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Sprachförderung in Kindergärten ist heute gefordert wie nie zuvor: Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund sind Sprachkenntnisse eine wichtige Voraussetzung, um später im deutschen Bildungssystem bestehen zu können.
Die Sprachen der Welt - für Kinder kein Problem
In Deutschland gibt es kaum noch einen Kindergarten, in dem nicht auch Kinder aus anderen Ländern ihren Platz haben. Das bietet einerseits die große Chance, Kinder optimal auf das Leben in einer Welt ohne Grenzen vorzubereiten. Andererseits schürt es Frust und Gewalt bei denjenigen, die nicht genügend gefördert werden und dadurch isoliert aufwachsen. Entscheidend ist der Zeitpunkt, wann mit der Förderung begonnen wird.
Das Gehirn von Kindern entfaltet sechs bis zehn Monate nach der Geburt seine höchste Kapazität. Konfrontiert man die Kleinen in dieser Zeit mit einer zweiten, dritten oder vierten Sprache, wird diese Kapazität erhalten. Wächst ein Kind einsprachig auf, reduzieren sich die Cortex-Areale entsprechend - das sind jene Areale, die für die Sprachbildung zuständig sind. Darauf weist der Freiburger Neurolinguist Professor Michael Schecker hin.
Wann Kinder auf weitere Sprachen vorbereitet werden sollen, darüber wird derzeit in Deutschland diskutiert. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen fordert, jedes vierjährige Kind auf seine Sprachkompetenz zu testen, um gegebenenfalls Sprachförderung einzuleiten. Als erstes Bundesland will Nordrhein-Westfalen solche Sprachtests für Kinder ab vier Jahren einführen.
Im Saarland überprüft man die Sprachfähigkeit der Kinder derzeit ein halbes Jahr vor der Einschulung. Dies sollte besser 15 Monate vor Schuleintritt geschehen, sagt die Fachreferentin für frühkindliche Bildungsfragen und Sprachentwicklung im saarländischen Kultusministerium, Eva Hammes-Di Bernardo.
Spielerisch Buchstaben lernen - Ziel des Würzburger Programms
Die Länder bieten Erzieherinnen - meist über spezielle Broschüren - Unterstützung bei der Sprachvermittlung. Im Saarland, in Berlin und Hamburg gibt es dafür zum Beispiel das "Bildungsprogramm für Kindergärten". Es wurde in Zusammenarbeit mit der Internationalen Akademie (INA) an der Freien Universität Berlin entwickelt. Sprache und Schrift werden dabei als eine "zentrale Voraussetzung" für die Entwicklung der individuellen sozialen Persönlichkeit genannt. Das "Bildungsprogramm für Kindergärten" stellt den ganzheitlichen Aspekt bei der Sprachvermittlung in den Mittelpunkt. Wichtig sind die vier Fähigkeiten Ich-Kompetenz, Sozial-Kompetenz, Sach-Kompetenz und Lern-Kompetenz.
Zusätzlich liefert bundesweit das so genannte "Würzburger Programm" ("Hören, Lauschen, Lernen") den Erzieherinnen Grundlagen für das Training zur "phonologischen Bewusstheit" der Kinder: Analysieren von Sprache, Rhythmisieren, Lautieren und Buchstabieren – das sind die Eckpfeiler des Programms, an denen sich die Erzieherinnen orientieren können. Ziel ist immer die individuelle Förderung von Kindern in Kindergärten und Schulen.
Nach Angaben der Diplom-Psychologin und Frühpädagogin Beate Hassel wird im saarländischen Bildungsprogramm erstmals für Kindergärten nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift in die Vermittlung mit einbezogen. Spielerisch sollten sich die Kinder zum Beispiel als "Schrift- und Zeichenforscher" betätigen. Dabei gehe es darum, Buchstaben zu sammeln und Worte aufzuschreiben, die die Kinder draußen wahrnähmen. Laute identifizieren, Reime erkennen, Sprechen wie ein Roboter oder Silbenspiele – all dies mache den Kindern Spaß und helfe ihnen, leichter eine Sprache zu erlernen. Hier geht die Psychologin nach dem Würzburger Programm vor.
In 120 von 470 saarländischen Kindergärten werden die Kleinen zusätzlich von einer französisch sprechenden Erzieherin betreut - ein in dieser Art einmaliges Projekt in Deutschland.
"Seit Pisa sind die Leute sensibler geworden beim Thema 'früher Sprach-Erwerb'", so die Montessori-Pädagogin Ernesta Backes. Die Befürchtung, Kinder könnten mit dem Lernen einer zusätzlichen Sprache überfordert werden, weist Backes zurück: "Das würden die Kinder deutlich zeigen".
Von Überforderung kann auch nach Ansicht der Fachreferentin und Mitarbeiterin am saarländischen Bildungsprogramm, Hammes-Di Bernardo, keine Rede sein. Sie sieht für die Kinder die Chance, von mehrsprachigen Gruppen zu profitieren – gerade auch bei Kindern, die in spracharmen Familien aufwachsen: "Je mehr Sprachen ein Kind hört, desto besser kann es andere Sprachen entwickeln." Der Freiburger Neurolinguist Professor Michael Schecker stimmt ihr zu: "Wenn Zweijährige mit der Grammatik einer zweiten Sprache konfrontiert werden, verarbeiten sie das mit links."
Offenheit gegenüber kulturellen Unterschieden und gegenüber fremden Sprachen sei die Grundlage einer umfassenden Erziehung zur Mehrsprachigkeit, sagt die Psychologin Beate Hassel. Die Unterschiede sollten aufgegriffen und "Pluralität als Chance" vermittelt werden. Das könne auch gelingen, denn im Kindergarten bestünden noch nicht die "Ressentiments gegen Fremdheit". Und was sinnvoll für ausländische Kinder sei, helfe auch ihren deutschen Spielgefährten.
Genau so sieht es auch Montessori-Pädagogin Ernesta Backes. Man würdige die jeweiligen Sprachen, indem sich Kinder beispielsweise als Übersetzer betätigten. Lieder in fremden Sprachen singen, erste Zahlenübungen auch in der Sprache anderer Kinder - all das sei wichtig.
Der Erfolg aller Programme steht und fällt mit der Vermittlung der Inhalte durch die Erzieherinnen. "In der Erzieherinnen-Ausbildung liegt aber noch vieles im Argen," so der Neurolinguist Schecker. Dies hänge mit dem Aufbau der Berufsausbildung zusammen. Als positives Beispiel nannte Schecker das französische Modell: Dort gebe es eigens Studiengänge für Zweisprachigkeit in Kindergärten und Grundschulen.
Auch Eva Hammes-Di Bernardo wünscht sich eine höhere Fachkompetenz der Erzieherinnen. Sie müssten in der Lage sein, Sprachverhalten differenzierter zu reflektieren und genauer einzuschätzen, was es bedeutet, eine andere Sprache zu sprechen. Wünschenswert sei etwa ein dreimonatiger Auslandsaufenthalt.
Autor: Axel Burmeister






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