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Interview

"Bilinguales Lernen fällt nicht vom Himmel"

Die EU will, dass ihre Bürger eine Muttersprache und zwei weitere Fremdsprachen beherrschen. Ist eine solche Dreisprachigkeit nur Wunschdenken oder tatsächlich möglich? Ein Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg.

ARD.de: In  Hamburg gibt es etwa 950 Betreuungseinrichtungen für Kinder unter sechs Jahren, davon etwa 30 bilinguale Kitas. Warum sind nicht alle Kitas bilingual?
Prof. Dr. Ingrid Gogolin: Das liegt ganz schlicht an den Möglichkeiten, die man in Bezug auf Personal und entsprechende Ausstattung besitzt. Bilinguales Lernen fällt ja nicht vom Himmel. Das muss methodisch so angeleitet sein, dass es auf die jeweilige Erwerbsfähigkeit der Kinder passt. Die ErzieherInnen, die da tätig sind, müssen wissen, wie man mit diesen sich verändernden Spracherwerbsbedingungen am besten umgeht, und das gibt die Ausbildung bislang nicht her. Sie müssten bei den KindergärtnerInnen auch mit einer entsprechenden Sprachkompetenz in den anderen Sprachen rechnen, die in der Regel nicht gegeben ist.

Wo fehlt es denn insgesamt am meisten?
Insgesamt fehlt es in unserem Bildungssystem an einer Tradition der Zwei- und Mehrsprachigkeitserziehung. Unser Bildungssystem ist darauf gerichtet, dass sich alles einsprachig abspielt. Dementsprechend ist sowohl die ErzieherInnenausbildung als auch die LehrerInnenausbildung gestaltet – aus der Vorstellung heraus, dass ein Mensch normalerweise einsprachig ist und gar nicht in zwei Sprachen lebt.

Was wird für die EU-Forderung nach Mehrsprachigkeit getan?
Es gibt kleine Anfänge und Experimente in dieser Hinsicht. Wir selber haben ein Experiment im Schulbereich begleitet, mit den Hamburger bilingualen Klassen - ein Schulversuch in vier Sprachen. In Köln begleitet ein Kollege von mir einen Versuch mit bilingualer Kindergartenerziehung – das sind nur einige Beispiele, es gibt also Anfänge.

Sind die Kinder, die zweisprachige Kitas besuchen, den anderen Kindern eine Nasenlänge voraus?
Sie wären es, wenn dieser kleine Vorsprung systematisch weiter im Bildungsprozess ausgebaut würde. Im Moment ist leider zu befürchten, dass die aufnehmende Bildungseinrichtung, also die Grundschule, eigentlich nicht an dem anknüpft, was in der Kita schon geleistet worden ist. Üblicherweise sind die Zuständigkeiten andere, die Träger sind andere, und die Kooperation zwischen den vorschulischen Einrichtungen und den Schulen gehört überhaupt nicht zur Tradition bei uns in Deutschland.

Man müsste erst einmal Ansätze etablieren, wie man diese gesamte Phase von früher Kindheit bis zum Ende der ersten Entwicklung  - bis zur Pubertät - in ein Konzept gießt, an dem sich die jeweiligen Bildungseinrichtungen auf ihre Weise beteiligen.

Wie könnte man bewirken, dass alle an einem Strang ziehen?
Inzwischen ist es soweit, dass viele Verantwortliche das Problem erkannt haben. Wir haben auch in Hamburg erste Ansätze, Stichwort: "Haus der Bildung", wo Bildung eigentlich eher regional und ganzheitlich gedacht ist, so dass die Bildungsbiografie der Kinder im Mittelpunkt steht und nicht die Gestalt der Institutionen. Das sind wichtige Ansätze, die man allerdings vertiefen muss und bei denen man dafür sorgen muss, dass sich auch die Ausbildung und die Fortbildung des Personals auf diese neuen Ansätze richtet.

Was passiert mit den Sprachkenntnissen der Kinder, die im besten Falle zweisprachig in eine einsprachige Grundschule kommen?
Eines ist bei erworbenen Sprachkenntnissen eine ganz glückliche Geschichte: wirklich verloren gehen die in der Regel nicht. Aber wenn sie nicht gepflegt werden, sacken sie ab. Es wird nicht dazu kommen, dass man irgendwann einmal von Null anfängt, aber sie können sich auch nicht weiterentwickeln, wenn man keine Kontinuität in den Bildungsprozess hineinbringt.

Welches Alter ist denn zum Erlernen einer Zweitsprache angebracht?
Zum Sprachenlernen ist jedes Alter angebracht. Es gibt sicherlich Hinweise darauf, dass kleine Kinder besonders aufgeschlossen für sprachliches Lernen sind. Kinder bis ungefähr zum dritten, vierten Lebensjahr erlernen Sprache vor allem intuitiv. Danach werden die Sprachaneignungsprozesse immer mehr von kognitiven Prozessen gesteuert, durch Nachdenken, Regelwissen und so weiter.

