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Kinder brauchen Liebe. Ohne die Zuneigung ihrer Eltern geraten sie in einen Teufelskreis emotionaler Kälte, aus dem sie auch später kaum entkommen können. Von den Folgen berichtet Psychologieprofessor Michael Schulte-Markwort vom Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf.
Prof. Michael Schulte-Markwort
ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf leitet der 50-Jährige die psychosomatische Abteilung der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
ARD.de: Wie häufig erleben Sie, dass Kinder in einer Atmosphäre der emotionalen Armut aufwachsen?
Michael Schulte-Markwort: Das ist ein häufiges Problem. Sehr viele psychische Krankheiten bei Kindern rühren daher, dass die Beziehung zu den Eltern schlecht ist. Man muss aber klarstellen, dass Eltern es nie absichtlich an Liebe fehlen lassen. Oft sind sie selbst betroffen von bestimmten psychischen Beeinträchtigungen. Da reicht das Spektrum von einer depressiven Mutter bis hin zu Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen, die nicht mit ihren Kindern klarkommen und sie im Extremfall misshandeln.
Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, solche Probleme nehmen immer mehr zu.
Das stimmt nicht. Psychische Störungen bei Kindern haben in den letzten 30 Jahren nicht zugenommen. Unverändert sind ungefähr 20 Prozent aller Deutschen bis zum 18. Lebensjahr psychisch auffällig. Die Hälfte davon ist behandlungsbedürftig. Der eigentliche Skandal ist, dass wir nicht genügend Möglichkeiten der Behandlung haben. In ganz Deutschland gibt es nur 640 niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater.
Welche Folgen hat Liebesmangel bei Kindern?
Kinder brauchen für ihr psychisches Wachstum emotionale Resonanz. Wenn sie das nicht bekommen, werden sie emotionale Analphabeten. Das heißt: Sie lernen nicht, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Sie lernen nicht, wie man eine Beziehung gestaltet oder wie man auf andere Menschen zugeht. Kinder, die nicht geliebt werden, gehen immer davon aus, dass sie eine Eigenschaft haben, das sie nicht liebenswert macht. Die Folge sind Selbstzweifel und ein mangelndes Selbstwertgefühl. Als Erwachsene kommen sie aus diesem Teufelskreis nicht mehr hinaus. Und wenn sie eigene Kinder haben, wiederholen sich die Probleme.
Isolation: eine mögliche Folge von Liebesmangel
Bei manchen geht der Liebesmangel so weit, dass die Kinder verwahrlosen. Bekommen die Eltern das nicht mehr mit? Ich unterstelle Eltern immer, dass sie eigentlich das Beste für ihr Kind wollen. Ein Beispiel: Wir behandeln an unserer Klinik eine 20-jährige Mutter mit einem eineinhalbjährigen Kind. Das Kind hat massive Essprobleme. Und die wiederum sind zurückzuführen auf ein gestörtes Verhältnis von Mutter und Kind. Die Mutter ist überhaupt nicht in der Lage, sich in ihr Kind einzufühlen. Sie erlebt die Bedürftigkeit ihrer Tochter regelrecht als Bedrohung, ist schnell erschöpft und wendet sich ab. Eine Erklärung dafür liegt in der Vergangenheit dieser Frau: Dort sieht man eine schwer traumatisierte, vielfach sexuell missbrauchte junge Frau. Da haben wir wieder den Teufelskreis.
Fehlende Geborgenheit - nicht nur ein Unterschichtenproblem
Und im Extremfall sind Misshandlungen oder noch Schlimmeres die Folge …
Ja, die Mutter ist dann so überfordert, dass sie einfach die Tür zumacht und geht. Und dann kommt es vor, dass die Kinder verhungern.
Kommen emotionale Armut, Vernachlässigung und Verwahrlosung vor allem in sozial schwachen Schichten vor?
Zahlenmäßig sind die armen Schichten am meisten davon betroffen. Es gibt aber auch die Managerfamilie, die ihren Nachwuchs über Kindermädchen erzieht und keine emotionale Nähe zulässt. Ein plakatives Beispiel sind Königsfamilien. Da gibt es einige emotional verarmte Prinzen.
Das Interview führte Rainer Kellers.
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