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Etikett vom RBB Foto: RBB

Jugendliche Rapper in Berlin

"Ich rappe einfach, was mir in den Kopf kommt"

Berliner Jugendliche entdecken die Macht des Wortes in einem Hip-Hop-Projekt. Im Jugendtreffpunkt "Bunker" in Lankwitz rappen sie – und finden in ihren Texten ein kreatives Ventil für Frust, Aggressionen und Zukunftsängste.

Dienstagnachmittag, 17 Uhr: Pflichttermin für Cem, Anil und Mitchell im "Bunker" im Stadtteil Lankwitz. Seit etwa drei Jahren ist der "Hip-Hop-Dienstag" fester Bestandteil im Programm von "Outreach", einem Projekt, das in den meisten Berliner Bezirken mobile Jugendarbeit anbietet. Ein kleines Tonstudio mit zusammengewürfelter Technik, ein paar alte Rechner, Mikrofone – viel mehr gibt es nicht an Ausstattung.

Dafür arbeiten zwei Betreuer mit den Jugendlichen an ihren Stücken. Einer von ihnen ist Florian Steindle, der selbst mit Hip-Hop aufgewachsen ist und unter anderem auch regelmäßig Freestyle-Rap-Sessions in Berlin-Kreuzberg organisiert.

Der 17-jährige Mitchell sucht hier weniger Hilfe beim Texten, als den Kontakt mit anderen Rappern und die Möglichkeit, seine Raps auch aufzunehmen. Schon mit acht oder neun Jahren, erzählt Mitchell, hat er "wirres Zeug zusammengereimt" – heute schreibt er manchmal drei oder vier Texte am Tag. Anil ist 16, spielt sonst Basketball und mag in der Schule eher Fächer, wo man logisch denken muss, Mathe zum Beispiel oder Physik.

"Ich rappe einfach, was mir in den Kopf kommt", erzählt Anil. "Wenn dabei zufällig ein guter Part rausrutscht, dann schreibe ich ihn auch sofort auf." In einem roten Ordner bewahrt er seine Texte auf; die beste Fassung wird – leserlich handgeschrieben – abgeheftet.

Ich denke oft, das Leben ist scheiße/
doch ich vergesse es wenn ich freestyle/
wenn ich Texte aufschreibe und anfange zu rappen/
fühle ich mich gut, als wenn ich auf Crack bin ...

Die Dienstage im Bunker haben einen festen Ablauf: Der Nachmittag startet mit einer kurzen Besprechung, dann teilen sich die Jungs in Gruppen auf – einige arbeiten an ihren Texten, andere studieren ihre fertigen Stücke ein und suchen sich passende Beats. Wenn alles steht, werden die Raps aufgenommen.

Von der Ernsthaftigkeit und Begeisterung, die die Jungs mitbringen, ist "Bunker"-Chef Stefan vom Scheidt oft positiv überrascht: "Ich finde es faszinierend, dass Leute, die zum Teil schon lange nicht mehr in die Schule gehen, hier einen Stift in die Hand nehmen und Texte schreiben."

Trotz aller Begeisterung kommt nur ein kleiner Kern regelmäßig; es sind vier, vielleicht fünf Jungs, die wirklich jeden Dienstag dabei sind. Die Jugendlichen müssen sich oft erst einmal von überzogenen Erwartungen verabschieden, sagt Betreuer Florian. "Die träumen natürlich alle vom großen Los, wollen irgendwann professionell Musik machen können. Aber man kann nicht erwarten, dass man seinen ersten Text schreibt und am nächsten Tag sofort einen Clip bei MTV hat und dann nie wieder arbeiten muss."

Ortswechsel. Berlin Mitte, einmal quer durch die halbe Stadt. In einem schicken Büro im Gebäude seiner Plattenfirma sitzt Luiz Cruz, gerade 17 geworden, zusammen mit seiner Managerin. Er ist schon an dem Punkt, wo er die eigenen Songs im Radio hört und seinen Videoclip bei Viva und MTV sieht. Als "Lucry" hat er 2006 sein erstes Album "El Latino Aleman" veröffentlicht. Die Musik ist eine ungewöhnliche Mischung aus Hip-Hop und Reggae-Elementen. Luis rappt darauf in Deutsch und Spanisch.

