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Kind oder Karriere?

"Rabenmutter" contra "Heimchen am Herd"

Kinder sind unsere Zukunft, doch Europas Bevölkerung schrumpft. Immer mehr Frauen verzichten auf Nachwuchs, wenn sie beruflich voran kommen wollen. "No future" für Europas Nachwuchs?

Noch nicht lange und Frauen haben das Wahlrecht, dürfen gar studieren. Alle Wege stehen ihnen offen. Rechtsanwältin, Ärztin, gar Managerin können sie werden. Wenn sie sich denn ordentlich anstrengen und was leisten – oft mehr anstrengen und mehr leisten als ihre männlichen Kollegen. Haben sie dann fleißig studiert und einen Beruf erworben, zeigt sich, dass die Gleichberechtigung doch noch in den Kinderschuhen steckt. Die Männer ziehen karrieremäßig an ihnen vorbei. Und entscheiden sie sich dann auch noch für ein Kind, hätten sie sich das Studium gleich ganz sparen können. Die Karrierechancen sinken rapide.

Denn mit 30 Jahren geht hierzulande die Schere zwischen den Geschlechtern auseinander. Haben Frauen und Männer bis dahin gemeinsam studiert, gemeinsam den Einstieg in den Beruf geschafft, zeigt die Statistik bei den Frauen ab 30 Jahren einen Knick: Während Männer in der Unternehmens- und Einkommenshierarchie nach oben klettern, bleiben die Frauen stecken oder fallen gleich ganz von der Karriereleiter. Bis auf den Chefsessel schaffen es gerade einmal zehn Prozent.

Ganz oder gar nicht

Ein frustrierendes Fazit. Und wollen Frauen dann trotz dieser Hürden Karriere machen, müssen sie alles dran setzen. Von Privatleben keine Spur. Von Kindern ganz zu schweigen. In Deutschland muss sie sich häufig entscheiden: Kind oder Karriere. Und nicht: Kind und Karriere. Ganz oder gar nicht. Den Luxus der Elternzeit können sich viele berufstätige Frauen nicht leisten. Sucht eine Frau heute beruflichen Erfolg, entscheidet sie sich oft bewusst gegen Kinder. Und fasst sie den Entschluss - wider aller beruflichen Einbußen - doch Kinder zu bekommen, sind es im Schnitt gleich zwei. Dafür bleibt sie im Durchschnitt zweieinhalb Jahre zu Hause und verpasst damit völlig den Anschluss an die Karriere.

Es geht auch anders

Gerade in den Ländern Europas, in denen es selbstverständlich ist, dass Mütter berufstätig sind - wie in Frankreich oder in Skandinavien - ist die Geburtenrate am höchsten. Und dort, wo wenige Mütter auf dem Arbeitsmarkt sind oder Teilzeit arbeiten - wie etwa in Spanien oder Italien - ist die Geburtenrate am niedrigsten. Zu diesen Ländern gehört auch Deutschland. In fast keinem Land Europas verzichten mehr Frauen auf Kinder. Studierte Frauen bekommen doppelt so häufig keine Kinder wie Frauen mit Hauptschulabschluss. Viele Akademikerinnen bleiben heute in Deutschland kinderlos. Und der Grund liegt häufig nicht darin, dass der richtige Mann fehlt – wie böse Zungen unken mögen. Vielmehr stehen viele Frauen mit beiden Beinen im Berufsleben und wollen nach langen Jahren des Studiums auch Erfolg haben. Für ein Kind fehlt da zwangsläufig die Zeit.

Dilemma Kinderbetreuung

In Deutschland fehlt die Ganztagsbetreuung: Nur für 8,5 Prozent der Kinder unter drei Jahren und für 14,3 Prozent der Schulkinder steht ein Krippen- oder Hortplatz zur Verfügung. Das bedeutet wiederum, dass Frauen ihre Laufbahn nach einer Geburt unterbrechen. Dann haben sie im Berufsleben häufig kaum noch Chancen, richtig durchzustarten. Geht es um Geburtenraten und Kinderbetreuung, so hat Europa zwei Vorzeigeländer: Frankreich und Schweden. 

