Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

Aus dem Archiv von ARD.de

http://www.ard.de/-/id=571668/1e5szr/index.html

Etikett von ARD.de Foto: ARD.de

Kinderlose Akademikerinnen

Akademikerin = erfolgreich = kinderlos

Immer mehr Akademikerinnen bekommen immer weniger Kinder. Heißt es wenigstens. So genau weiß das aber niemand. Doch was bedeutet das eigentlich? Stirbt am Ende die Intelligenz aus? Passen gute Ausbildung und Kinder einfach nicht zusammen?

Alice Schwarzer, Angela Merkel, Sabine Christiansen Foto: Picture Alliance/dps

Akademikerin, erfolgreich, kinderlos: Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Moderatorin Sabine Christiansen

Glaubt man konservativen Boulevard-Medien, sind erfolgreiche Frauen eine neue Art asozialer Menschen: "Deutschlands Superfrauen – ohne Kinder mehr Erfolg?", titelte die Bild-Zeitung 2006 und stellte bekannte Medienfrauen wie Sabine Christiansen und Sandra Maischberger jeweils mit Altersangabe zwischen 35 und 49 Jahren an den Pranger. Sandra Maischberger ist mittlerweile Mutter. Und sie gehört in die Gruppe der Frauen, um die sich Deutschland Sorgen machen muss, sollte, könnte. Oder auch nicht.

Dramatische Zahlen oder das Drama der Zahlen?

Die Zahlen klingen dramatisch: 30 eventuell gar 40 Prozent der Akademikerinnen und damit potenziell beruflich erfolgreichen Frauen bleiben kinderlos. Heißt es. Denn genau weiß das niemand: "Wir haben einfach die Daten nicht, um solche Aussagen treffen zu können", sagt Michaela Kreyenfeld, Forscherin am Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Studien in Rostock. "Der Prozentsatz der kinderlosen Akademikerinnen liegt höher als bei anderen Frauen, ob aber dramatisch höher, ist zu bezweifeln."

Das Problem mit den Zahlen liegt bei der Politik. Im so genannten Mikrozensus fehlt die entscheidende Kinderfrage. Beispielsweise wird nicht gefragt, ob eine Frau jemals Kinder hatte, sondern nur, ob ein Kind zum Zeitpunkt der Befragung im Haushalt lebt. Sämtliche Internatsschüler, bereits ausgezogene Kinder oder auch verstorbene Kinder fallen so durch das Frageraster.

Bei früheren Analysen war auch das Alter der befragten Frauen problematisch: Es endete bei 39 Jahren oder sogar früher. Sandra Maischberger, die mit 40 Jahren ihr erstes Kind bekommen hat, wäre demnach kinderlos geblieben. Auch wurden früher nur die Frauen mit Universitätsabschluss erfasst, die tatsächlich mit weit über 30 Prozent kinderlos bleiben. Die Frauen mit Fachhochschulabschluss bleiben aber deutlich weniger kinderlos, fielen aber durchs Raster, weil sie keinen Universitätsabschluss haben. Da das statistische Bundesamt an gesetzliche Vorschriften gebunden ist, werden entscheidende Fragen auch bis zum Jahr 2012 nicht gefragt werden, dann steht eine Erneuerung des Gesetzes an.

Ursula von der Leyen, Regine Stachelhaus, Margot Käßmann Foto: Picture Alliance/dpa

Erfolgreiche Mütter: Familienministerin Ursula von der Leyen, die Managerin des Jahres 2005 Regine Stachelhaus und Bischöfin Margot Käßmann

Gründe gegen Kinder

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat versucht, aus den eigentlich unzureichenden Daten tatsächliche Zahlen rückzuschließen. Danach bekommen weit weniger als 30 Prozent der Akademikerinnen keine Kinder, sofern man alle akademischen Abschlüsse zusammen betrachtet. Ein weiteres Ergebnis: Der Anteil der Kinderlosen ist in dieser Gruppe schon seit Jahrzehnten höher als bei anderen Frauen.

Die Kernfrage lautet deshalb: Warum steht eine bessere Ausbildung einem Kinderwunsch entgegen? "Mit der Bildung ändern sich die Werte", sagt Michaela Kreyenfeld. "Der Wunsch nach ökonomischer Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung, aber auch die Instabilität der Paarbeziehungen nehmen zu."

Der Zukunftsforscher Eike Wenzel erklärt die zunehmende Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen mit der Arbeitswirklichkeit: "Früher gab es Vereinbarkeitsberufe, die eine akademische Ausbildung und Kinder ermöglichten, beispielsweise die Lehrerin. Heute drängen Frauen mit Macht in alle Berufsfelder vor, die früher männlich besetzt waren, also technische und naturwissenschaftliche Berufe." Heute wollten Frauen die alte Rollenzuweisung, ein bisschen Arbeit ja, aber ansonsten Kinder, nicht mehr nachvollziehen. Und es gibt noch viel für Frauen zu erreichen: "Nur sieben Prozent der Professoren sind Frauen, das wird sich in Zukunft ändern."

Hausmänner - Fehlanzeige

Eike Wenzel sieht in diesem Zusammenhang auch die Position der Männer kritisch: "Die Einkommenssituation der Männer ist immer problematischer. Die typische Karriere bis zur Rente gibt es nicht mehr. Die Unsicherheit am Arbeitsmarkt erschwert auch die ökonomische Planung einer Familie."

