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Etikett vom ndr Foto: NDR

Familienpolitik

Mehr Kinder durch weniger Tradition?

Deutsche Frauen haben keine Lust auf Kinder - aus Angst vor dem Karriereknick. Ursache ist ein traditionelles Frauenbild, das sich bis heute hartnäckig hält. Was muss sich bei uns ändern? Ein Kommentar von Stefanie Grossmann.

"Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen" - Ein Zitat aus der Werbung, ausgesprochen von einer Frau. Wie sich herausstellt, managt diese Frau kein Unternehmen, sondern eine Familie. Eine Frau oder besser noch Mutter führt in Deutschland kein Unternehmen. In Deutschland gibt es entweder die verheiratete Mutter und die kinderlose Berufstätige. Die Mutter, die sich nur um die Familie kümmert, ist gesellschaftlich und politisch respektiert. Die kinderlose Berufstätige gilt oft als "Gebärverweigerin" und trägt nicht zum deutschen Bevölkerungswachstum bei.

Ideologie als Geburtenhemmer?

Ideologie als Geburtenhemmer? Das europäische Ausland zeigt, dass es auch anders geht. In Frankreich ist es völlig selbstverständlich, dass Frauen Kinder bekommen und arbeiten gehen. Väter bekommen bei der Geburt ihres Kindes 14 Tage Babyurlaub. Viele der unter Dreijährigen können gratis einen Hort besuchen, die Französinnen bekommen bis zur Einschulung ihres Kindes drei Jahre Erziehungsurlaub - ohne Verlust des Jobs. Auch in Schweden fördert der Staat die Gleichstellung von Mann und Frau beruflich wie gesellschaftlich. Das skandinavische Modell ist frauenfreundlich und damit zugleich kinderfreundlich. Es hat flexiblere Strukturen und diskriminiert keine berufstätigen Frauen. Es betont das "gleiche Recht von berufstätigen Frauen, auch Kinder haben zu dürfen" statt des "Rechts von Müttern, auch arbeiten zu dürfen", wie es die schwedische Friedensnobelpreisträgerin und Sozialreformerin Alva Myrdal formuliert hat.

Von solchen Gesellschaftsbildern können deutsche Frauen nur träumen. Hier ist das Rollenverständnis traditionell und stammt noch aus dem 18. Jahrhundert. Staat und Gesellschaft haben eine Front zwischen der Frau als Mutter und der Frau als Nichtmutter geschaffen. Die Familienpolitik in Deutschland hat versagt. Kein Wunder: Noch vor einigen Jahren hat Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Familienministerium als Ministerium für "Gedöns" bezeichnet. Familienpolitik wurde hierzulande viel zu spät entdeckt und kämpft vorranging gegen Bilder an, die an jeder Lebenswirklichkeit vorbei gehen.

Mutter sein bedeutet hierzulande immer noch: unselbstständig, zu Hause, nicht gleichberechtigt - vor allem im Job. Die Entscheidung gegen Kinder ist auch eine Entscheidung gegen ein solches Rollenbild. Das aber stärkt die traditionellen Vorstellungen nur noch und ändert sie nicht. Neben mehr Krippenplätzen brauchen wir vor allem einen Wertewandel und dieser schließt die Männer mit ein.

Was können die Deutschen besser machen?

Die Gesellschaft muss flexibler sowie toleranter werden und ihr Dogma überwinden, dass Frauen entweder nur Mutter oder nur berufstätig sein können - eine Vorstellung, die auch von nicht wenigen Frauen geteilt wird. Die Emanzipation muss in den Köpfen stattfinden. Die Rolle der berufstätigen Mutter braucht Anerkennung und Förderung. Die Ehe darf nicht das Lebensmodell schlechthin sein. Die Skepsis gegenüber Krippen und Ganztagsschulen muss verschwinden, der Erziehungsurlaub braucht mehr Flexibilität. Der Staat muss die Vollbeschäftigung der Frau und qualifizierte Frauen fördern, damit sie dem Arbeitsmarkt nicht verloren gehen.

Der Soziologe Hans Bertram, Humboldt-Universität Berlin, befürwortet eine dreigeteilte Verantwortung. Besonders die so genannte Rushhour des Lebens muss von allen Beteiligten optimal gestaltet werden – sowohl von den Partnern als auch von Staat und Gesellschaft. "Wir müssen starre Lebensläufe aufbrechen. Bisher galt: erst lernen dann viel arbeiten, dann Rente. Das ist nicht mehr angemessen, nicht nur weil dabei offenbar zu wenig Zeit für das Kinderkriegen bleibt", so Bertram.

Was fehlt, ist nicht unbedingt das Geld für mehr Kinder, sondern der gesellschaftliche und politische Wille. Und Visionen, wie man sinnvoll und zum Vorteil der Gesellschaft Kinder, Familie und Beruf unter einen Hut bekommen kann. Hier wird gerade von jungen Menschen eine Menge Pionierarbeit zu leisten sein.

Ein Kommentar von Stefanie Grossmann

  • Kommentare
    Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Haben die Deutschen ein traditionelles Frauenbild??" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet. Alle Kommentare finden Sie nachfolgend zum Nachlesen.
Hennriette | 22.04.2007 | 01.30 Uhr
Was hat die Emanzipation für Mütter getan? Wir haben heute die Freiheit zu wählen zwischen Karriere und Muttersein. Aber wehe, wir wollen beides. Nachdem ich mit meinem ältesten Sohn Krippenluft schnuppern durfte, erkrankte er schwer. Meine heutigen Probleme mit der Diagnose Posttraumatisches Stresssyndrom fertig zu werden,
hat mich selbst krank gemacht. Niemand weiß anscheinend wie quälend es für Eltern sein kann, wenn das mit der Krippe nicht so klappt. Tradition hin oder her, wenn es um die Versorgung der Kleinsten geht sind die Eltern gerade gut genung.
Fischer | 21.04.2007 | 11.02 Uhr
Ich glaube, dass diese anhaltende Diskussion darueber, ob Muetter von Babies und Kleinkindern denn nun arbeiten gehen sollen oder nicht, der Geburtenrate abtraeglich ist. Diese Diskussion in der Gesellschaft ist anmassend .Eine Mutter muss fuer sich entscheiden, ob sie nach der Geburt direkt wieder arbeiten geht oder nicht. Das kann niemand fuer die Mutter entscheiden, es ist ihr Leben. Wir Muetter schreiben ja auch nicht dem Rentner oder dem Bankdirektor vor, wie er seinen Tagesablauf zu planen hat.
Grit Brunner | 20.04.2007 | 11.54 Uhr
Das angeblich traditionelle Frauenbild ist mehr das Bild der Männer, wie sie Frauen und vor allem sich selbst als Ernährer der Familie sehen. Meine Tochter ist 1 1/2 Jahre und hat trotz meiner beruflichen Tätigkeit und der Betreuung in der Krippe keine irgendwie gearteten Einschränkungen. Durch meine notwendige Art des Umgangs mit Kind und Beruf bin ich der Auffassung dass es jedem selbst überlassen sein sollte, wie er das Familienleben gestalten möchte. Das Festhalten an angeblichen Traditionen ist in diesen Fällen hinderlich, auch wenn dies eine "ur" deutsche Eigenschaft ist.

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ndr | Stand: 04.04.2007
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