Frankreich: Kind als Staatsangelegenheit

Französinnen werden öfter Mutter als viele andere Europäerinnen. Frankreich hat eine der höchsten Geburtenraten Europas. Dort bedeutet ein Kind nicht das Ende der Karriere für die Frau. Über 70 Prozent aller französischen Mütter mit Kindern unter 6 Jahren arbeiten.

Kinder sind bei unseren Nachbarn schon seit der Mitte des 20. Jahrhunderts keine Privatsache mehr. Sie sind vielmehr eine staatliche Investition in die Zukunft. Dass Frankreich europaweit mit 30 Prozent die meisten Frauen in Führungspositionen hat, liegt unter anderem an einem ausgefeilten Betreuungssystem. Bereits ab dem zweiten Lebensmonat nehmen Kinderkrippen den Nachwuchs auf. Aber auch Tagesmütter sind in Frankreich kein Luxus, sondern für die meisten Familien erschwinglich – durch staatliche Unterstützung. Ab dem zweiten Lebensjahr besuchen mehr als zwei Drittel der französischen Kinder eine ganztägige "Ecole Maternelle", für die es eine Art Lehrplan mit konkreten Lern- und Leistungszielen gibt und die die Kleinen zu Staatsbürgern erziehen soll.

Von Mutterschutzgeld über die Kleinkindprämie bis zur Schulkindunterstützung gibt es etliche finanzielle Beihilfen. Diese werden allerdings einkommensabhängig ausgezahlt und spielen bei Akademikerinnen kaum eine Rolle. Für sie sind die indirekten Erleichterungen interessanter: Kosten für private Vollzeitbetreuung können zur Hälfte, Zahlungen an Kindergärten zu 25 Prozent bei Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen geltend gemacht werden.

Schweden - Gleichberechtigung für Mann und Frau

In Schweden geht der Ansatz von der seit den 70er Jahren üblichen Gleichbehandlung von Männern und Frauen im Job aus: Kinderbetreuung ist hier als Aufgabe beider Partner anerkannt, die mehrmonatige Elternzeit wird nicht zum Karrierehindernis. Die Regelungen sind großzügig: Bis zu 480 Tage nach der Geburt können Paare Elternzeit beantragen. 60 Tage davon sind der Frau, 60 Tage dem Mann vorbehalten (bald jeweils fünf Monate). Vor allem der Mann wird in die Pflicht genommen: Tritt er zu seiner Elternzeit nicht an, verfällt sie.

Wer nach der Elternzeit die Hauptlast der Betreuung trägt, erhält staatliche Unterstützung in Höhe von 80 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Kehren beide Partner an ihre Arbeitsplätze zurück, übernehmen die Kommunen die Betreuung: Jeder Erwerbstätige mit Kindern zwischen ein und sechs Jahren hat gesetzlichen Anspruch auf eine Vorschultagesstätte zum Einheitspreis von monatlich 130 Euro. Einige sind inzwischen sogar nachts geöffnet, um den Eltern Schichtdienst oder Dienstreisen zu ermöglichen. Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren werden in Ganztagsschulen und Freizeitzentren betreut.

"Rabenmütter" contra "Heimchen am Herd"

Aber nicht nur die Betreuungs- und Finanzsituation ist bei unseren Nachbarn deutlich besser, sondern auch das Image der berufstätigen Mutter. Niemand würde dort auf die Idee kommen, eine arbeitende Mutter als "Rabenmutter" zu beschimpfen. "Warum kriegt die dann erst Kinder, wenn sie sich nicht kümmern will? Nur die eigenen Interessen im Kopf! Weibliche Selbstverwirklichung – die soll zurück an den Herd ..." Häufig daher gesagte Plattitüden von Menschen, die oft eines vergessen: Im Rückblick der Geschichte war es nur eine kurze Ausnahmephase, in der Frauen ausschließlich Mütter waren - es waren die 1950er und 1960er Jahre.

