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Etikett vom WDR Foto: WDR

Deutschtürkische Jugendliche

"Die labern von Integration"

Die türkische Fahne als Anstecknadel, ein streng islamisches Kopftuch: Viele türkische Kinder, in Deutschland geboren, irritieren mit solchen Signalen nicht nur ihre Lehrer. Jugendforscher untersuchen die Gründe für den so genannten "Ethno-Trend".

"Der ist türkischer als wir", sagt eine Mutter aus Paderborn über ihren 15-jährigen Sohn Deniz (*Name geändert). Dann erzählt sie eine Szene aus der Schule: Die Europäische Union ist Thema, der Lehrer macht aus seiner Ablehnung eines Beitritts der Türkei keinen Hehl. Er unterbricht sich und sagt zu Deniz: "Du wirst das natürlich anders sehen. Du kommst ja von da unten." Deniz ist in Warburg geboren. Schon seine Mutter ging hier zur Schule, sie kam als Kind nach Deutschland. Der Junge sei völlig niedergeschlagen gewesen. In solchen Situationen sage er manchmal: "Wenn die mich hier nicht wollen, gehe ich halt in die Türkei." In ein Land also, das er nur aus dem Urlaub kennt, von Verwandtenbesuchen.

Probleme von Einwandererkindern

Kadir Daglar kennt viele solcher Geschichten. Er ist Berufsschullehrer und ehrenamtlich Vorsitzender des Verbands türkischer Elternvereine in NRW. Er erzählt von einem Jungen, dessen Familie aus dem Libanon stammt. Bei einem schulischen Alltagskonflikt sagt ein Lehrer zu ihm: "Wenn es dir hier nicht passt, kannst du ja wieder hingehen, wo du herkommst." Ein junger Mann türkischer Herkunft bewirbt sich nach seiner Ausbildung um eine Stelle. "Wir suchen einen Deutschen", sagt man ihm bei einer Firma in Bochum. Er sei Deutscher, antwortet er. "Wir meinen: einen richtigen Deutschen", ist die offene Antwort.

21 Prozent der Jugendlichen aus türkischen Familien bleiben in Deutschland ohne Schulabschluss, ergab der Mikrozensus 2006, eine jährliche Studie des Statistischen Bundesamtes. 58 Prozent von ihnen finden nach der Schule keinen Ausbildungsplatz. Auch bei gleichem Schulabschluss seien die Chancen der Einwandererkinder auf einen Job weitaus schlechter als die der Einheimischen, sagt Daglar.

"Die Schule muss die Heterogenität ihrer Schüler als Normalität begreifen." Nur so könne ein Wir-Gefühl entstehen. Statt dessen würden die hier geborenen Kinder von Einwanderern ständig als Türken abgestempelt, während man andererseits von ihnen verlange, integriert und "ganz deutsch" zu sein.

"Selbst-Ethnisierung" als Schutz

Schon 1996 erregte eine Studie der Bielefelder Jugendforscher Heitmeyer und Müller über "Verlockenden Fundamentalismus" Aufsehen. Nach ihren Befragungen zeigen 27 Prozent der türkischen Jugendlichen islamistische Denkmuster - wozu die Forscher die offensive Ausbreitung des Islam auch im politischen Bereich und die zumindest theoretische Legitimierung von Gewalt zählen.

Zwar hielten zwei Drittel der türkischen Jugendlichen den Islam für eine Privatsache und durchaus vereinbar mit der modernen Gesellschaft. Aber mit geringerer Bildung und mangelndem beruflichen Erfolg steige insbesondere bei Jungen die Neigung zum Extremismus. Es seien die sozialen Verlierer, die sich mehrheitlich von islamistischen Gruppen wie "Milli Görüs" oder von den nationalistischen "Grauen Wölfen" vertreten fühlen.

"Ich versteh nichts von Integration. Das ist doch alles Scheiße. Die labern von Integration, aber wollen, dass wir uns unterwerfen." Das sagt ein junger Türkei zu dem Kölner Erziehungswissenschaftler Kemal Bozay. Mit Islam, Nationalismus und antisemitischen Sprüchen bauen sich laut Bozay viele Jugendliche eine "wahre türkische Identität" zusammen. In dieser "Selbst-Ethnisierung" sieht Bozay in seiner Studie von 2005 eine Reaktion auf die erlebte Fremdenfeindlichkeit und die verbreitete berufliche Perspektivlosigkeit.

