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Familienpolitik in Europa

Deutschland ergraut, Frankreich bleibt jung

Die Menschen in Europa werden immer älter - gleichzeitig sinken die Geburtenzahlen. In Deutschland bekommt jede Frau statistisch gesehen nur 1,34 Kinder, in Frankreich hingegen fast 2,1. Grund für diese Differenz: Die unterschiedlichen Schwerpunkte der Familienpolitik.

Seniorinnen auf einer Parkbank Foto: Picture Alliance/dpa

"Ich würde mich schon freuen, wenn wir den Geburtenrückgang stoppen", so Familienministerin Ursula von der Leyen. Was einfach klingt, ist eine große Herausforderung. Seit gut dreißig Jahren sinken die Geburtenzahlen in allen europäischen Ländern. Lag die Rate 1965 noch bei etwa 2,5 bis drei Kindern pro Frau, hat sie sich mittlerweile in den meisten EU-Ländern deutlich unterhalb von zwei Kindern eingependelt.

Deutschland: Geldleistungen reichen nicht aus

"Es ist grundsätzlich schwierig, die Geburtenrate zu erklären", sagt Anneli Rüling, Politologin und Familienexpertin der Friedrich-Ebert-Stiftung. "Was Menschen vor allem bewegt, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden, ist die Frage: Passen sie in das eigene Lebenskonzept? Und – noch wichtiger – werden sie als Hemmnis wahrgenommen?"

Geldleistungen vom Staat, so die Expertin, reichen jedenfalls als Anreiz nicht aus, um Kinder in die Welt zu setzen: "Die Politik kann nicht einen künstlichen Kinderwunsch produzieren. Sie kann nur den bereits vorhandenen Kinderwunsch realisieren." Und der ist in Deutschland nicht sehr hoch. Untersuchungen zufolge wünschen sich Frauen in Deutschland im Schnitt 1,7 Kinder, Männer sogar nur 1,5.

Mit gerade mal 1,34 Kindern pro Frau hat Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten Europas. Dabei wird hierzulande viel Geld für die Familienförderung ausgegeben. Pro Kind gibt es monatlich 154 Euro Kindergeld, ab dem vierten Kind 179 Euro. Kinderbetreuungskosten können steuerlich abgesetzt werden. Und Anfang des Jahres wurde nach dem schwedischen Modell ein einjähriges Elterngeld in Höhe von 67 Prozent des letzten Gehaltes eingeführt. Plus zwei Extramonate für den Vater, falls dieser auch beim Kind bleibt.

Das seien passable Leistungen, aber zuwenig Hilfe, meint Rüling: "Der zentrale Punkt ist der Ausbau der Kinderbetreuung. Das wird seit 30 Jahren in Deutschland gefordert. Doch es gab hier immer einen Kulturkampf zwischen Mutterschaft und Kindeswohl." Konservative Leitbilder hemmten den Ausbau von Betreuungsplätzen, so die Expertin: "Die Debatte darum, ob Mütter schnell nach der Geburt wieder arbeiten sollten, war immer ideologisch aufgeladen und damit eine regelrechte Bremse." Bezeichnend dafür ist das nur im deutschen Sprachgebrauch vorhandene Wort "Rabenmutter".

Krippenplatz gerade mal für jedes zwölfte Kind

Entsprechend schlecht sind heute die Betreuungsmöglichkeiten in Deutschland. Noch nicht einmal für drei Prozent aller unter Dreijährigen in Nordrhein-Westfalen gibt es Krippenplätze. In anderen westdeutschen Bundesländern ist es auch nicht viel besser. Lediglich der Osten ist durch die DDR-Zeit gut mit Krippenplätzen bestückt. Bundesfamilienministerin von der Leyen kämpft darum, die Zahl dieser Betreuungsplätze bis 2013 auf rund 750.000 zu verdreifachen. Dann könnte gut ein Drittel der Kinder in Kitas oder von Tagesmüttern betreut werden - derzeit hat bundesweit nur jedes zwölfte Kind einen Betreuungsplatz.

