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Eltern im Dilemma: Natürlich geht ihnen nichts über das Glück ihrer Kinder, aber sie haben auch ein eigenes Leben. Der Leipziger Kinderpsychiater Kai von Klitzing hat sich mit den Erwartungen in Eltern-Kind-Beziehungen beschäftigt.
Kai von Klitzing
Kinderpsychiater, Leiter der Leipziger Kinder- und Jugendpsychiatrie
ARD.de: Was macht Kinder glücklich? Fragt man die Kinder selbst, dann erzählen sie von guten Freunden, die zu einem halten, von Haustieren, die sie trösten, oder von Hobbys, die einfach Spaß machen. Die Eltern werden mit keinem Wort erwähnt. Haben Kinder so wenig Familiensinn?
Kai von Klitzing: Nein, im Gegenteil. Wenn Kinder so antworten, dann ist das ein großes Kompliment an ihre Eltern. Familie sollte für Kinder selbstverständlich sein und das drücken sie damit aus.
Was macht ganz grundsätzlich eine gute Mutter oder einen guten Vater eigentlich aus?In der Regel können Eltern auf die intuitive Beziehung zwischen sich und ihrem Kind vertrauen. Ein Beispiel aus dem Alltag: Säuglinge sehen in den ersten Monaten auf eine Entfernung von 20 Zentimetern am schärfsten. Auch wenn es den Eltern nicht bewusst ist, nehmen sie intuitiv Rücksicht darauf und halten das Baby im exakt richtigen Abstand, um Blickkontakt aufzunehmen.
Ich halte deshalb wenig davon, dass Eltern einen Ratgeber nach dem anderen lesen. Dadurch baut sich ein viel zu großer Druck auf, wie eine perfekte Mutter zu sein hat. Wenn das Kind dann mal anders reagiert als im Ratgeber beschrieben, fühlen sie sich gleich als Versager.
Es gibt Dinge, die nicht mehr so selbstverständlich sind. Dass Eltern gemeinsam für ihre Kinder sorgen zum Beispiel. 2005 ließen sich 200.000 Paare scheiden. Wie sehr leiden die Kinder, wenn Mama und Papa getrennte Wege gehen?
Das ist tatsächlich ein Problem. Lange Zeit hat man geglaubt, Scheidung sei besser als dauernder Streit zwischen den Eltern. Mittlerweile gibt es auch anders lautende Meinungen. Zum Beispiel eine Studie aus den USA. Dort wurden Scheidungskinder in intensiven Interviews befragt mit dem Ergebnis: Auch nach zehn Jahren haben sie die Trennung der Eltern noch nicht verarbeitet.
Vor allem die Sorge um die Eltern hinterließ Spuren. Meist bleiben die Kinder ja bei der Mutter zurück und sehen eine verzweifelte Frau, die stark mit sich beschäftigt ist, die selbst erst die Trennung verarbeiten muss oder sich wieder nach einer neuen Beziehung sehnt. Viele Kinder schlüpfen dann verfrüht in die Erwachsenen-Rolle. Dies kann zwar das Verantwortungsgefühl des Kindes stärken, ist aber in jedem Fall auch sehr belastend. Viele Kinder sind in einer solchen Situation überfordert.
Gibt es überhaupt einen kinderfreundlichen Weg sich zu trennen?
Nun, das Aufwachsen eines Kindes ist eine Abfolge von Krisensituationen, die man am besten zu zweit bewältigt. Ich bin anders als viele Bindungstheoretiker nicht der Meinung, dass ein Elternteil reicht, sondern glaube an das System Mutter und Vater. Sicher, in manchen Situationen gibt es für Eltern keine Alternativen mehr zur Trennung. Ich plädiere dann aber dafür, dass Kinder weiterhin engen Kontakt zu beiden Elternteilen halten können. Im Idealfall sehen die Eltern das auch ein und finden eine Lösung zum Wohle der Kinder. Sie stellen also die eigenen Gefühle zurück. Für die Mutter kann der Ex-Mann ja ein Idiot sein, für die Kinder ist er trotzdem wichtig.
Kann auch ein neuer Lebenspartner der Mutter die Vaterrolle einnehmen. Sprich: Ist die Patchwork-Familie eine Lösung für die familiäre Krise?
Evolutionsgeschichtlich betrachtet ist das Prinzip der Stiefväter ein Risiko. In der Tierwelt ist es ja oft so, dass ein neuer Partner der Mutter zuerst die Nachkommen seines Vorgängers tötet. Sicher, wir sind Menschen. Trotzdem tauchen Stiefväter überproportional häufig in der Misshandlungsstatistik auf. Man darf sich das auch nicht so leicht vorstellen. Stiefeltern müssen lernen, ein fremdes Kind zu akzeptieren und mit ihm umzugehen. Man darf pädagogisch nicht den Macker heraushängen lassen, weil man ja nicht der echte Papa ist.
Auf der anderen Seite versuchen auch die Kinder, ihre Stiefeltern rauszuekeln und machen es dem neuen Partner oder der Partnerin ihrer Eltern extrem schwer.
Wie kann ich als Mutter oder Vater solche Konflikte klein halten?
Ich habe immer ein ungutes Gefühl, wenn Mütter ihren Kindern sagen, das sei jetzt ihr neuer Papa. Besser man sagt, das ist ein netter Kerl und vielleicht wirst du ihn auch mögen, deinen Vater aber wird er nicht ersetzen. Das ist ehrlicher. Wir haben hier Fälle, da haben Kinder schon den fünften Stiefvater.
Und zum Schluss, wie erziehe ich meine Kinder zu einem glücklichen Menschen?
Grenzen setzen und Halt geben. Ich halte wenig von anti-autoritärer Erziehung. Die Erfahrung zeigt, dass solche Kinder oft ängstlich sind. Hat ein Kind dagegen ein Schema aus Möglichkeiten und Grenzen im Kopf, gibt ihm das auch Sicherheit.
Das Interview führte Birgit Behringer.






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