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Etikett vom ndr Foto: NDR

Mehrsprachigkeit

"Ohne Englisch kommt man nicht weiter"

Es gibt wenige, aber es gibt sie: zweisprachige Kitas und Kindergärten. Viele Eltern hoffen, dass ihre Kinder dort quasi nebenbei eine Fremdsprache lernen und später bessere Jobchancen haben. Eine Stichprobe aus Hamburg.

Deutsch-englischer Kindergarten in Berlin Foto: Picture Alliiance/dpa

Kinder fürs Ausland wappnen: Durch bilinguale Kindergärten

"Wir wissen, dass jedes dritte Kind in Deutschland einen Migrationshintergrund hat", sagt Familienministerin Ursula von der Leyen. Damit ist jedes dritte Kind in der Bundesrepublik von Haus aus mit mehreren Sprachen konfrontiert. Der Mehrteil der anderen beiden Drittel lernt bis auf den späteren Fremdsprachenunterricht nur Deutsch. Einige Eltern jedoch wollen, dass ihre Kinder schon im Kindergartenalter mit anderen Fremdsprachen aufwachsen. Sie schicken ihre Kleinen daher in bilinguale Kitas und Kindergärten, um sie für die Zukunft zu rüsten.

"Der Markt ist heute so international, ohne Englisch kommt man gar nicht mehr weiter", sagt die Hamburgerin Brigitte Lohr. Sie bringt ihren zweieinhalbjährigen Sohn Nikolas allerdings in die spanisch-deutsche Kita "Cocorí", denn: "Ich glaube, dass auch Spanisch eine sehr stark vertretene Sprache ist und hoffe, dass Nikolas damit etwas anfangen kann". Auch der eineinhalbjährige Fredrik Runge geht in Nikolas' Gruppe. Die zwei Sprachen ergaben sich zufällig. Doch nach nur wenigen Monaten empfindet die Controllerin Dagmar Runge die bilinguale Situation als "unheimliche Bereicherung". Das Spanische könne Fredrik später vielfältig einsetzen: "Für den kompletten Lebensweg - sei es für den Beruf, oder auch als Anreiz, um später ins Ausland zu gehen."

Die Kinder fürs Ausland rüsten

Auch die Juristin Nina Willenbrock hat ihre Kinder Henrike (4) und Hannes (6) in einer deutsch-englischen Kita untergebracht und könnte sich vorstellen, "dass die Kinder später mit den erworbenen Sprachkenntnisse für ein Jahr ins Ausland gehen". Hannes' und Henrikes Einrichtung gehört zum Verein "Kinderwelt Hamburg", von dem bereits zwölf der eigenen Kitas seit 2004 auf das Spracherwerbsprinzip umgestellt haben, was Wissenschaftler als "Immersion" bezeichnen. Das bedeutet, dass die Kleinen zusätzlich zum Deutschen in einer zweiten Sprache regelrecht "baden".

Kinder einer deutsch-italienischen Grundschule in Hamburg Foto: Picture Alliiance/dpa

Vielsprachigkeit - ein Zugang zur globalisierten Welt

Die Immersion gilt als erfolgreichstes pädagogisches Mittel der Sprachvermittlung. Sie hat drei Prinzipien, wie Angela Löffler, Leiterin des Internationalen Kindergartens von "Kinderwelt Hamburg" erklärt: "Es heißt: eine Person, eine Sprache. Es wird also konsequent durchgehalten, wer gegenüber den Kindern Englisch, und wer Deutsch spricht." Weiter müsste die Fremdsprache im Alltag und in allen Situationen benutzt werden, egal, "ob die Erzieherin das Kind wickelt, begrüßt oder ihm ein Buch vorliest". Die Pädagogen müssten sehr gute Kenntnisse über den Spracherwerb haben. Nur so könnten sie sich auf die "sprachliche Augenhöhe" der Kinder begeben.

Sich anderen Kulturen öffnen

Die Vorteile, so früh mit der zweiten Sprache zu beginnen, liegen auf der Hand. Wenn Nikolas schon Spanisch aus der Kita mitbringt, kann er diese in der Grundschule vertiefen und in der fünften Klasse mit einer dritten Sprache anfangen, zum Beispiel Englisch. Zudem lernen schon die Kleinsten, dass andere Sprachen zu erwerben und zu sprechen uns ermutigt, "uns anderen Kulturen und Ansichten zu öffnen", wie es im "Aktionsplan der EU zum Sprachenlernen und –fördern" heißt.

Ein mehrsprachiger Bürger kann später nicht nur besser "das Recht nutzen, in einem anderen Mitgliedsstaat zu arbeiten oder zu studieren", heißt es dort weiter. Vielmehr komme unsere wissensbasierte Gesellschaft nur so zum Ziel, "bis zum Ende des Jahrzehnts zum wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu werden".

Der Weg dorthin ist noch weit. Nur 30 von etwa 950 Kitas und Kindergärten in Hamburg arbeiten immersiv. Das sind knapp drei Prozent, obwohl in der Hansestadt 150 Sprachen gesprochen werden. Was noch schwerer wiegt: Die wenigsten Grund- und weiterführenden Schulen bieten ein bilinguales Konzept an, wo auch Sachfächer wie Mathematik oder Sport in der Fremdsprache unterrichtet werden.

Wie die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg indes beruhigt, ist nicht alles vergebliche Liebesmüh': "Eines ist bei erworbenen Sprachkenntnissen eine ganz glückliche Geschichte: Wirklich verloren gehen die in der Regel nicht."

Autorin: Patricia Batlle

  • Kommentare
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Bartholomäus Kronast | 18.04.2007 | 21.29 Uhr
Ich denke es kann nicht schaden, allerdings halte ich es nicht für notwendig. Die Schule sollte meines Erachtens nicht schon im Kindergarten beginnen; man sollte den Kindern Zeit zum Kindsein lassen.
Werthner; Elisabeth | 18.04.2007 | 08.35 Uhr
Zwei meiner drei Kinder sind in Klassen mit 35 Kindern. Als Ziel im Englischunterrricht wird Sprachkompetenz gefordert. 35 Kinder sollen in 45 Minuten (Unterrichtszeit) Sprachkompetenz erwerben. Das geht meiner Meinung nicht. Diese Klassenstärken sind hier durchaus üblich. Viele Leute halten Sonntagsreden und wenn die Aktionswoche vorbei ist, haben wir jedenfalls das Gewissen beruhigt.
Matthias Streif | 17.04.2007 | 23.20 Uhr
Nichts gegen frühzeitiges Lernen von Sprachen, der Kern des Diskurses ist aber der, die Kinder sehr früh auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit zuzurichten. Kinder brauchen jedoch auch (geschützte) Räume, um sich selbst zu entdecken, einen Blick auf die Welt zu entwickeln und ihre (eigene) Rolle in der Gesellschaft zu finden. Erziehung heißt in desem Kontext auch, Lebensentwürfe zu ermöglichen, die die Welt der Erwachsenen (also unsere) kritisch hinterfragen und Alternativen zu ermöglichen.
Dies steht in keinem Widerspruch zu der Tatsache, dass man Kinder mit allen Kulturtechniken vertraut macht, die sie brauchen, um sich in einer zunehmend komplexeren Welt zurecht zu finden.

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ndr | Stand: 04.04.2007
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