Ab drei Jahren gibt es zwar einen rechtlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz, doch dort wird häufig nur eine Halbtagsbetreuung angeboten. Auch die Grundschulen enden mittags. Dazu kommt, dass sich die Familienstrukturen geändert haben. Man lebt oft weit auseinander. Oma und Opa entfallen so in vielen Familien als Helfer. Frauen, die nach der Babypause wieder in den Beruf einsteigen wollen, können das meist nur in Teilzeit bewerkstelligen. "Solange es keine verlässliche Ganztagsbetreuung gibt, wird sich an der Geburtenarmut in Deutschland nichts ändern", meint die Familienexpertin Rüling.

Vorzeigeland Schweden

In punkto Familienpolitik ist Schweden ein Vorzeigeland. "Man hat dort in den 1970er Jahren eine wichtige strategische Entscheidung getroffen", sagt Rüling. "Statt direkt Gelder an die Familien zu zahlen, wird in Dienstleistungen investiert. Und zwar in den Ausbau der Kinderbetreuung wie auch in die Altenpflege." Dadurch kommen schwedische Frauen auch nicht so leicht in die so genannte "Sandwichposition", das heißt, gerade Frauen ab 40 sind nicht in der Zwickmühle, sowohl Kinder als auch Eltern oder Schwiegereltern versorgen zu müssen.

Schwedens Regierung gibt nur knapp ein Drittel seines Familienetats direkt als materielle Leistungen an die Eltern. Mehr als zwei Drittel (72 Prozent) fließen hingegen in den Ausbau und Erhalt von Betreuungsstätten und Schulen. Anders als in Deutschland ist das gesellschaftliche Leitbild der Zwei-Verdiener-Haushalt. "Der Anspruch hinter der schwedischen Familienpolitik ist, das Mann und Frau gleichgestellt sein sollen", so Rüling.

80 Prozent aller Frauen in Schweden sind berufstätig - in Deutschland sind es nur 65 Prozent. Für fast die Hälfte aller Kinder unter drei Jahren (43 Prozent) gibt es Betreuungsplätze. Ein Rekord in Europa. In Schweden ist es selbstverständlich, dass Familien einen Krippenplatz für ihre Kinder bekommen. Betreuungszeiten bis weit in den Abend hinein sind normal.

Schwedische Kindergärten sind zudem in das Bildungssystem integriert, was für gute Qualität sorgt. Auch in den Schulen ist Nachmittagsbetreuung Standard. So können beide Eltern sorglos Vollzeit arbeiten. "Die Vereinbarkeitsfrage stellt sich hier erst gar nicht", so Rüling. "Man wird eher schräg angesehen, wenn man als Mutter nicht arbeiten geht".

Elterngeld ist in Schweden schon lange Realität. 13 Monate gibt es 80 Prozent des Bruttolohns für denjenigen, der beim Kind bleibt. Für die restlichen 20 Prozent kommt häufig der Betrieb auf, dem daran gelegen ist, seine Arbeitskraft zurück zu bekommen. Kein Wunder, dass immerhin fast jeder fünfte schwedische Vater Elternzeit nimmt.

Die Kehrseite des schwedischen Sozialsystems sind seine hohen Kosten. Nach wie vor werden in Schweden die höchsten Steuern der Welt gezahlt, Haushalte, in denen nur ein Elternteil arbeitet, können kaum existieren. "Auch das ist ein Grund, dass die Mütter nach der Geburt nicht länger als unbedingt notwenig zuhause bleiben", sagt Rüling. 

Nachdem Kritik aufkam, der Staat ließe den Eltern durch die hohe Steuerlast gar keine andere Wahl, als ihre Kinder früh abzugeben und benachteilige zudem Eltern, die bei ihren Kindern bleiben wollten, führte die Regierung jüngst eine neue Regelung ein: Ab dem 1. Januar 2008 bekommen Eltern, deren Kinder in den ersten drei Lebensjahren zu Hause bleiben, eine monatliche Betreuungsunterstützung von 300 Euro.

Frankreich: Pionier der Familienpolitik

In Frankreich hat Familienpolitik traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Seit vielen Jahrzehnten ist bei unseren Nachbarn das Bild der erwerbstätigen Mutter gesellschaftsfähig. "Das geht auf die französische Revolution zurück, die ja den Einfluss der Kirche reduzieren wollte", erklärt Rüling. "Zudem waren die Gewerkschaften dort nie besonders stark und konnten – anders als in Deutschland - keine Familienernährerlöhne durchsetzen."

