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Etikett vom MDR Foto: MDR

Auslandsadoption

"Man braucht einen langen Atem"

Babys und Kleinkinder stehen in Deutschland kaum zur Adoption frei. Auf ein Kind kommen bis zu 14 Bewerber. Für viele Adoptionswillige scheint das Kind aus der Ferne darum eine naheliegende Lösung. Bernd Wacker, Experte bei der Kinderhilfsorganisation "terres des hommes", warnt aber vor übereilter Euphorie.

ARD.de: Weltstars wie Madonna und Politiker wie Gerhard Schröder machen es vor: Sie reisen in Dritte-Welt-Länder oder nach Osteuropa und adoptieren sich ein Kind. Das wirkt ganz einfach oder trügt der Schein?
Bernd Wacker: Er trügt, jedenfalls für die Normalbürgerin und den Normalbürger. Man braucht schon einen langen Atem und vor allem eine gute Vorbereitung, um ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren. Es gibt diese Kinder nicht wie Sand am Meer, das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Tatsächlich gibt es wesentlich mehr Bewerber als zur Adoption freigegebene gesunde Babys und Kleinkinder.

Wie hoch ist überhaupt die Chance für eine erfolgreiche Adoption ohne Prominentenbonus?
Das lässt sich ganz schlecht mit Prozentzahlen beziffern. Nur soviel: Wer gründlich nachgedacht und sich für eine Auslandsadoption entschlossen hat, der sollte den Weg gehen, den das Adoptionsvermittlungsgesetz vorschreibt, das heißt zu einer anerkannten Vermittlungsstelle. Dort wird er dann sehr gründlich überprüft. Ob und wann jemand aber tatsächlich Vater bzw. Mutter wird, hängt jedoch nicht nur von seiner tatsächlichen Eignung ab, sondern ist darüber hinaus von der Zahl der zur Verfügung stehenden Kinder und von deren speziellen Bedürfnissen abhängig.

Wo können sich Interessierte seriös über Auslandsadoptionen informieren?
Am besten gehen Sie zu Ihrem örtlichen Jugendamt. Dort finden Sie Broschüren oder auch kompetente Mitarbeiter, die Auskunft geben können. Im Internet empfehle ich die Homepage der Bundeszentralstelle für Auslandsadoptionen, wo die geltenden Gesetze und alle staatlich anerkannten Vermittlungsstellen aufgelistet sind. Aber auch ein Anruf bei der Zentralen Adoptionsstelle des jeweiligen Landesjugendamtes kann nicht schaden.

Eine Auslandsadoption über diese Vermittlungsstellen dauert mindestens zwei Jahre. Andere Agenturen oder auch Privatleute versprechen gegen Geld schnellere Hilfe. Was halten Sie von solchen Angeboten?
Wer ohne staatliche Lizenz und gegen Geld eine Adoptionsvermittlung anbietet, der macht sich nach deutschem Recht strafbar. Dass Sie da möglicherweise finanziell ausgeplündert werden, ist noch nicht einmal das Schlimmste. Viel schlimmer ist, dass Sie nicht wissen, woher das Kind kommt. War es wirklich verlassen? Oder wurde es seinen Eltern bzw. der Mutter abgeschwätzt oder abgekauft – für einen Bruchteil des Preises, den Sie bezahlen sollen? Hat man es womöglich entführt, die Papiere gefälscht und so weiter?

Adoption eines vietnamesischen Kindes Foto: Picture-Alliance/Godong

Einige verzweifelte Paare würden solche Risiken unter Umständen in Kauf nehmen. Außerdem helfe ich doch auch diesen Kindern, wenn ich sie mit nach Deutschland nehme, oder?
Nein, Sie tun mit solch einem Adoptionsversuch auf eigene Faust weder sich noch dem Kind einen Gefallen. Denn sicher hat dieses Kind schon einen, wenn nicht sogar mehrere Beziehungsabbrüche hinter sich. Vielleicht hat es Hunger erlebt, Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch. Das sind Probleme, mit denen sich nicht nur das Kind, sondern auch seine Eltern möglicherweise über viele, viele Jahre werden auseinandersetzen müssen. Wer dem Blick auf ein Foto mit einem lächelnden Sonnenscheinchen vertraut und glaubt, auf die Hilfe von Fachleuten verzichten zu können, der kann sein blaues Wunder erleben. 

Angenommen Sie begegnen am Flughafen in Kiew oder Bangkok zwei angehenden Adoptiv-Eltern, die nun ihr Kind mit nach Hause nehmen. Was raten Sie Ihnen?
Adoption will verlassenen Kindern zu Eltern verhelfen, nicht unvollständige Familien komplettieren. Zu dieser Hilfe gehört u.a. Ehrlichkeit gegenüber dem Kind, Offenheit gegenüber seiner Herkunft und Respekt vor dem, was es in sich ist und mitbringt. Kein Adoptivkind hat es verdient, dass wir es ins Korsett unserer Wunschvorstellungen zwängen. Darum würde ich den angesprochenen Eltern Geduld wünschen, Zähigkeit gepaart mit Gelassenheit, Humor und der Fähigkeit zur Selbstkritik. Wichtig ist auch der Mut, rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen, wenn es Probleme gibt.

Checkliste Auslandsadoption:

  • Hintergrund:
    Rund 800 Auslandsadoptionen erfasst das Statistische Bundesamt jährlich. Wie hoch die tatsächliche Zahl liegt, lässt sich nicht abschätzen. Gerade Adoptionen, die sich in der rechtlichen Grauzone abspielen, werden nicht gemeldet, so die Bundeszentrale für Auslandsadoptionen.
  • Vermittlung:
    Es gibt staatlich anerkannte Vermittlungsstellen für Auslandsadoptionen, die bei der Bundeszentralstelle für Auslandsadoptionen aufgelistet sind.
  • Aufwand:
    Eine Auslandsadoption dauert mindestens zwei Jahre. Die Kosten fallen je nach Vermittlungsstelle und Herkunftsland des Kindes unterschiedlich aus. Man sollte mit rund 15.000 Euro rechnen. Lassen Sie sich in jedem Fall alle Ausgaben quittieren!
  • Empfehlung:
    Die "Qualität" einer Auslandsadoption ist weder an den Vermittlungsgebühren noch an der Länge der Wartezeit zu messen. Wichtiger sind folgende Fragen: Wie gründlich werde ich von der Vermittlungsstelle vorbereitet? Wird mir der Adoptionsvorgang nachvollziehbar erklärt? Habe ich seriöse Informationen zur Herkunft des Kindes? Wird mir auch nach der Adoption noch Unterstützung angeboten?

Autorin: Birgit Behringer

Weitere Informationen zum Thema:


Ungewollt kinderlos

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mdr | Stand: 04.04.2007
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