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Bei Not in der Schule ziehen in Hamburg alle Hilfskräfte an einem Strang. Dank Rebus, einer Art Schülerfeuerwehr, die in jedem Stadtteil vertreten ist. Ein Interview mit Thomas Juhl, Rebus-Leiter, über die Arbeit mit schwierigen Fällen wie Schulschwänzern.
Thomas Juhl
Leiter der "Schülerfeuerwehr" Rebus, Hamburg
ARD.de: Mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche zu Ihnen?
Thomas Juhl: Das kann, je nach Bevölkerungsstruktur, unterschiedlich ausfallen. Rebus hat Anfragen von Klasse eins bis Klasse dreizehn: von Schullaufbahnberatung über störendes, aggressives Verhalten und Problemen mit Hausaufgaben bis hin zu Konflikten von Eltern mit der Schule. Wir beraten auch das System Schule an sich.
Wie äußert sich das bei Ihnen in Billstedt?
Hier im Osten Hamburgs haben wir ein großes Problem mit Arbeitslosigkeit, überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger, eine überdurchschnittliche Kriminalitätsrate und viel Armut. Bei uns ist ein Schwerpunkt die Gewalt in Schulen, Unterrichtsstörung und Schulverweigerung. Das sind Jugendliche, die nicht zur Schule gehen und recht deutlich machen, dass sie mit Schule nichts mehr am Hut haben.
Haben Sie denn mehr rechtliche Handhabe als andere Beratungsstellen, etwa wenn ein Kind nicht zur Schule erscheint?
Ja, das ist sogar relativ neu in Hamburg. Wir haben seit zwei Jahren eine Richtlinie "Schulabsentismus", die das Mittel des Schulzwangs in bestimmten Fällen vorsieht. Die Richtlinie greift dann, wenn Kinder nicht zum Unterricht erscheinen und sowohl die Schule und Rebus in ihren pädagogischen Bemühungen erfolglos gewesen sind. Das geht von einem Bußgeld über ein Zwangsgeld bis hin zur Durchführung von Schulzwang.
Was können Schulen in solchen Fällen machen?
Diese Richtlinie schreibt Schulen sehr genau vor, was sie tun müssen, wenn Kinder fehlen. Das beginnt bei der täglichen Überprüfung in jeder Unterrichtsstunde. Sie müssen versuchen, abwesende Kinder am selben Tag zu erreichen. Wenn das nicht gelingt, ist der Schule ein Hausbesuch zwingend vorgeschrieben.
Wenn das alles nicht dazu führt, dass das Kind wieder regelmäßig zur Schule kommt, gibt diese den Fall nach einer Frist von vier bis sechs Wochen an Rebus ab. Wenn wir Anfragen wegen Schulschwänzen bekommen, benachrichtigen wir sofort das Jugendamt. Wir müssen prüfen, ob gemeinsamer Handlungsbedarf besteht. Denn Kinder bleiben dem Unterricht nicht nur wegen schulischer, sondern auch wegen Problemen mit dem Umfeld fern.
Was für Biografien haben Schulschwänzer?
Wir haben im Hintergrund vergleichbare Familienproblematiken und Schulkarrieren, die zunehmend von Versagen und Konflikten mit Lehrern geprägt waren. Mit dem klassischen Schulschwänzen meinen wir Jugendliche, die mit der eben erwähnten Schulkarriere in der Regel aus belasteten Elternhäusern kommen. Es gibt auch Kinder mit Schulphobien. Und es gibt auch die Kategorie derjenigen, die von den Eltern zurück gehalten werden, zum Beispiel um allein erziehenden Müttern mit den jüngeren Geschwistern zu helfen. Das betiteln wir als Entzug. Es gibt praktisch keine schwänzenden Grundschüler.
Der größte Teil der "Absentisten" bildet sich klar aus denjenigen, die sich lieber mit Gleichaltrigen im Einkaufszentrum rumtreiben oder nicht aus dem Bett kommen und danach Videospiele spielen. Das sind meistens übrigens Jungen.
Ab wann gilt ein Kind als "Schule schwänzend“?
