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Etikett vom WDR Foto: WDR

Interview mit dem Jugendforscher Hurrelmann

"Keine Null-Bock-Haltung"

Sie ist pragmatisch, die Jugend von heute. Aber auch skeptisch. Sie hat Angst vor der Zukunft, bleibt aber optimistisch. Werte sind ihr wichtig, Sündenböcke auch. Wer soll schlau werden aus dieser Generation? Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat's versucht.

ARD.de: Wenn Sie der heutigen Jugend ein Etikett verpassen müssten, wie lautet es?
Klaus Hurrelmann: Die heutige Jugend ist eine sehr pragmatische Generation, die realistisch ihre Situation einschätzt – mit einem Schuss Optimismus, aber auch viel Skepsis. Diese Grundmentalität trifft übrigens auch für Kinder unter zwölf Jahren zu.

Was hat die Jugend so pragmatisch gemacht? Welche Erfahrungen haben sie geprägt?
Die Kinder kommen heute so früh wie noch nie in der Menschheitsgeschichte in die Lebensphase Jugend hinein. Dann aber streckt und streckt sie sich, und man kann gar nicht erkennen, wann sie denn vorbei ist. Das liegt daran, dass vor allem die berufliche Ausbildung – und damit der Dreh- und Angelpunkt der gesamten gesellschaftlichen Zukunft – so schwer voraussehbar ist.

Die Gesellschaft zeigt sich da ziemlich spröde und der Arbeitsmarkt eher abwehrend. Die Jugendlichen haben das Gefühl, unerwünscht zu sein. Das ist der Nährboden für die untergründige Angst, zu denen zu gehören, die scheitern. Gerade die jungen Mädchen haben große Zukunftsängste. Und das, obwohl sie in Schule und Ausbildung viel besser abschneiden als Jungen.

Klingt, als seien die Jugendlichen nicht gerade zu beneiden.
Ja, trotzdem sind die jungen Leute insgesamt nicht pessimistisch eingestellt. Wir haben uns wirklich gewundert, wie gelassen und optimistisch die Jugendlichen mit der Situation umgehen. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Denn im Vergleich zur Shell-Studie von 2002 hat sich die unterschwellige Angst deutlich erhöht. Dieses Gift, diese Verunsicherung, im Leben zu scheitern, hat sich weiter ausgebreitet.

Muss man davon ausgehen, dass die Stimmung bald kippt?
Bislang ist davon nichts zu sehen. Wir beobachten aber seit einigen Jahren eine große Distanz gegenüber den politischen Parteien und auch gegenüber den demokratischen Institutionen. Denkbar wäre es also durchaus, dass die Verunsicherung in Protest und Widerstand mündet. Und die Jugendlichen hätten ja auch Recht, wenn sie sagten: Ihr vernachlässigt uns als neue Generation.

Eine Generation zudem, die in Zukunft viel zu schultern hat – denn unsere Gesellschaft wird immer älter. Nehmen die Jugendlichen den demografischen Wandel als Bedrohung wahr?

Wenn es darum geht, dass zu viele Alte den Jungen die Ressourcen wegnehmen, können Jugendliche rebellisch werden. Man merkt das an Einzelheiten. Studenten beispielsweise sagen, dass sie es als unangenehm empfinden, wenn Senioren ihnen die Plätze streitig machen. Darin drückt sich die Sorge aus, von der großen Mehrheit der älteren Generationen bedrängt zu werden. Noch gehen die Jugendlichen sehr sachlich mit dem Thema um. Aber ich weiß nicht, wie lange die Geduld hält.  

Mindestens so bedrohlich wie der demografische ist der Klimawandel. Sehen das Jugendliche auch so?
Wenn wir eine Rangordnung der Sorgen und Ängste machen, findet sich die Arbeitsperspektive an erster Stelle. Gleich dahinter steht die Sorge, dass wir unseren Planeten kaputt machen. Hier sind die jungen Menschen äußerst sensibel, besonders Frauen.

