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Etikett vom RBB Foto: RBB

Gefühltes Phänomen

Kindersegen in Prenzlauer Berg? Wunschdenken!

Wen man auch fragt – der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg sei besonders kinderreich, heißt es. Doch "Zwergenwunder" und "Kindersegen" sind eingebildet und reines Wunschdenken. Mehr Kinder gibt es hier nämlich nicht. Nur andere Mütter.

Nichts dran – sogar im langweiligen Bezirk Berlin-Steglitz werden im Schnitt mehr Kinder geboren als im Studenten-, Künstler- und Lebenskünstlerbezirk jenseits des Alexanderplatzes. Geschadet hat die statistische Widerlegung dem Mythos vom glücklichen Prenzlauer Berg in keiner Weise. Aber Glück, so soll Dale Carnegie einmal bemerkt haben, hängt auch nicht von den äußeren Verhältnissen ab. Sondern von der inneren Einstellung. Und die suggeriert im Prenzlauer Berg die Rettung vor der Vergreisung der deutschen Gesellschaft.

Wen man auch fragt – der Prenzlauer Berg sei kinderreich, heißt es von allen Seiten. Dass die lieben Kleinen Schlange stehen müssen, um wenigstens einmal am Nachmittag auf die Schaukel zu kommen, wird bewundernd belächelt. Dass in jeder Ecke beim Italiener oder in einer der zahlreichen Kneipen und den Cafés etliche Kinderwagen herumstehen, ebenfalls. Aber noch einmal: mehr Kinder als anderswo gibt es hier nicht. Nur andere Mütter. Und das macht es aus.

Aktiv und kreativ: Moderne Mütter

"Die sind alle irgendwie in meinem Alter", erzählt die Mittdreißigerin Sylvie, deren dreijähriger Sohn mit seinem Laufrad durch die Pfützen fährt. Das sei ja auch kein Wunder, sagt sie weiter, schließlich seien sie alle irgendwann nach der Wende hierher gezogen.

Nur: Wer ist denn genau hierher gezogen? Ganz sicher nicht die potenziellen Mütter aus Neukölln und dem Wedding, aus Kreuzberg und anderen so genannten Problemvierteln, in denen es unheimlich viele Kinder, aber nur ganz wenig positive mediale Aufmerksamkeit für den Nachwuchs gibt. Der Prenzlauer Berg, zumindest der szenige Teil, steckt voller Akademikerinnen um die 30. Die meisten hier haben studiert oder stecken mittendrin in ihrer Hochschulausbildung.

Und wer nach dem Studium keinen Job bekommt, der schafft sich selber einen. Wer im Wedding arbeitslos ist, wird es lange bleiben. Die arbeitslosen Kulturwissenschaftlerinnen vom Prenzlauer Berg aber werden aktiv. Sie gründen Labels und Bastelstuben, Läden für gebrauchte Kinderklamotten oder Mini-Werbeagenturen. Sie sind kreativ und gut gebildet, sie sind beweglich und jung. Und vor allem: sie sind sichtbar.

Wenn eine solche Frau in den besten Jahren ein Kind bekommt, dann nimmt sie es auch überall hin mit. Da verwirklicht sich das moderne Frauenbild, auf das Deutschland schon lange wartet. Kinder und Beruf? Kein Problem im Prenzlauer Berg.

Ein-Kind-Politik im Prenzlauer Berg

Unter den Teppich gekehrt wird allerdings gern, dass diese Damen meist nur ein Kind auf die Welt bringen. Mütter mit zwei oder noch mehr Kindern leben in anderen Bezirken Berlins. Und haben häufig genug keinen westdeutschen, sondern einen Migrationshintergrund. Miriam beispielsweise, die im beschaulichen Lichterfelde wohnt, hat mit 29 Jahren schon drei Kinder. Ungeachtet der Tatsache, dass sie im Stadtteil Wedding geboren wurde und schon auf ihrem Kinderausweis als Staatsangehörigkeit "deutsch" vermerkt war, bleibt Miriam gefühlte Palästinenserin. "Wenn eine deutsche Frau drei Kinder hat", sagt sie, "dann freuen sich alle. Bei mir heißt es nur: typisch Araber." Und da guckt niemand so genau hin.

Die Mütter vom Prenzlauer Berg vermögen die Besucher und allen voran die Journalisten zu verzücken. Weil hier junge Studierte aus Deutschland und Europa, vielleicht auch schon mal aus so einem exotischen Land wie Kanada ihr Leben auch mit Kind so leben, wie es die "Szene" in jeder europäischen Großstadt tut. Die dicke Kreuzberger Mama mit Kopftuch, die ihre vier schwarzhaarigen Kinder und einen Großeinkauf im Kartoffelporsche hinter sich herzieht, bleibt unbemerkt und unbewundert. Sie setzt sich ja auch nicht in ein angesagtes Café, um mit ihren Freundinnen Latte Macchiato zu trinken.

Die Mittelschicht träumt vom Speckgürtel

Dafür wachsen Neuköllner Kinder auch in Neukölln auf. Wer zum richtigen Zeitpunkt in Neukölln aus der U-Bahn steigt, taucht ein in eine Horde von Halbwüchsigen, die in der Schule sein sollten. Jugendliche sind in dem Teil des Prenzlauer Berges, über den wir hier sprechen, Mangelware. Auch das hat mit den Eltern zu tun. Wer im Wedding oder Neukölln lebt, tut das selten aus Überzeugung. Sondern weil es wirtschaftlich wenig andere Möglichkeiten gibt und die Großfamilie sozialer Hafen und Zwang gleichermaßen ist.

Die gebildete Mittelschicht dagegen träumt vom Haus mit Garten, fern der Häuserfluchten einer Großstadt. "Nach Pankow oder so" träumt sich daher auch Sylvie irgendwohin in den grünen Speckgürtel um Berlin. Sie hat gleich zwei Kinder auf die Welt gebracht und sich damit unter ihren Freundinnen ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Und auch sie weiß: Bei allem Augenschein ist der Kindersegen vom Prenzlauer Berg kein Phänomen. Sondern Wunschdenken.

Autorin: Melanie Wieland

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rbb | Stand: 04.04.2007
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