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Wirtschaft als Schulfach

Für das Leben lernen wir

Was im Unterricht gepaukt wird, hat oft wenig mit der Praxis zu tun. "Das brauch ich doch nie wieder!", stöhnt so mancher Schüler. Genau umgekehrt ist es mit der ökonomischen Allgemeinbildung: "Warum lerne ich das nicht?"

 Schüler der Young Business School in Heidelberg am 07.04.2005. Foto: dpa

Ökonomie als Fach: Schüler der Young Business School Heidelberg

Geld regiert die Welt, erfahren die Heranwachsenden immer früher und intensiver: Das Werbeflimmern und -rauschen der TV- und Radiosender will schon die Kleinsten zum Konsum verführen. Das Girokonto fürs Taschengeld ist beinahe Standard. Mancher hat sogar schon Aktien, und vom ersten Auszubildendengehalt, so suggeriert die Versicherungsindustrie, sollte schon mal ein Teil in die eigene Privatrente fließen.

"Der junge Mensch muss lernen: Welche Konsequenzen hat es für mich, wenn ich Konsument bin oder Aktienbesitzer", erläutert der Oldenburger Bildungsprofessor Hans Kaminski. Oder auch Handybesitzer. Beinahe jeder Schüler läuft mit einem Mobiltelefon herum. Hier zeigen sich Gefahren eines unbedachten Umgangs besonders deutlich: Denn immer mehr Schüler verschulden sich durch SMS und Co.

Mit einer ökonomischen Allgemeinbildung hat der Jugendliche das Rüstzeug, den Alltag zu meistern. Er lernt verantwortungsvolles Handeln. Schüler brauchen Wirtschaftswissen für ihre aktuelle Lebenssituation genauso wie für später, für Ausbildung und Beruf, für Geldanlage und Altersvorsorge.

Plädoyer für ein Schulfach Ökonomie

"Wir brauchen ein eigenständiges Schulfach Ökonomie", fordert deshalb Kaminski. Dafür engagiert sich der Wirtschaftsdidaktiker seit fast 40 Jahren. Zwar haben viele Bundesländer Wirtschaftsthemen durchaus im Lehrplan verankert. Aber häufig seien ökonomische Themen nur Spiegelstriche auf dem Lehrplan anderer Fächer. Hier ein bisschen Wirtschaft im Politik-Unterricht, dort etwas im Fach Sozialwissenschaften.

Das führt oft dazu, dass bei Zeit- oder Kapazitätsmangel gerade ökonomische Themen schnell gestrichen werden. Problematisch ist auch, dass Wirtschaft bei solchen Misch-Fächern meist von fachfremden Lehrern unterrichtet wird.

Finanzielle Analphabeten

"Wirtschaft an deutschen Schulen kommt immer noch zu kurz", mahnt Bildungsprofessor Kaminski. Es wundert daher wenig, dass es so viele finanzielle Analphabeten gibt. Zahlreiche Studien zeigen, dass Schüler und junge Erwachsene erhebliche Wissenslücken bei Finanz- und Wirtschaftsthemen haben. Eine Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken ergab: Nur jeder Dritte weiß das Prinzip von "Angebot und Nachfrage" annähernd richtig zu umschreiben. Nur vier von zehn Jugendlichen konnten erklären, was die Inflationsrate ist.

"Nur wer als junger Mensch einen soliden Grundstock an ökonomischer Bildung erwirbt, kann als Erwachsener, als mündiger Verbraucher, darauf aufbauen", mahnt daher auch Manfred Weber, Vorstand des Bankenverbandes. Schließlich gelte auch in puncto Finanzkompetenz: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr."

Die Lehrerin Ingrid Müller und die Schüler Richard (l) und Frank unterhalten sich am 26.09.2006 im Unterricht an der Gesamtschule Königsborn. Foto: dpa

Für viele Schüler unerlässlich: Computer-Kenntnisse

Unternehmen fördern Schulprojekte

Andernorts ist man weiter. In den USA ist "Economics" als Schulfach eine Selbstverständlichkeit. In England bietet inzwischen jede zweite Schule strukturierten Wirtschaftsunterricht an.