Und der Hausmann, der trotz Diplom, Magister oder sonstigem akademischen Abschluss zu Hause bleibt, um den Nachwuchs gedeihen zu lassen, den gibt es nicht, zumindest statistisch gesehen, ist er im Gegensatz zu den kinderlosen Akademikerinnen bislang nicht existent.

Welche Folgen aber hat die zunehmende Kinderlosigkeit der Akademikerinnen? Stirbt am Ende die Intelligenz aus? "Intelligenz hat sicher mit dem genetischen Einfluss zu tun", glaubt Susanne Seyda vom Institut für Wirtschaft in Köln. "Aber es sind viele Faktoren, die über die Fähigkeiten der Kinder entscheiden, dazu gehören ganz wesentlich die frühkindliche Förderung und die weitere Betreuung während der Schulzeit." Der Schluss aus dieser Analyse liegt in der Bildungspolitik. Sollten die Kinder in akademischen Haushalten tatsächlich knapp werden, müssen andere Kinder eben mehr gefördert werden.

Gesellschaft im Umbruch

"Gesellschaften sind immer im Umbruch und dass man es von unten nach ganz oben schaffen kann, sieht man am Altkanzler Gerhard Schröder und auch am Bundespräsidenten Horst Köhler, beide entstammen sehr einfachen Familien", sagt Eike Wenzel.

Ist das Problem der kinderlosen Akademikerinnen also nur eine Kopfgeburt, eine politische Debatte ohne Wert? "Ganz sicher ist hier zu viel dramatisiert worden", sagt Michaela Kreyenfeld, "trotzdem bleibt das Problem, dass zu wenige Kinder geboren werden."

Das DIW empfiehlt die gezielte Unterstützung breiter Bevölkerungsgruppen, schlicht aus Gründen ihrer quantitativen Bedeutung, denn "ohne sie sind keine nennenswerten Erfolge bei der Reduktion der Kinderlosigkeit zu erzielen." Das Elterngeld kann bei niedrigen und mittleren Einkommen ein guter Hebel sein, um Eltern zu unterstützen. Bei Gutverdienern allerdings bedeutet es eher einen Einkommensverlust. Akademikerinnen, die ökonomisch unabhängig bleiben wollen und sich gegen ein Kind entscheiden, werden also trotz Elterngeld weiter kinderlos bleiben, glauben die Experten des DIW.

Die DIW-Forscher kommen zum Ergebnis, dass nur "eine Kombination aus monetärer Zuweisung, außerhäuslicher Betreuung sowie die Berücksichtigung von Frauenerwerbstätigkeit als gesellschaftliche Normalität und eine Politik, die sehr viel systematischer als die deutsche auf eine Geschlechtergleichstellung ausgerichtet ist", die Entscheidung für ein Kind verbessern wird. Die skandinavischen Länder bieten diese Kombination schon seit Jahren an. Das Ergebnis: Eine deutlich geringere Kinderlosigkeit als in Deutschland, vor allem auch bei den Akademikerinnen.

Autor: Hardy Prothmann

  • Kommentare
    Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zum Thema geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet. Alle Kommentare finden Sie nachfolgend zum Nachlesen.
Michael Baleanu | 19.04.2007 | 21.25 Uhr
Der Satz sagt wirklich alles, Frau (?) Metzger: dass nämlich "statistisch gesehen" die Kinder, also spätere Unternehmer, Akademiker, Vorstände und Politiker fast ausschließlich von ihren Müttern erzogen wurden. In Norwegen wird eine wichtige Besprechung unterbrochen, wenn ein Vater um 14:00 seine Kinder aus dem Kindergarten abholen muss; und wird am nächsten Morgen weitergeführt. Hierzulande haben es die Feministinnen seit über 40 Jahren und trotz Milliarden an Gleichstellungsgeldern noch immer nicht geschafft, die Versorgungsmentalität ihrer Geschlechtsgenossinnen und ihre eigene sexuelle Selbstbestimmung in den Griff zu kriegen.
U. Metzger | 18.04.2007 | 16.44 Uhr
"Und der Hausmann, der trotz Diplom, Magister oder sonstigem akademischen Abschluss zu Hause bleibt, um den Nachwuchs gedeihen zu lassen, den gibt es nicht, zumindest statistisch gesehen, ist er im Gegensatz zu den kinderlosen Akademikerinnen bislang nicht existent." Der Satz sagt doch alles.
Dörte Spiegelmann | 18.04.2007 | 16.24 Uhr
Jeder interpretiert also die Zahlen, wie man es gerade braucht. Anstatt wirkliche Angebote zu machen, die uns Frauen Kinder und Arbeit ermöglichen, setzt sich die Lobby der Männer bis heute durch.

Weitere Informationen zum Thema:


Zukunft Video (groß) Frau am Telefon Foto: HR

Kinderlose Karrierefrauen

Viele erfolgreiche Frauen entscheiden sich gegen Nachwuchs und für die berufliche Verwirklichung. Über den Konflikt zwischen Beruf und Familienplanung. [mehr]

Zukunft Video (groß) Frau befüllt Waschmaschine Foto: SWR

Karriereknick Kind

Viele Akademikerinnen bleiben kinderlos, weil sie fürchten, Familie und Beruf nicht vereinbaren zu können. Eine nicht unberechtigte Sorge. [mehr]

Suche in der ARD


ard.de | Stand: 13.04.2007
Die ARD ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
 Standort:
© SWR 2007

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW