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Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen - Interview
Die Rente ist sicher – das glaubt schon lange niemand mehr. Im Jahr 2050 aber, so prognostiziert das Statistische Bundesamt, wird es doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben. Was bleibt dann noch vom Generationenvertrag, der heute die Grundlage der gesetzlichen Rente ist? Fragen an Jörg Tremmel von der "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen".
Jörg Tremmel: "Die fetten Jahre sind vorbei"
Die "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen" (SRzG ) mit Sitz in Oberursel (bei Frankfurt) versteht sich als "Think Tank" für Generationengerechtigkeit. Gegründet wurde sie 1996 – mit dabei war damals und ist auch heute noch der promovierte Politologe Jörg Tremmel. "Die fetten Jahre sind vorbei - aber nur für uns Junge", hat er einmal festgestellt und daraus den Schluss gezogen, anstehende Lasten gleichermaßen auf Jung und Alt zu verteilen – Generationengerechtigkeit eben.
ARD.de: Wie wird sich die Rentensituation für die künftigen Rentner und Pensionäre entwickeln – bis zum Jahr 2050
?Jörg Tremmel: Die verschiedenen heute lebenden Generationen werden unterschiedliche Renditen (Beitrags-Leistungs-Verhältnisse) aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten haben. Der Sachverständigenrat [zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Anm. d. Red.] hat kürzlich Renditeberechnungen veröffentlicht, nach denen die Rendite für Männer und Frauen um rund 25 Prozent sinkt.
Die Rendite eines ledigen Rentners, der zum 1.1.2004 im Alter von 65 Jahren in Rente ging, beträgt nach Berechnungen des Verbandes der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte 3,96 Prozent. Ein heute 30-Jähriger, der ungefähr im Jahr 2040 in Rente geht, erhält nur noch eine Rendite von 3,0 Prozent. Sicher ist: Ein heute geborenes Kind hätte ohne Reform nur noch eine minimale oder gar negative Rendite. So ist es nicht verwunderlich, dass die überwiegende Mehrheit der Jüngeren nicht glaubt, dass sie aus ihren Zahlungen in das staatliche Rentensystem noch nennenswerte Rückflüsse zu erwarten haben.
Durch die Alterung der Gesellschaft droht zukünftigen Generationen diese Überlastung. Ohne Änderung der Rahmenbedingungen würde der Altenquotient von 0,44 auf 0,78 bis 2050 steigen, d.h. auf fünf Aktive kämen dann ungefähr vier Rentner.
Wie sieht Ihr Wunsch-Szenario für das Rentensystem im Jahr 2050 aus?
Die SRzG vertritt den Grundgedanken der "Teillösung" und schlägt hierfür das Modell der "hälftigen Teilung" vor. Das geht davon aus, dass die Lasten/Überschüsse zur einen Hälfte auf die Beitragszahler und zur anderen Hälfte auf die Rentner umgelegt werden. Das heißt:
• Man ermittelt wie bisher im Herbst jedes Jahres den Finanzbedarf der Rentenversicherung und den dafür notwendigen Beitragssatzanstieg.
• Man erhöht den Beitragssatz nur um die Hälfte.
• Man verringert die jährliche Rentensteigerung für die ältere Generation um die Hälfte. Als Ergebnis beträgt die Rücklage der Rentenversicherung wieder eine Monatsausgabe, die gesetzlichen Vorschriften zur Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung sind erfüllt.
Wenn die Älteren nicht bereit sind, länger zu arbeiten, so müssten sie bereit sein, Kürzungsrunden mitzumachen. Im staatlichen System in Deutschland erleben wir jedes Jahr eine Erhöhung des Gesamtbetrages, den ein Rentner für sein Rentenleben erhält, selbst wenn die Rente nominell gar nicht steigt. Es ist also ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es in den letzten Jahren keine Zuwächse für die Rentner gegeben hat.
Reaktion auf Reform: Protest gegen die Rente mit 67
Eine Fortschreibung des jetzigen Rentensystems – mit Anpassungen – ist eine Variante. Denkbar sind auch andere Finanzierungsmodelle – zum Beispiel kapitalgedeckte Formen.
Die Hauptargumente gegen einen vollständigen Umstieg auf das Kapitaldeckungsverfahren sind folgende:
1. Der Umstieg ist nicht möglich, ohne eine Generation doppelt zu belasten: Die jüngere Generation müsste einerseits die Renten für die heutige Rentnergeneration aufbringen, andererseits müsste sie sich ihre eigenen Renten selbst ansparen. Dieser Umstand reicht aus, um diesen Vorschlag abzulehnen. Keine Organisation, die die heutige Jugend glaubwürdig vertreten will, kann eine solche Lösung fordern.
2. Das Kapitaldeckungsverfahren ist inflationsanfälliger: Deshalb ist eine zumindest teilweise Umlagefinanzierung der Rentenversicherung sinnvoll.
3. Das Kapitaldeckungsverfahren enthält überhaupt keine sozialen Elemente. Da jeder für sich selber spart, entfällt jede Umverteilung zwischen Reich und Arm und zwischen Männern und Frauen, die eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als Männer.
4. Auch der Kapitalmarktzins, der für die Rendite im Kapitaldeckungsverfahren sorgt, ist abhängig von der Bevölkerungsentwicklung. Denn wenn die geburtenstarken Jahrgänge ihre auf dem Kapitalmarkt angelegte Altersversorgung abziehen (z.B. die Aktien verkaufen), so entsteht ein Verkaufsdruck, der die Kurse sinken lässt. Ein Systemwechsel würde in keiner Weise die Generationengerechtigkeit des Rentensystems erhöhen.
Lebensarbeitszeit verlängern - der richtige Ansatz?
Welche Erfahrungen können andere Länder beisteuern?
Es gibt einige gute Rentenreformansätze, dennoch ist es schwierig, Modelle eines Landes auf andere zu übertragen. Auch kann es gerade bei einem so komplexen Vorsorgesystem wie der Alterssicherung Jahrzehnte brauchen, bis eine Umstellung abgeschlossen ist. Im folgenden einige interessante Reformformschläge:
• Island, Norwegen, USA: In den meisten OECD-Ländern liegt die Regelaltersgrenze bei 65 Jahren. In Island und Norwegen beträgt das Regelrentenalter bereits 67 Jahre und in den Vereinigten Staaten wird sie auf 67 Jahre angehoben. Dies ist, bei gleichzeitiger Flexibilisierung, ein richtiger Ansatz.
• Frankreich: Eine sehr familienfreundliche Idee in der Rentenpolitik kommt aus Frankreich. Hier erfolgt eine Rentenerhöhung um 10% bei den Erziehungszeiten ab dem dritten Kind, wodurch eine starke Familienförderung stattfindet.
• Niederlande: Aus den Niederlanden kommt eine Stärkung mindestsichernder Elemente wie der Grundrente, die allen Einwohnern, unabhängig von ihrem Einkommen aus der Pflichtversicherung, zukommt. Zusätzlich sind alle Rentenleistungen in den Niederlanden voll steuerpflichtig, wobei die Besteuerung erst bei der Überschreitung des festgelegten Mindesteinkommens einsetzt. In Deutschland hat man zwar auch den Übergang auf die ‚nachgelagerte Besteuerung’ beschlossen, aber viel zu spät.
Für wie realistisch halten Sie ein Szenario, dass die heute Jungen immer schwerer an der Finanzierung der Rente tragen und dann im eigenen Alter – im Jahr 2050 – selbst an Geldmangel leiden?
Fakt ist, dass zukünftigen Rentnergenerationen, unter Annahme gleichbleibender Bedingungen, schlechter gestellt werden als heutige Rentner. Dennoch halten wir ein solches Schreckenszenario für nicht realistisch, denn ‚die Alten’ sind keine homogene Gruppe, Alt-Sein taugt nicht als Identifikationsmerkmal.
Zudem wird die Konfliktlinie in erster Linie nicht zwischen Jungen und Alten verlaufen, sondern eher zwischen kinderlosen Familien und solchen mit Kindern. Werden die Ressourcen für kommende Rentnergenerationen knapper, so ist damit zu rechnen, dass innerhalb des Familienverbundes Kinder ihre Eltern unterstützen. Das federt deren verschlechterte Rentensituation ab. Beitragszahler könnten es dann eher als ungerecht empfinden, auch noch kinderlose Rentner mitzufinanzieren.
Außerdem wird außer Acht gelassen, dass die Gruppe der über Fünfzigjährigen nach 2010 mehr als die Hälfte der Wahlbevölkerung stellen wird und so eine familienfreundlichere Politik erschwert werden könnte. Aus diesem Grund setzen wir uns für eine Herabsetzung des Wahlalters ein, um die Interessen der Generationen besser ausgleichen zu können.
Ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Jungen mit dem Thema Generationengerechtigkeit ist Ihre Stiftung – erwarten Sie noch ein anderes Engagement?
Wir erwarten Demonstrationen der jüngeren Generation gegen das Rentensystem, wenn diese Generation nicht bald besser gestellt wird.
Autor: Kai Clement






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