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Etikett vom RBB Foto: RBB

Vom Eltern sein

Abends gehört Mutti mir!

"Lass mich doch erst mal ankommen": Der Alltag als berufstätige Mutter ist nicht nur ein Kraftakt, der bewältigt sein will, sondern auch eine wackelige Gratwanderung zwischen schlechtem Gewissen – und großem Glück. Ein Erfahrungsbericht.

Während ich dies schreibe, spricht sie unaufhörlich auf mich ein. Sie ist drei, in der Rollenspielphase und ich deswegen heute Abend alles zwischen Oliver Kahn und Pippi Langstrumpfs Affe.

Wenn ihr Vater später mit kleinen Augen aus dem Kinderzimmer gestolpert kommt und sie endlich schläft, werden wir uns anschweigen. Und das wird schön sein. Stille. Ich vermute, hier liegt die Erklärung für all diese in Restaurants sich anschweigenden älteren Ehepaare. Die haben einfach vergessen wieder mit dem Reden anzufangen, als die Kinder aus dem Haus waren.

Früher beobachtete ich solches Schweigen und fragte mich: Wie kann man das Partner-Sein nur so schleifen lassen? Inzwischen ahne ich, dass man nicht einfach dahin zurückkehrt, wo und wer man war, bevor man Eltern wurde. Dafür ist der Prozess zu langwierig, ein gutes Elternteil zu werden.

Eltern werden – Eltern sein

Mütter werden mit geboren, Väter müssen erst welche werden, hat mal jemand zu mir gesagt. Diese Unterscheidung kann ich nicht bestätigen. Klar, der unbedingte Reflex, dieses Wesen zu beschützen, sich, wenn es sein müsste, vor ein Auto zu werfen, damit es unbeschadet über die Straße kommt, der war sofort da. Aber ein harmonisches Miteinander? Nein, das musste erst entstehen. Und tut das täglich. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass kindliche Liebe einfach so gegeben ist. Ist sie nicht. Sie ist das Resultat von Verhalten und gemeinsam verbrachter Zeit. Das muss man erst mal lernen.

Ein halbes Jahr nach ihrer Geburt bin ich wieder arbeiten gegangen. Die Anstellungsverhältnisse wollten es so. Mal davon abgesehen, dass wir uns ein Einzelverdiener-Leben nicht hätten leisten können, gibt mir die Arbeit Anerkennung und Unabhängigkeit. Das halte ich für einen friedensstiftenden Faktor in unserer Beziehung.

Auch Väter können Mutter sein

Ihr Vater arbeitet frei, mit einteilbarerer Zeit und übernimmt so alles, was vor meiner abendlichen Heimkehr erledigt werden muss: aus dem Kinderladen abholen, die Nachmittage auf dem Spielplatz, die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen, Pflaster auf Knie kleben, trösten. Also das, was traditionell als die Mutterrolle bezeichnet wird. Das sieht das Kind auch so und nannte zeitweise uns beide Mama.

Die Meinung, Säuglinge gehörten zu ihrer Mutter, die Väter kämen erst mit dem Fußballspielen oder Fröschefangen ins Spiel, lässt sich mit meiner Familie nicht bestätigen. Wer Halt geben, Verantwortung und Verständnis aufbringen kann, der kann Mutter sein, also auch Väter.

Einfach ist es aber nicht, nach einem Arbeitstag nach Hause zu kommen, müde, in Gedanken, geschafft. Und sofort soll man der übergroßen Freude standhalten, dass man endlich da ist, sofort soll man Lego-Schlösser bauen oder der Affe von Pippi Langstrumpf sein. Jetzt. Sofort. Alles. Auch der Partner lächelt einem erleichtert entgegen, froh nicht mehr die einzige Bezugsperson zu sein, denn er muss an den Schreibtisch.

Schlechtes Gewissen – und glücklich

Lasst mich doch erst mal ankommen. Der Satz stimmt für mich. Aber für meine Tochter minimiert er die Zeit, die wir für uns haben, bis sie ins Bett muss, empfindlich. Und für mich auch. Schlechtes Gewissen nach allen Seiten. Gegenüber dem Mann, der arbeiten wird, wenn sie im Bett ist, gegenüber dem Kind, wenn ich es zu einem seiner zahlreichen unsichtbaren Freunde sagen höre: "Lass mich doch erst mal ankommen!" Der genervte Unterton kommt mir bekannt vor. Schlechtes Gewissen gegenüber meinen Freunden, die sich nicht mehr melden, weil ich mich nicht mehr melde, gegenüber der Katze, die erwartungsfroh ein Papierbällchen anschleppt und einsam davor sitzen bleibt. Und dann wäre da noch ich, die ich ewig nicht mehr im Kino, Plattenladen, sonst wo war.

In der Nacht ruft das Kind. Es hat schlecht geträumt. Wir nehmen es mit in unser Bett, was die Katze als Aufforderung versteht und sich obendrauf legt. Die Matratze kommt mir vor wie ein Floß, das unter dem ruhigen Atmen meiner Familie durch die Nacht treibt. Es gibt viele Arten glücklich zu sein. Diese ist eine davon.

Autorin: Solveig Voigt

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rbb | Stand: 04.04.2007
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