Trotz aller Ängste und Risiken scheint die heutige Jugend viele positive Eigenschaften entwickelt zu haben und sich an Werte gebunden zu fühlen …   
… das ist ein überraschendes Ergebnis. Wir haben es zu tun mit einer jungen Generation, die sich an einem eigenen Wertehorizont orientiert. Da ist nichts mehr zu sehen von Null-Bock-Haltung. Die Grundbereitschaft, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, ist sehr ausgeprägt. Und wir erleben eine Wiederhinwendung zu Werten, die wir Ältere schon als abgeschrieben angesehen haben: Ordnung, Fleiß, Zuverlässigkeit, Disziplin. Das wird gemischt mit Selbstentfaltung und Lebensgenuss. Und diese frische Kombination ist charakteristisch für die jetzige Generation.

Von wem haben die Jugendlichen das? Wer sind die Vorbilder?
Die eigenen Eltern. An ihnen reibt man sich lange nicht so stark, wie wir das aus der 68er-Generation kennen. 71 Prozent der Jugendlichen sagen, sie würden ihre eigenen Kinder genauso erziehen, wie es ihre Eltern mit ihnen gemacht haben.

Wollen die Jugendlichen denn später selbst einmal Kinder haben?
Die Bereitschaft, eine eigene Familie zu haben, ist generell sehr hoch. Zwei Drittel sprechen sich dafür aus. In der Umsetzung hapert es aber. Die jungen Frauen sind zwar gerne bereit, die Doppelbelastung von Familie und Karriere auf sich zu nehmen. Es fehlen ihnen jedoch Männer mit einem ähnlich flexiblen Rollenbild. Nur eine Minderheit von 20 bis 30 Prozent der Jungen ist bereit, in Haushalt und Familie mitzuinvestieren. Die große Mehrheit hält am traditionellen Männerbild des Ernährers fest. Dafür sind heute aber keine Frauen mehr da. Faktisch können sich deshalb nur wenige Paare entscheiden, ein Kind zu haben. Es fehlt ein Umfeld, in dem Beruf und Familie möglich sind.

Schlechter in der Schule und veraltete Ansichten: Man kann Angst um die jungen Männer bekommen.
Das kann man wohl sagen. Wir haben inzwischen eine Gruppe von jungen Männern, die sich richtig abgehängt fühlt und sich aufgegeben hat. Es fällt vielen Jungs schwer, eine Niederlage einzustecken und durchzuhalten. In dieser Situation bauen sie sich eine Gegenwelt auf und suchen nach Sündenböcken. Das erklärt den Erfolg rechter Parteien bei jungen Männern in Ostdeutschland.

Zu welchen Ergebnissen werden künftige Jugendstudien kommen?
Ich glaube, dass sich die Jungen die Benachteiligung nicht ewig gefallen lassen werden. Irgendwann reißt der Geduldsfaden. Was dann passiert, kann man heute schon in Frankreich beobachten.

Das Interview führte Rainer Keller.

  • Kommentare
    Einige Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Aufruhr als Antwort auf Perspektivlosigkeit: Drohen uns französische Verhältnisse?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet. Alle Kommentare finden Sie nachfolgend zum Nachlesen.
Sandra | 23.04.2007 | 12.35 Uhr
Vielleicht sollte man doch die NICHD-Studie ernst nehmen, und die Auswirkungen der Crèches auf Kinder untersuchen.
Seit 2004 gibt es Geld für werdende Eltern, die ihre Kinder nicht in die Crèche bringen. Warum wohl??
Monika Knappe | 20.04.2007 | 22.55 Uhr
Das "Null-Bock-Verhalten" der Kinder und Jugendlichen ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Sie haben ihre eigenen Lebenserfahrung und passen sich an die Lebensumstände an. Leider! Da passt das alte Sprichwort: Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch wieder heraus. Es gibt viel zu tun, doch wer packt es an...? Schuld sind doch immer die Anderen. Fragt sich nur wer?
Dr. Dorothea Böhm | 20.04.2007 | 14.49 Uhr
Aber sicher. Jedenfalls dann, wenn wir das französische Kleinkinderbetreuungsmodell zum Beispiel nehmen. Kleinkinder sind in Krippen am falschen Platz, und dies macht Menschen aggressiver. Den einen mehr, den anderen weniger. Aber übers Ganze gesehen ist das eben doch ein Effekt, mindestens ein Verdachtsmoment, der sich unweigerlich gesamtgesellschaftlich auswirken wird. Es ist an uns zu entscheiden, ob wir dies wollen oder nicht.

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wdr | Stand: 04.04.2007
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