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Etikett vom ndr Foto: NDR

Aufstiegschancen

Ein verlorenes Rennen

Eine Kindheit in Deutschland: Kindergarten, Schule, Lesen, Schreiben, Rechnen, soziale Kompetenz - Sportverein, Musikunterricht, Freizeiten, die Clique - Ausbildung, eventuell Abitur, Studium, Praktikum, der erste Job. Das ist der Musterweg, aber gilt dieser für alle Kinder?

Die PISA-Studie hat darauf hingewiesen, dass es deutliche Unterschiede in puncto Bildung zwischen den sozialen Schichten gibt. Das Bildungsniveau ist davon abhängig, welche Möglichkeiten Eltern haben, ihren Kindern einen entsprechenden Zugang zum Bildungssystem zu verschaffen. Auch Gesundheit ist eng gekoppelt an die Vermögens- und Bildungsverhältnisse von Menschen. Besonders Kinder leiden unter diesen Ungleichheiten. Der in Deutschland übliche freie und allgemeine Zugang zu Bildung und Gesundheit kann das offenbar nicht verhindern.

Die ungleiche Gesellschaft?

Das verfügbare Einkommen der Bürger ist besonders für die Lebensverhältnisse von Kindern wichtig, da sie von diesen Grundvoraussetzungen abhängig sind. 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche leben auf Sozialhilfeniveau, jedes sechste Kind unter 15 Jahren lebt in Armut, rund 1,7 Millionen. Insgesamt sind hierzulande rund 10,6 Millionen Menschen armutsgefährdet, haben also weniger als 60% des durchschnittlichen Nettoverdienstes zur Verfügung.

Da die Aspekte Bildung und Gesundheit in besonderem Maße von den Einkommensverhältnissen bestimmt sind, bedeutet dies gerade für Kinder dieser Personenkreise erhebliche Nachteile für ihre Chancen.

Bildung

Die soziale Schicht bestimmt den Zugang zu Bildung und gleichzeitig ist mangelnde Bildung ein Armutsrisiko. Die Ausbildung ist nach wie vor der Schlüssel zu Wohlstand und ein Schutz gegen soziale Benachteiligung. In Deutschland verließen 2004 8,5% der Schüler die Schule ohne einen Abschluss. Bei ausländischen Schülern liegt diese Quote bei ca. 15%.

Viele dieser Jugendlichen verweilen danach in weiteren Qualifizierungsmaßnahmen oder holen später ihren Abschluss nach, so dass sie in den Arbeitslosigkeitstatistiken für längere Zeit überhaupt nicht auftauchen.

Forscher warnen vor einer strukturellen Bildungsarmut, die nachhaltige Spuren in unserer Gesellschaft hinterlässt. Allein vier Millionen Deutsche sind Analphabeten. Auch bei den Schulabgängern ohne Abschluss ist zu vermuten, dass sie mangelnde Kenntnisse in Lesen und Schreiben aufweisen und damit auf Dauer von gesellschaftlichem Wohlstand ausgeschlossen bleiben.

Gesundheit

Gesundheit und der Zugang zum Gesundheitssystem sind für Kinder und ihre Entwicklung besonders wichtig. Ärmere Schichten sind besonders betroffen von gesundheitlichen Mängeln und einer schlechteren Versorgung. Ursachen dafür sind u.a. eine qualitativ ungenügende Ernährung, wenig Bewegung und oft schlechte Wohnverhältnisse. Die schlechte finanzielle Situation führt oft auch dazu, dass Arztbesuche nicht im notwendigen Maß wahrgenommen werden.

Menschen aus ärmeren Schichten leben kürzer, sie haben eine bis zu sieben Jahre kürzere Lebenserwartung als Menschen aus dem oberen Einkommensviertel. Armut ist nicht nur ein Gesundheitsrisiko, sondern auch volkswirtschaftlich folgenreich: Sozial schwache sind häufiger chronisch krank und verursachen ein Großteil der Gesundheitskosten. Kinder trifft diese Situation besonders, da sie im Vergleich zu Gleichaltrigen häufiger krank und somit ihre Chancen insgesamt gemindert sind.

26% der armutsgefährdeten können sich nicht jeden zweiten Tag eine Mahlzeit leisten, 14% ihre Wohnung nicht angemessen heizen. Kinder sind davon besonders schwer betroffen, da sich die Folgen von Armut über Generationen verfestigen und ganze Schichten dauerhaft von gesellschaftlichem Wohlstand ausgeschlossen werden.