Anstecknadeln, Kopftücher und Disko

Die Jugendlichen borgten sich traditionelle Symbole nur aus, gestalteten damit aber eine ganz eigene Jugendkultur. Das ist die Einschätzung von Yasemin Karakasoglu, die Interkulturelle Pädagogik zunächst in Essen, jetzt in Bremen lehrt. Ihr zufolge provozieren die Jugendlichen, weil sie nach einem positiven Selbstwertgefühl suchen. Manche trügen mit Stolz Anstecker etwa der türkischen Flagge, andere mit den Umrissen eines freien Kurdistans - oder auch einen kleinen Koran.

Oft wüssten sie gar nicht genau, welche Ideologie hinter diesen Zeichen steht. Junge Frauen kleideten sich mit dem islamischen, die Schulter bedeckenden Kopftuch, auch als Abgrenzung zu ihren türkischen Müttern mit ihren traditionellen, nur um den Kopf gebundenen Tüchern.

Für Karakasoglu ist das eine kreative Suche nach Zugehörigkeit: "Dass man nicht alleine und schutzlos ist, sondern etwas zutiefst Eigenes mit einer Gruppe von Menschen teilt." Aus dem gleichen Grund florieren auch Massentreffen von islamischen Jugendverbänden, aber auch die türkischen Diskotheken in den Großstädten.

Selbst aktiv werden

Andere möchten sich bewusst nicht den bestehenden Richtungen anschließen. So gründeten junge Migranten in Mannheim einen Verein mit dem ironischen Namen "Die Unmündigen". Sie wollen nicht nur klagen, sondern selbst etwas für sich tun. Mit ähnlichem Tenor veröffentlichte vor Kurzem der Journalist Birand Bingül den Aufruf: "Deutschtürken, kämpft selbst für eure Integration!" Darin wünscht er sich ein "Bündnis für Integration" unter dem Motto: "Runter von der Straße! Ran an die Schulen!"

Autor: Gregor Taxacher

  • Kommentare
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Marc Lüger, Lingen | 20.04.2007 | 09.35 Uhr
Ich bin gegen eine zunehmend multikulturelle Gesellschaft, da sie gleichzeitig einen Abbau unserer guten und bewährten christlich-abendländischen Kultur bedeutet. Wer sich hier in unserem Lande aufhält, der hat sich auch an Recht und Gesetz zu halten. Diese Gesellschaft entwickelt sich immer mehr zu einem liberalen Land, der die christlichen Werte nicht mehr allzuviel bedeuten. Wir müssen dieses wertelose, liberale und falsche Weltbild schnellstens durch das gute und christliche Weltbild ersetzen!!!
l.k. | 17.04.2007 | 09.00 Uhr
Integration heißt hier nicht nur die Toleranz, sondern auch die Akzeptanz einer multikulturellen Gesellschaft. Das veralterte Gesellschaftsbild muss durch eine neue Form der Solidarität ersetzt werden und somit den Grundstein für ein flexibles und zukunftsgerichtetes Deutschland bieten.
Harald Nitsch | 16.04.2007 | 20.06 Uhr
JA!!! Ich arbeite als Erzieher mit Migrationskindern. Für mich ist es selbstverständlich, die Kinder und ihre Familien so anzunehmen, wie sie sind.


Aber nicht nur die Gesellschaft, sondern vor allem unsere Politiker sind gefragt. Ein wichtiger Bestandteil für Integration ist das frühe Erlernen unserer Sprache als Zweitsprache. Durch meine tägliche Arbeit erlebe ich, mit welcher Freude die Kinder die neue Sprache aufnehmen, sich immer mehr öffnen und somit ihre Ängste, den Fremden (uns Deutschen) gegenüber abbauen. Ein wunderbares Erlebnis, welches wir uns erhalten sollten.


Denn es ist ein bereichender Teil der Integration und unserer Gesellschaft.


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wdr | Stand: 04.04.2007
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