Als die Geburtenzahlen Anfang der 1990er Jahre zu sinken begannen, steuerte die Regierung schnell gegen und führte Anreize ein, zum Beispiel Steuererleichterungen für Familien, die eine Person zur Kinderbetreuung im Haushalt beschäftigen. Ab dem dritten Kind gibt es einen doppelt so langen Mutterschutzurlaub von 26 Wochen bei vollem Lohnausgleich. Auch Väter haben Anspruch auf zwei Wochen Vaterschaftsurlaub.

In den letzten Jahren hat Frankreich zudem neue Formen der Betreuung aufgebaut, dabei wird vor allem auf Tagesmütter gesetzt: "Im Unterschied zu Deutschland bekommen sie in Frankreich einen Mindestlohn und sind über den Staat sozialversichert", sagt Rüling. Die Zahl der Tagesmütter konnte von 1990 bis 1999 auf eine halbe Million verfünffacht werden. Durch den konsequenten Ausbau von Betreuungsplätzen seit den 1980er Jahren gibt es heute für 41 Prozent aller französischen Kleinkinder Krippenplätze.

Ab drei Jahren gehen die Kinder dann in die staatlichen "ecoles maternelles". Die Vollzeitbetreuung dort ist kostenlos. Das sind Bedingungen, von denen Eltern in Deutschland nur träumen können. Im vergangenen Jahr wurden in Frankreich 830.000 Babys geboren, eine Rekordzahl. Die "pronatalistische Politik" habe sich eben ausgezahlt, so Rüling. "Die große Frage lautet nicht: Wollen wir ein Kind? Die Franzosen fragen sich: Können wir uns noch ein drittes Kind leisten?"

Großbritannien: Familie ist Privatsache

Großbritannien betreibt keine Familienpolitik im eigentlichen Sinne. Es gibt kein Ministerium, das für diesen Bereich zuständig ist. Soziale Leistungen erhalten nur die Bedürftigen. Die Regierung will Armut verhindern, nicht aber die Zahl der Geburten durch Anreize zu erhöhen. Familien, deren Einkommen über der Armutsgrenze liegt, sind deshalb stark benachteiligt gegenüber kinderlosen Paaren.

In Großbritannien existieren zudem sehr wenige öffentliche Betreuungseinrichtungen für Kinder unterhalb des Schulalters. Familien sind auf teure private Plätze angewiesen. Einzige familienpolitische Leistung war lange Zeit das Kindergeld, das allerdings weiter ausgebaut wurde und derzeit für das erste Kind 107 Euro monatlich beträgt, für alle weiteren Kinder je 72 Euro.

Elterngeld existiert nicht, lediglich eine einmalige Mutterschaftshilfe bei Armut in Höhe von 728 Euro pro Kind. Wegen der sinkenden Geburtenzahlen begann die Regierung Blair jedoch, Geld in den Ausbau der Kinderbetreuung zu stecken. "Das Bewusstsein drang auch hier durch, dass in Kinder investiert werden muss", sagt Rüling. Die Regierung führte Steuererleichterungen ein, sowohl für Eltern, als auch für Arbeitgeber, die Kinderbetreuung anbieten.

Schlusslichter Spanien und Italien

In Italien und Spanien gibt es kaum staatliche Familienförderung. Kindergeld bekommen erst Familien mit drei und mehr Kindern. Es ist zudem an das Jahreseinkommen der Familie geknüpft. Plätze in Kinderkrippen sind weit weniger vorhanden, als im Rest der EU. Und wenn, sind sie für die meisten unbezahlbar, da sie nicht vom Staat gefördert werden. "Eltern sind auf sich allein gestellt, wenn sie sich für Kinder entscheiden", sagt Rüling. "Sie müssen sich auf ihre Familie als Helfer verlassen".

Was die Geburtenfreude zusätzlich hemmt, ist die Wohnsituation. "In Italien und Spanien gibt es sehr wenige Mietwohnungen. Für junge Menschen ist es deshalb schwer, einen Hausstand zu gründen. Sie haben nicht das Geld, sich ein Haus zu kaufen und zögern eine Familiengründung deshalb lange hinaus", so Rüling. So sind Italien und Spanien auch die Schlusslichter mit der niedrigsten Geburtenrate Europas, die gerade mal bei 1,33 Kindern pro Frau liegt.

Autorin: Claudia Ulferts

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tagesschau.de | Stand: 13.04.2007
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