Früher, als es noch selbstverständlich war, Kinder zu bekommen, wäre niemand auf die Idee gekommen, von den Frauen zu verlangen, sich den ganzen Tag um ihre Kinder zu kümmern. Die Frauen hätten auch gar keine Zeit dafür gehabt, sie hatten auf dem Bauernhof zu tun oder arbeiteten im Geschäft ihres Mannes mit. Die Kinder wurden von Verwandten, Nachbarn oder älteren Geschwistern betreut. In wohlhabenden Familien war es üblich, neben der Haushälterin ein Kindermädchen zu beschäftigen. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg waren Frauen zu keiner Zeit und in keiner gesellschaftlichen Schicht den ganzen Tag allein mit ihren Kindern beschäftigt. Warum sollte es also heute nicht wieder möglich sein, Muttersein und Beruf zu vereinbaren? Zwar fehlt die Großfamilie, die die Kinderbetreuung übernimmt, dafür aber sollte der Staat sich etwas einfallen lassen. Es geht ja - wie Frankreich und Schweden beweisen.

Bestausgebildete Frauengeneration

Für viele Frauen ist es frustrierend, nicht beide Aspekte – Muttersein und Berufstätigkeit – verbinden zu können. Aber dieses Dilemma hat nicht nur Auswirkungen auf die einzelne Frau, sondern auch auf den Standort Deutschland. Der demografische Wandel führt nach Ansicht von Ökonomen dazu, dass gut ausgebildete Mitarbeiter ab 2010 Mangelware werden. Unternehmen können es sich bald nicht mehr leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Und es handelt sich um die Generation der am besten ausgebildeten Frauen aller Zeiten.

Autorinnen: Mirjam Piniek / Marlene Riederer

  • Kommentare
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Gabriele Andre | 22.04.2007 | 22.35 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, nachdem ich Ihren Beitrag "Mama sind wir arm" gesehen habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, niemanden zu raten in Deutschland noch Kinder zu bekommen. Wie es Kindern gehen kann, haben wir in ihrem Bericht ja gesehen und das wünsche ich nicht noch mehr Kindern.
Stegmaier Claudia | 22.04.2007 | 10.35 Uhr
Kinder sollten nicht als Last und Karrierehindernis betrachtet werden, sondern als Bereicherung und Geschenk. Frauen sollten die Möglichkeit haben, die ersten Jahre ohne schlechtes Gewissen daheim zu bleiben und danach wieder in eine Berufstätigkeit einzusteigen. Daran hängt es nämlich. Entscheide ich mich, zunächst daheim zu bleiben, bin ich draußen. Jugendlichen wird heute von klein an eingeredet, dass nur eine berufstätige Frau ein vollwertiger Mensch ist. Hausfrau? Prähistorisch. Der Wert guter Erziehungsarbeit daheim muss allgemein höher anerkannt werden, damit mehr junge Frauen den Mut haben, sich dafür zu entscheiden.
Henriette | 22.04.2007 | 01.52 Uhr
Vielleicht sollten wir mit den kinderlosen Feministinnen mal ins Gericht gehen. Ich als 4-fache Mutter und daher unbrauchbar für den Arbeitsmarkt habe keine Lust als Heimchen am Herd tituliert zu werden. Frauen brauchen finanzielle Sicherheit, da ein Mann in der Regel eine Familie nicht mehr ernähren kann, muß der Staat Sozialabgaben und Steuern nach der Personenanzahl in den Familien erheben. Das macht automatisch Frauen auf dem Arbeitsmarkt billiger und sie können sich eine Familienpause wieder leisten. Kinderlose und Staat müssen dies finanzieren, schließlich sind sie die größten Nutznieser unserer Kinder.

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br | Stand: 04.04.2007
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