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Etikett vom ndr Foto: NDR

Mythos Leistungsgesellschaft

"Wer arm geboren wird, stirbt auch arm"

"Je ärmer eine Person aufwächst, umso geringer sind auch ihre Chancen auf einen guten Bildungsabschluss", so der Soziologe Prof. Dr. Michael Hartmann von der TU Darmstadt. Im Interview erklärt er, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vertiefen wird, wenn es nicht gelingt, das Bildungssystem zu reformieren.

ARD.de: Wer sind die Eliten in Deutschland?
Prof. Dr. Michael Hartmann: Zu den Eliten zählen in Deutschland ca. 4.000 Personen, die aufgrund der von ihnen besetzten Positionen in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen - in erster Linie die Eigentümer und Topmanager großer Unternehmen, Spitzenpolitiker, hohe Beamte der Ministerialbürokratie und hohe Richter an den Bundesgerichten.

Was sind die Grundvoraussetzungen, um eine "Elite-Karriere" zu machen?
In den meisten Bereichen spielen neben einem Hochschulabschluss persönliche Merkmale die entscheidende Rolle, die vom Bürgertum geprägt werden. So sind - und das vor allem in der Wirtschaft - u.a. eine intime Kenntnis der bürgerlichen Codes und eine breite bildungsbürgerliche Allgemeinbildung ausschlaggebende Faktoren. Bürgerkinder sind dadurch erheblich im Vorteil. Letztlich ist ein hoher Bildungsabschluss nicht mehr als eine notwendige Voraussetzung. Ausschlaggebend ist der bürgerliche Habitus.

Welche Zusammenhänge sehen Sie?
Je ärmer eine Person aufwächst, umso geringer sind auch ihre Chancen auf einen guten Bildungsabschluss, und umgekehrt. Um daran etwas zu ändern, muss zum einen die Bildungspolitik dafür sorgen, dass den Kindern aus armen Familien durch vorschulische Einrichtungen und Ganztagschulen eine Möglichkeit geboten wird, die familiär bedingten Defizite zumindest ein Stück weit auszugleichen und abzubauen.

Zum anderen muss die Sozialpolitik direkte materielle Versorgungsprobleme beheben, denn die bildungspolitischen Maßnahmen allein reichen nicht aus. Die Konzentration von armen Familien in bestimmten Wohnvierteln und die schlechte Infrastruktur dort machen es sehr schwer, eine gute Ausbildung zu bekommen, weil oft allein schon die Adresse ausreicht, um bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen leer auszugehen. Auch das Fehlen öffentlicher Einrichtungen wie Büchereien oder Schwimmbäder erschwert den dort aufwachsenden Kindern den Erwerb von notwendigen Qualifikationen.

Wie hoch sind die Chancen von Migrantenkindern auf bessere Bildung und sozialen Aufstieg?
Für die Mehrzahl der Migrantenkinder kommt zu den Schwierigkeiten, die sich aus der überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote, den vergleichsweise schlechten Jobs und der niedrigen Wohnqualität ergeben, noch das Sprachproblem hinzu. Das verringert ihre Chancen ganz massiv.

Helfen Instrumente wie PISA bei der Verbesserung des Systems oder stützt das deutsche Bildungssystem die existierende Ungleichheit?
Die bisherigen Maßnahmen im schulischen Bereich gehen zumeist in die falsche Richtung. Die Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit macht es schwerer, von der Realschule auf das Gymnasium zu wechseln. Um eine wirklich durchgreifende Verbesserung zu erreichen, müsste die anachronistische Dreigliedrigkeit im Schulsystem aufgehoben und durch ganztägige Einheitsschulen ersetzt werden. Dann könnten, wie das skandinavische Beispiel zeigt, die Leistungsschwachen profitieren und gleichzeitig auch die Leistungsstarken gewinnen. Heute dagegen profitieren die Kinder aus Akademikerfamilien nicht nur von ihren besseren Voraussetzungen, sondern auch von den Urteilen der Lehrkräfte.

Was bedeutet diese Dynamik eines quasi geschlossenen Systems für die Gesellschaft?
Die Tatsache, dass die meisten Elitepositionen von den Kindern des Bürger- und Großbürgertums besetzt werden, ist ein deutliches Zeichen für die relativ geringe Durchlässigkeit der Gesellschaft. Die Folgen sind unübersehbar. Die politischen wie wirtschaftlichen Entscheidungen fördern eine Entwicklung, die die Kluft zwischen Reich und Arm unaufhörlich vertieft.

Sind damit alle Anstrengungen für einen sozialen Aufstieg von vornherein aussichtslos oder zumindest stark eingeschränkt?
Sollte es nicht gelingen, die augenblickliche Entwicklung zu stoppen, wird der Lebensweg von Kindern in Zukunft noch stärker als heute bereits bei der Geburt festgelegt. Wer in gut situierten Familien aufwächst, erhält eine gute Ausbildung und verfügt auch über die erforderlichen Persönlichkeitsmerkmale, um Karriere zu machen. Wer in einer armen Familie aufwächst, bekommt nur eine unzureichende Ausbildung und wird als Erwachsener zu jenen gehören, die keinerlei Aussichten auf einen vernünftigen Job haben. Man könnte es plakativ so formulieren: Wer arm geboren wird, stirbt auch arm und umgekehrt.

Das Interview führte Nils Zurawski.

  • Kommentare
    Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Wie kann die Kluft zwischen Reich und Arm vermieden werden?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet. Alle Kommentare finden Sie nachfolgend zum Nachlesen.
Klaus | 23.04.2007 | 12.20 Uhr
Es verwundert nicht, dass bei Prof. Hartmann, der sich selbst als "Linker" bezeichnet (s.Wikipedia), die Worte "Veranlagung" und "Vererbung" nicht vorkommen. Es verwundert nicht, dass er Anhaenger der "Milieu-Theorie" ist. Weiterhin verwundert es nicht, dass die ARD Prof. Hartmann als "Zeugen der Anklage" interviewt hat. Wie immer, am schoensten ist es, wenn die eigenen Vorurteile bestaetigt werden.
Rebecca Kreutz | 22.04.2007 | 20.38 Uhr
Es wurde gefragt, was "Arme" daran hindere, ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schicken. Mit wenig Geld kann man z.B auf dem Gymnasium oft benötigte Nachhilfe kaum finanzieren. Wenn Familien selbst dafür das Geld fehlt, dann frage ich mich, wie man davon sprechen kann, das jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wenn Eltern den ganzen Tag abeiten, fällt es schwer, abends, wenn man eine schöne Zeit mit den Kindern verbringen möchte, über Schularbeiten zu streiten. Internate gibt es auch nur für Reiche. Mit mehr Geld könnte man ihnen Zeit schenken, die sie statt bei unterbezahlter Abeit lieber mit ihren Kindern verbringen könnten, um diese zu fördern.
Ohnmacht Heinrich, Erbach | 22.04.2007 | 18.01 Uhr
Wer als Single stirbt, stirbt bettelarm. Dank Ursula von der Leyen, die nur um des beruflichen Erfolges Willen, Single ob gewollt oder ungewollt als moderne Sklaven ausbeutet und diffamiert. Pfui Teufel!

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ndr | Stand: 04.04.2007
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