Es gibt aber auch viel versprechende Entwicklungen in Deutschland: "Bayern ist sehr fortschrittlich. Es gibt dort seit Jahrzehnten ein Fach 'Wirtschaft und Recht' an den Gymnasien", lobt Kaminski. In Niedersachsen ist an Haupt- und Realschulen das Fach Wirtschaft Pflicht. Es gibt dort sogar einen eigenen Studiengang: "Wir haben derzeit 560 Studenten, die später ökonomische Bildung vermitteln wollen", so der Oldenburger Professor.

Weil der öffentlichen Hand das Geld fehlt für mehr ökonomische Bildung, greift die Privatwirtschaft ein. Es gibt zahlreiche Projekte und Initiativen zum Beispiel vom Institut der deutschen Wirtschaft oder der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Fondsindustrie fördert über ihren Branchenverband BVI Schulprojekte. Am bekanntesten ist wohl das "Planspiel Börse" der Sparkassen.

Schüler hochmotiviert

Man muss zwar berücksichtigen, dass einzelne private Unternehmen diese Projekte nicht ganz uneigennützig finanzieren. "Aber ohne Public Private Partnerships sähe es sehr viel schlechter aus", lobt Kaminski das Engagement der privaten Initiativen. "Größtenteils machen wir gute Erfahrungen - direkte Einflussnahme kommt sehr selten vor."

Das Interesse für wirtschaftliche Themen ist bei Schülern durchaus da. Viele wollen ein Schulfach Ökonomie. Gut 80 Prozent der befragten Jugendlichen befürworteten mehr "Wirtschaft in der Schule", ergab die Banken-Studie.

Es scheint, als merken die Heranwachsenden im Bereich der Wirtschaft am besten: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Oder wie es der ehemalige Chrysler-Chef Lee Iacocca sagte: "Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes beginnt nicht in der Fabrikhalle oder im Forschungslabor. Sie beginnt im Klassenzimmer."

Autorin: Bettina Seidl

  • Kommentare
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Anna-Maria | 19.04.2007 | 13.01 Uhr
Viel wichtiger als Wirtschaft wäre Kindererziehung als Pflichtfach für alle Schulabgänger. Die grundlegenden Bedürfnisse eines Kindes und die entwicklungspsychologischen Erkenntnisse, sowie pädag. Basiswissen sind zur Gründung einer Familie wichtig und geben auch Kinderlosen mehr Verständnis für die kleinen Mitmenschen. Die Stärkung der Erziehungskompetenz junger Eltern ist doch viel wichtiger als staatliche Erziehung, denn die Bezugspersonen haben den bedeutendsten Einfluss auf das Kind. Mangelnde Liebe und fehlende Geborgenheit durch die Eltern hinterlassen emotional verarmte Kinder - ein Schaden für das ganze Leben!
Herwig Lilienthal | 18.04.2007 | 09.48 Uhr
Wirtschaft als Schulfach mag ja wichtig sein, aber man muss auch bedenken, dass Jugendliche gar keine Chancen in Deutschland auf Arbeit haben, besonders Behinderte. Das sehen wir an unserem eigenen Sohn. Das Arbeitsamt sagt uns, wir müssen alleine dafür sorgen, dass er Arbeit findet, tut aber anderseits nichts, als wir einen Platz gefunden hatten, dass er dort anfangen kann. Monatelang passierte nichts. Also reden Sie nicht über Kinder sind die Zukunft, wenn anderseits schon das Fernsehen über Auswanderer berichtet.
Sascha Thum | 17.04.2007 | 16.16 Uhr
Ich finde Wirtschaftslehre ist ein sehr wichtiges Fach in der Schule. Es ist sehr informativ und man lernt den Umgang mit der heutigen Arbeitslosen-Situation. Die Jugend von heute sollte wissen wie es heutzutage aussieht mit der Zukunft.

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boerse.ARD.de | Stand: 04.04.2007
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