Wenn man die frühe Phase gut nutzt, dann gibt es eine Chance, dass Kinder sich eine Sprache aneignen als wäre es ihre erste Sprache - oder anders gesagt: als wären zwei Sprachen ihre erste Muttersprache. Wenn ein Sprachenlernen im späteren Alter ansetzt, kann im Grunde genommen das gleiche Ergebnis erzielt werden – aber es müssen die anders gewordenen Sprachaneignungsbedingungen berücksichtigt werden.

Lernen Kinder später Sprache unter gewissen Zwängen, weil dieses Lernen im Sprachunterricht stattfindet und nicht in einer spielerischen Situation?
Es ein weit verbreiteter Mythos, dass man unter schulischen Rahmenbedingungen nicht gerne lernt. Das ist, glaube ich, ein ziemlicher Unsinn. Wenn etwas im Unterricht gelernt wird, dann heißt es doch nicht automatisch, dass es nicht gerne gelernt wird. Auch den Unterricht kann man so gestalten, dass man sich wohlfühlt und dass man das, was man da erfährt, mit Neugierde und mit Offenheit wahrnimmt.

Wie wäre Ihr Idealkonzept für das frühe Fremdsprachenlernen an sich?
Ich finde, man sollte beim Fremdsprachenlernen die gesamte Bildungsbiografie eines Menschen ansehen und überlegen, welches sprachliche Lernen an welchem Punkt besonders geeignet ist. Wenn Kinder, wie bei uns in der Großstadt zu etwa 30 bis 40 Prozent, aufgrund eines Migrationshintergrundes zweisprachig aufwachsen, dann sollte man ab dem ersten Lebenstag die Zeit nutzen und die Zweisprachigkeit fördern.

Wenn man das nicht systematisch entwickelt, verschenkt man jede Menge Potenzial. Denn letzten Endes wird Zweisprachigkeit auf die Dauer den Kindern nur nützen, wenn sie beide Sprachen so gut wie möglich können.

Wie sieht es bei einsprachigen Kindern aus?
Diese können sehr von den Einrichtungen profitieren, in denen Kinder mit vielen verschiedenen Sprachen sind. Hier können sie vieles über die Funktionsweise von Mehrsprachigkeit sowie sprachliches Lernen generell lernen. Die Frage ist, ob man sie mit dem Lernen von zwei Sprachen konfrontiert. Ich würde das im Kindergarten oder in Kindertagesstätten durchaus tun.

Wenn in einer Einrichtung viele Kinder sind, die Griechisch, Türkisch und Russisch als Hintergrund haben, dann sollte man die Chancen, die darin stecken, nutzen – schließlich stehen ihnen dann lebendige Gesprächspartner zur Verfügung.

Werden Kinder in 20 Jahren völlig selbstverständlich Deutsch, Englisch und vielleicht Türkisch sprechen?
Das würde ich glauben, ja. So wie zum Beispiel Kinder in Grenzregionen immer schon die Sprachen auf beiden Seiten der Grenze im Ohr hatten, wenn sie sich auch nicht unbedingt umfassend verständigen konnten. Die Grenzen, die es zwischen Sprachen gibt, sind heute fließender geworden. In Hamburg werden über 150 Sprachen gesprochen. Die kann man nicht mehr von sich fernhalten. Und wenn man sich auf gelassene Weise damit abfindet, dass Mehrsprachigkeit der Normalfall ist, dann kann man auch fremde Sprachen leichter lernen.

Trägt die Wirtschaft dazu bei, die Mehrsprachigkeit zu unterstützen? Sie braucht doch mehrsprachige Arbeitnehmer, die problemlos in anderen Ländern einsetzbar sind.
Viele große Firmen haben Programme wie Diversity Management oder Interkulturelles Management. In den internationalen Konzernen ist allmählich erkannt worden, dass zwar Englisch die internationale Verständigungssprache ist, aber auf der anderen Seite die lokalen anderen Sprachen, die die Menschen sprechen, ebenso notwendig sind, damit sie ihre Produkte an den Mann bringen können.

Firmen, wie zum Beispiel Ford in Köln, haben versucht, Sprachkompetenzen, die unter ihren Mitarbeitern vorhanden sind – Türkisch, Griechisch, Spanisch etc. -  systematisch auszubauen und für den Gebrauch in der Firma auch zu nutzen. Die Firmen sind so an manchen Stellen ein Stückchen weiter, als wir das im Bildungssystem heute sind.

Das Interview führte Patricia Batlle.

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ndr | Stand: 04.04.2007
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