Ausländische Schülerin beim Schreiben Foto: Picture Alliance/dpa

Haben oft schlechtere Startbedingungen: Ausländische Kinder

Situation von Migrantenkindern

Kinder von Einwanderern sind von diesen Ungleichheiten ungleich schwerer betroffen. Trotz gleicher Zugänge zum Bildungssystem besteht ein erheblicher Unterschied zwischen deutschen Kindern und solchen mit einem Migrationshintergrund. Studien zu Bildung und Migration zeigen, dass zwischen Deutschen und den rund 8 Millionen Bürgern ausländischer Nationalität ein Bildungsgefälle besteht.

Ähnlich wie bei der Bildung gibt es auch im Gesundheitsbereich Probleme, die einen gleichen Zugang für Migranten erschweren. Kommunikationsprobleme und ein teilweise anderer Umgang mit Krankheit erschweren die gesundheitliche Fürsorge. Das Gesundheitssystem ist jedoch wenig darauf vorbereitet und kann in der Praxis oft nicht entsprechend auf die Bedürfnisse der Migranten eingehen.

Fazit

Der Musterweg schulischer Ausbildung und einer möglichen Karriere, die allein auf Leistung beruht, ist in Deutschland nicht möglich. Vorhandene Ausnahmen können nicht über die Ungleichheitsstrukturen hinwegtäuschen. Viele Kinder bleiben so, trotz formal gleichen Zugangs, in bestimmten Bereichen chancenlos. Ihre Leistungen geben nicht allein den Ausschlag für eine Karriere. Das bedeutet, dass sie nicht in der Lage sind, die Leistungen, zu erbringen, die für einen sozialen Aufstieg nötig wären, da ihre Ausgangslage dieses strukturell nicht zuzulassen scheint.

Aufstieg und Armut sind in Deutschland abhängig von der sozialen und kulturellen Herkunft. Die Lebenswirklichkeiten von Kindern unterscheiden sich also deutlich gerade in den Bereichen Bildung und Gesundheit – zwei für Kinder elementare Bereiche ihrer Entwicklung.

Autor: Nils Zurawski

  • Kommentare
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sabine eilers | 19.04.2007 | 18.59 Uhr
Ungleichheit ist tatsächlich nicht neu. Neue Denkansätze zu finden und Wege für die Umsetzung, auch mit wenig finanziellem Spielraum wäre eine wichtige Aufgabe sowohl in der Forschung als auch in der Bildungspolitik. Aber auch Familien sollten gefordert werden, mehr Verantwortungsbewußtsein für ihre Kinder an den Tag zu legen. Dazu sind die Einhaltung bzw. Einführung von Regeln und Pflichten unumgänglich, die innerhalb des Systems ermöglicht werden müssen: Einführung einer Vorschulpflicht ab 5 Jahren: Sprachtest, Sprachförderung, Förderung der sozialen Kompetenz beispielsweise in einem Unterrichtsfach.
Saskia Miethe | 18.04.2007 | 10.55 Uhr
Bei allem Verständnis für Hoffnungslosigkeit durch Arbeitslosigkeit, Hartz IV etc: Ich akzeptiere aber nicht, wie diese Argumente den Betroffenen förmlich in den Mund gelegt werden, wenn es um die Verantwortung für Kinder geht. Als Lehrerin erlebe ich oft kein Bewußtsein für die wahren Bedürfnisse von Kindern. Sie werden mit PC-Spielen und teuren Markensachen "erfüllt". Für das Essen, die Schulsachen, wettergerechte Kleidung etc. sorgen dann Schule und Ehrenamtliche. Oft habe ich das Argument gehört "Bei mir kriegen die Kinder Essen, Spielzeug und Klamotten. Für den Rest ist die Schule zuständig." So kann und darf es nicht sein und dieser Ansicht darf nicht weiter Vorschub geleistet werden!
christa schudeja | 14.04.2007 | 13.38 Uhr
Es ist nicht neu, dass die unteren Gruppen kaum Chancen für einen Aufstieg haben. Was wird über die Forschung darüber hinaus getan, um die Ungleichheit zu verhindern? Das wäre ein spannendes Thema! Christa Schudeja

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ndr | Stand: 04.04.2007
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