Die Schulschwänzerrichtlinie bezeichnet bereits ein unentschuldigtes Fehlen von drei Tagen im Monat oder 20 Unterrichtsstunden als anhaltendes Schulschwänzen. Das ist in Hamburg eine sehr eng gefasste Richtlinie, die auch zu Problemen führt. Drei Tage Fehlen ist keine große Zahl, setzt aber einen Apparat in Bewegung, der von Rebus bis zu eingeschalteten Jugendämtern geht. Das erscheint mir aber sinnvoll, weil das Fernbleiben das Ende einer Entwicklung bedeutet, auf die anfangs nicht ausreichend reagiert wurde. Schulschwänzen beginnt schleichend.
Wie führen Sie Schulschwänzer an Rebus heran?
Jeder Anruf wird innerhalb von einer Woche bis zehn Tagen wird bearbeitet. Dringliche Anfragen, die Gewalt oder Suizidgefährdung betreffen, bearbeiten wir unmittelbar, auch im Austausch mit der Beratungsstelle "Gewaltprävention".
Wie bearbeiten Sie die Fälle?
Durch Gespräche mit den Eltern und Jugendlichen, die uns die Ursache klar machen. Wenn die Ursache im häuslichen Umfeld liegt, kann das dazu führen, dass über das Jugendamt eine so genannte Hilfe zur Erziehung eingerichtet wird, die die Familie unterstützt. Es kann sein, dass schulische Probleme wie Konflikte mit Mitschülern vorliegen. Da gehen wir mit in die Schule. Rebus muss versuchen, solche Schüler langsam wieder an Schule heranzuführen. Zum Beispiel durch Schule ersetzende Maßnahmen, die Entwicklung neuer Perspektiven.
Wie sieht Ihre Arbeit in Rebus Billstedt konkret mit Schulschwänzern aus?
Wir haben im Moment eine Gruppe von zehn Jungen und Mädchen, die in ihrem letzten Schulbesuchsjahr sind, in der Regel 9. Klasse, und die Schule komplett verweigern. Sie kommen täglich für zwei Stunden zur Betreuung und haben Unterricht in den Kernfächern (Deutsch, Mathe, Englisch, Sport, Musik). Damit haben wir guten Erfolg, wir kriegen etwa 90 Prozent aller Schulverweigerer dazu, unser außerschulisches Angebot zu besuchen.
Sinn der Sache ist aber, mit jedem einzelnen Jugendlichen eine individuelle Perspektive zu entwickeln. Alle Kinder sind, selbst wenn sie monatelang geschwänzt haben, an einer Identität "Schüler" interessiert. In ihrem Umfeld sagen sie: Ich gehe jetzt bei Rebus zur Schule. Ich bin Schüler und ich gehe zur Schule. Dieses Gefühl von Normalität ist ihnen ungeheuer wichtig. Unsere zweite Gruppe bildet sich aus 15 Schülern aus dem bundesweiten Projekt: "Schulverweigerung - 2. Chance", finanziert aus Geldern des Europäischen Sozialfonds. Dieses Projekt hat zum Ziel, die Anzahl der Hauptschulabschlüsse zu erhöhen.
Wie hoch ist die Rückfallquote dieser Jugendlichen?
Es lässt sich festhalten, dass wir sehr erfolgreich dabei sind, die Jugendlichen in unser außerschulisches Programm zu kriegen. Sie brechen diesen weiteren Weg aber sehr häufig wieder ab. Durch ihre ganze Lebensstruktur und die Struktur ihres sozialen Umfelds sind sie den steigenden Ansprüchen und dem dabei entstehenden Druck der Arbeitswelt nicht gewachsen.
Wir fassen es allerdings als Erfolg auf, dass diese ehemaligen Betreuten bei Abbruch der weiterführenden Maßnahmen von sich aus bei uns vor der Tür stehen. Mit dem Projekt "Schulverweigerung – 2. Chance" hoffen wir so frühzeitig einzusteigen, dass wir schulische Karrieren noch stabilisiert kriegen. Bei Schülern, die in Klasse neun mit 15 Jahren komplett aus der Schule rausgefallen sind, ist die Chance, wieder einen normalen Bildungsweg hinzukriegen, nicht besonders groß.
Das Interview führte Patricia Batlle.
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