie schädliches Verhalten. Deshalb setzt ein gutes Präventionskonzept schon in der Schwangerschaft an.
Die Rolle der Hebamme geht weiter als die des Gynäkologen, denn sie bleibt auch nach der Geburt bei den Frauen. Hebammen sind in den Familien. Wir kennen die Wohnverhältnisse, das Umfeld und das soziale Miteinander, das ist wertvolles Wissen, das eine große Verantwortung mit sich bringt.
Wie kann eine Hebamme diese Verantwortung wahrnehmen?
Es ist mir wichtig zu betonen, dass es keine einzelne Berufsgruppe gibt, die das Wohlergehen von Kindern garantieren kann. Das geht nur über Netzwerke.
Zum Beispiel in Berlin ist das "Netzwerk Kinderschutz" ins Leben gerufen worden, dort arbeiten Ärzte, Hebammen, Ämter, Kitas, Polizei und Gerichte zusammen. Zuständig sind der Senat für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz – der kümmert sich um Schwangerschaft und das erste Lebensjahr – und der Senat für Bildung, Jugend und Sport, der die Zeit von Kita und Schule begleitet.
So können Informationen über die verschiedenen Entwicklungsabschnitte eines Kindes hinweg weitergegeben werden und gehen nicht aufgrund von Zuständigkeitsgrenzen verloren. Beauftragte sorgen dafür, dass sich die Akteure in den Bezirken kennen lernen und so für gefährdete Familien eine optimale Betreuung gewährleistet wird.
Stichwort gefährdete Familien: Zunächst braucht es die Erkenntnis, dass es dem eigenen Kind an Betreuung mangelt. Voraussetzung ist auch die Offenheit dafür, dass Hilfe geholt werden muss. Ist das nicht eine sehr hohe Schwelle?
Frauen in der Schwangerschaft sind offen für Hilfeangebote, da sich ihre Lebensmuster neu bilden. Hier kann man gut unterstützen. Außerdem wollen fast alle Eltern, die ein Kind kriegen, Gutes für ihr Kind. Ich habe in den 25 Jahren meiner Berufstätigkeit niemanden kennen gelernt, der wirklich böse war.
Aber ein Kind bricht das gewohnte Leben auf, ein Neugeborenes versetzt die Familie in eine Extremsituation. Das ist für seelisch und wirtschaftlich ausbalancierte Menschen schon eine Herausforderung. Ein belasteter Mensch, zum Beispiel mit Drogenmissbrauchs- oder Missbrauchshintergrund, muss sein Leben mühselig strukturieren, um es einigermaßen im Griff zu haben. Um zum Beispiel clean zu bleiben. Diesen Menschen kann ein Kind schnell überfordern. Wenn der Zug erst mal abgefahren ist, wenn man einmal geschlagen oder geschüttelt hat, kommen Schuldgefühle hinzu, und es wird schwer, um Hilfe zu bitten.
Ich beispielsweise habe einmal eine kinderreiche Familie betreut, eines der Kinder war behindert. Mit dem Hinzukommen des Neugeborenen fing der Mann an, seine Frau zu schlagen. Nach Einschaltung des Jugendamtes konnte der Familie mit einer Haushalthilfe und einer Familientherapie gut geholfen werden. Der Mann war angesichts der neuen Situation überfordert, außerstande adäquat zu reagieren. In der Therapie konnte die Familie immerhin anfangen, über ihre Probleme zu reden, das hat den Druck verringert. Es hat funktioniert, weil sinnvoll interveniert wurde.
Wie hoch kann der Erfolg des Berliner Netzwerk-Modells sein?
Ich glaube nicht, dass man es schafft, dass keine Kinder mehr vernachlässigt werden. Aber man kann durch solche Netzwerke erreichen, dass sehr viel mehr Familien Unterstützung bekommen als es bisher möglich war.
Alle Beteiligten müssen lernen, Situationen zu erkennen und dann zu handeln. Die Vernetzung hilft ihnen, ihre Beobachtungen gezielt weiterzugeben und sich Hilfe zu holen. Das ist eine Möglichkeit, sich selber zu entlasten, denn das ist ein großer Druck, mit dem man da umgeht.
Welche Erfolg versprechenden Ansätze gibt es noch?
Nicht in Berlin, aber in anderen Bundesländern gibt es das Konzept der "Familienhebamme". In Brandenburg zum Beispiel werden jetzt 20 Hebammen zu "Familienhebammen" fortgebildet. Diese arbeiten in Familien in belasteten Lebenslagen, etwa in gewalttätigem Milieu oder bei medizinischen Risiken, wie zum Beispiel Frühgeburten oder Behinderungen. Das sind alles Faktoren, die dazu führen können, dass Familien nicht mehr funktionieren.
Die "Familienhebamme" kommt über den Zeitraum eines Jahres, überwacht das Gedeihen des Kindes und zeigt den Eltern, wie mit dem Kind umzugehen ist. Sie versucht, die Eltern in soziale Abläufe einzubinden, zum Beispiel durch Rechtsberatung oder Hilfe bei Behördenkontakten. Präventionsarbeit bringt eine große Verantwortung für die Hebammen mit sich, zum Beispiel frühzeitig und entschlossen aber auch sensibel zu reagieren.
Wenn man ein vernachlässigtes Kind mit drei oder vier Jahren aus der Familie nimmt, ist es meist schon zu spät. Viel wichtiger ist es, vorher Hilfe anzubieten. Es ist allerdings nicht einfach, den Finger auf die Wunde zulegen und zu sagen: Hier stimmt was nicht. Das ist leichter, wenn man auf ein Netz von Experten zurückgreifen kann.
Vor zehn Jahren konnte ich das noch nicht. Da wusste ich oft nicht, wie ich mit diesen Informationen umgehen soll. Das bezieht sich nicht auf solche Fälle wie die Frau, die geschlagen wurde. Es ist einfach, eine Frau, die geschlagen wird, zu fragen: Jetzt schlägt er dich und wann schlägt er dein Kind? Bei ihr war das Bewusstsein da: Ja, ich brauche Hilfe.
Problematisch bleibt die Arbeit mit Familien, die sprachlos sind, die kein Bewusstsein und keine Worte für ihre Situation haben. Man merkt nur, hier stimmt was nicht. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen für die Fälle, wo ich dieses Schweigen nicht durchbrochen habe. Das vernetzte Arbeiten macht das Benennen einfacher, man kann sich Unterstützung holen. Alle müssen lernen zu erkennen und zu benennen. Das gilt nicht nur für Hebammen, sondern für alle, die Familien begleiten.
Das Interview führte Daniela Künne.






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