Auch er hat schon früh – mit zehn, elf Jahren – erste Gedichte und eigene Texte geschrieben. Bei Straßenfesten sammelte er erste Erfahrungen auf der Bühne und vor Publikum.

Luis verkörpert den Traum, den viele der Jungs aus dem "Bunker" gern leben würden. Dass andere Kids in seinem Alter ihn möglicherweise als Neidobjekt sehen, ist ihm bewusst – allerdings scheint ihm der Gedanke etwas unangenehm. "Ich möchte anderen Jugendlichen schon zeigen, dass man es schaffen kann, wenn man selber anpackt und an sich glaubt", sagt er. "Aber gerade in der Schule versuche ich das auch zu trennen – da bin ich eben Luis und nicht Lucry, der Rapper."

Ich brauch' keine Droge um high zu sein/ich brauch nur ein Blatt und einen Stift zum Schreiben ...

"Ich versuche, mein Leben, meine Gefühle in den Track zu packen", beschreibt der 18-jährige Cem vom Lankwitzer Hip-Hop-Projekt seinen Zugang. "Sachen, die mein Herz geprägt haben. Zum Beispiel, dass Vieles sich nur noch um materielle Dinge dreht, die eigentlich total unbedeutend sind. Dass viele Menschen einfach nur die Augen zu machen und ihr eigenes Ding machen."

Florian Steindle lässt den Jugendlichen die Freiheit, ihre eigenen Themen zu wählen, achtet aber darauf, dass die Texte, wie er sagt, "ethisch vertretbar" sind: "Wir zensieren nichts. Aber wir wollen die Jungs auf jeden Fall davon abhalten, sich zu sehr auf dieses 'Gangsta'-Image auszurichten, das im Moment von vielen kommerziell erfolgreichen Rappern vorgelebt wird."

Hör nicht auf andere, geh deinen eigenen Weg/
versuch' auf eigenen Füßen zu stehen ...

Für einige der jungen Rapper ist es ein völlig neues Konzept, Emotionen und persönliche Erfahrungen – auch negative – kreativ zu verarbeiten; Wut und Frust ausschließlich über Worte abzubauen – ohne dass jemand zu Schaden kommt.

Cem und Mitchell nehmen die Rap-Sessions im "Bunker" bewusst als Ventil wahr. "Ohne Musik würde ich das woanders rauslassen", davon ist Cem überzeugt. Früher hätte er sich schon eher körperlich auseinander gesetzt. Jetzt verarbeitet er in seinen Texten, was – oder wer – ihn ärgert. "Diese Texte kannst du ja so formulieren, dass es auch wie ein Faustschlag ins Gesicht ist." Ob das der richtige Weg ist?

Die wichtigsten Begriffe:

  • Beats:
    (Takt-)Schläge; tragendes Element eines Hip-Hop-Stücks; "Beat" bezeichnet den einzelnen Taktschlag (ein 4/4-Takt besteht also aus vier Beats).
  • Battle:
    Schlacht; friedlicher Wettstreit zwischen Künstlern, die in verschiedenen Hip-Hop-Disziplinen (z. B. Rap, Beatbox, Breakdance) ihr Können unter Beweis stellen.
  • Hip-Hop:
    Jugendkultur, die in den 1970er-Jahren im New Yorker Stadtteil Bronx entstand.
  • Freestyle:
    englisch: Freistil; im Rap die freie Improvisation von Reimen und Texten
  • Part:
    Teil, Stück; (Text-)Abschnitte eines Musikstücks
  • Rap:
    Schlagen, Quatschen; der in der Hip-Hop-Kultur typische Sprechgesang
  • Track:
    (Ton-)Spur; bezeichnete ursprünglich nur die einzelne Tonspur, heute steht Track oft für ein ganzes Musikstück.
  • Gangsta Rap:
    Genre des Hip-Hop, das gewaltorientiert und klischeehaft das Lebensumfeld eines Mitglieds einer (Jugend-)Gang beschreibt.

Autorin: Doris Hellpoldt

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rbb | Stand: 04.04.2007
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